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Kreide-Tertiär

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 11.09.2007 20:03

Das Szenario ist schauerlich: Da rast ein zehn Kilometer großer Asteroid mit Höllentempo in die Erde, trifft sie mit ungeheurer Wucht, zertrümmert die Steine an der Einschlagstelle, pulverisiert und verdampft sie. Unmengen an Staub schleudern hoch in die Luft, verfinstern die Erde, blockieren das Sonnenlicht. Über Monate und Jahre herrscht das, was der moderne Mensch mit "nuklearem Winter" bezeichnet. So soll das Ende der Saurier vor 65 Millionen Jahren gekommen sein.

Nachdem sie sich von dem großen Schlag am Ende der Trias erholt hatten, prägten die Dinosaurier das Leben auf der Erde. Die Dinosaurier brachten nicht nur die größten Landraubtiere und Landpflanzenfresser aller Zeiten hervor, etliche Arten bauten Nester und besaßen ein ausgeprägtes Brutpflegeverhalten und einige scheinen warmblütig gewesen zu sein - oder so groß, dass dies keine Rolle mehr spielte. Doch vor rund 65 Millionen Jahren bereitete die bekannteste globale Katastrophe den Sauriern ein Ende.

Ein Asteroideneinschlag soll an der Grenze zwischen Kreide und Tertiär die Dinosaurier ausgelöscht haben.

Seine Berühmtheit verdankt dieses Massenaussterben weniger seinem Ausmaß, da ist es nur mittelmäßig, vielmehr liegt es an der Prominenz der Opfer. Fast alle größeren landlebenden Wirbeltiere waren vom Aussterben betroffen, Krokodile, Großechsen, Schildkröten. Vögel und nicht zuletzt die Säugetiere überlebten. Die Ursache dieses Massenaussterbens ist heftig umstritten. An dieser Frage entzündete sich einer der heftigsten Auseinandersetzungen in der jüngsten Wissenschaftsgeschichte. In der blauen Ecke stehen die Vertreter der Impakttheorie, die von dem Physik-Nobelpreisträger Louis Alvarez und seinem Sohn Walter aufgestellt wurde. Ihrer Ansicht nach ist ein Asteroid, der vor rund 65 Millionen Jahren vor der Halbinsel Yucatan einschlug, Hauptauslöser des Massenaussterbens am Ende der Kreidezeit. In der roten Ecke stehen auf der anderen Seite die Anhänger der Vulkanismus-Theorie angeführt vom Geologen Dewey Mc Lean. Sie sehen einen langanhaltenden Vulkanismus, ausgehend vom indischen Dekkan-Trapp-Plateau als den "Hauptschuldigen".

Zwischen den verschiedenen Parteien herrscht so etwas wie das wissenschaftliche Äquivalent einer kriegerischen Auseinandersetzung. Beide interpretieren ein- und dieselbe Gesteine unterschiedlich. Das gilt auch für die neue Bohrung im Chicxulub-Krater, der durch den Asteroideneinschlag entstanden ist und die Grenze zwischen Kreidezeit und Tertiär markiert. Genau das stellt Gerta Keller von der Princeton Universität in Frage: "Der Chicxulub-Einschlag ist nicht das Ereignis, das Kreide und Tertiär trennt, sondern er ist älter. Wir haben damals nicht nur einen Einschlag gehabt, sondern mehrere." Vor 65 Millionen Jahren soll es drei Einschläge gegeben haben, und Chicxulub soll 300.000 Jahre zu alt sein. Das Mikroplankton überlebte den Einschlag, so ihre Diagnose des Bohrkerns. Ohne Massenaussterben jedoch steht der Krater nicht für die Grenze zwischen Kreide und Tertiär, die eben dadurch markiert wird. Der Chicxulub-Krater sei zwar rund 150 Kilometer groß, aber seine biologischen Folgen seien gering, er habe kein Massenaussterben verursacht.

Gerta Keller weiß, dass die Sache mit dem todbringenden Einschlag kompliziert ist. Klar ist: Weltweite Folgen konnte der Asteroid nur durch das Zusammenspiel vieler besonderer Faktoren bekommen. Die Befürworter der Einschlagsthese rechnen beispielsweise mit einem schnellen Klimawechsel zwischen Warm und Kalt. Die Yucatan-Halbinsel besteht aus Kalksteinen und wasserfreiem Gips. Verdampfen sie beim Einschlag, setzt das schlagartig dramatische Mengen an klimawirksamen Stoffen wie Staub, Kohlendioxid und Schwefeloxide frei. Aber die geochemischen Analysen zeigen, dass von allem zu wenig freigesetzt wurde, um zu erklären, warum es die Saurier in aller Welt dahingerafft haben soll.

Fast der gesamte Gipfel des Mount St. Helens, wurde bei seinem gewaltigen Ausbruch 1980 weggesprengt. Foto: USGS

Also vielleicht war es dann doch eher ein Treibhauseffekt, der durch den Flutbasaltausbruch hervorgerufen worden ist und in den dann der Asteroid noch hinein raste? Thierry Adatte von der Université de Neuchâtel: "Der Chicxulub-Einschlag passierte während eines gewaltigen vulkanischen Ausbruchs: die Dekkan-Flutbasalte in Indien. Damals gab es gewaltige Eruptionen, die eine Fläche, größer als Frankreich, mit kilometerdicken Basaltfluten bedeckten. Dadurch kamen riesige Mengen an Kohlendioxid und anderen Treibhausgasen in die Luft." Das Massenaussterben hätte nicht eine Ursache gehabt, sondern gleich mehrere. Begonnen hätte alles schon viel früher, erklärt Thierry Adatte: "Während der Kreidezeit war das Klima sehr warm gewesen, aber gegen Ende dieser Zeit begann ein starker Klimawandel, so dass sich vielleicht sogar Eis in der Antarktis bildete. Schon durch diese allmähliche Abkühlung starben Tiere aus. Aber dann begann dieser gewaltige Vulkanausbruch, der die Energie von 200 Chicxulub-Einschlägen freigesetzt hat. Die gewaltigen Mengen an Treibhausgasen sorgten für eine schnelle Erwärmung." Der Chicxulub-Einschlag soll die Erde zu Beginn dieser Erwärmungsphase getroffen haben. Durch die Erwärmung stieg die Temperatur in den Meeren um drei bis vier Grad, an Land sogar um vielleicht sieben Grad. Viele Organismen litten unter Hitzestress. "Es hat wohl ein unglückliches Zusammentreffen gegeben von Klimawandel, massivem Vulkanismus und Einschlägen. Alles zusammen könnte einfach zu viel für die Lebenswelt und viele Organismen gewesen sein und es wird sie ausgerottet haben", erklärt Gerta Keller.

Der Kampf zwischen beiden Parteien ist heftig, auch wenn sie inzwischen beide einräumen, dass das jeweils andere Ereignis vielleicht doch stattgefunden haben kann. Aber sie halten trotzdem unbeirrt an ihrer jeweiligen Idee fest.