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Kunstschnee mit Nebenwirkungen

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 11.09.2007 19:40

Europas Wintersportgebiete durchleben unruhige Zeiten. In der Saison 2005/2006 wurden viele von ihnen unter einem Übermaß an Schnee geradezu begraben, dafür sieht es in der jüngsten Saison nach einem katastrophalen Reinfall aus - trotz des Schneefalls der letzten Tage. Ausreichend Schnee gab es nur in den höchsten Lagen, ansonsten blickten die Gäste vornehmlich auf grüne Hänge. Eine wachsende Zahl von Wintersportorten behilft sich daher mit Kunstschnee, einem Trick, den man in den Alpen künftig öfter und umfassender anwenden muss. Doch diesen Komfort gibt es nicht umsonst - Untersuchungen über die Folgen für die Umwelt beginnen gerade erst.

Der Beginn der Skisaison fiel diesmal aus. Den ganzen Dezember über gab es in den Alpen eigentlich nur grüne Hänge zu bewundern. Folgt man den Prognosen der Klimaforscher, wird das in den Alpen künftig häufiger der Fall sein. Für die Hoteliers der Wintersportorte war es ein schlechtes Omen. "Zum Saisonstart will man heutzutage eine Schneedecke gewährleisten, und dessen kann man sich auch in größeren Höhen nie sicher sein, auch wenn es kalt genug ist", erklärt Christian Rixen vom Schweizer Institut für Schnee- und Lawinenforschung in Davos, "und deswegen geht der Trend inzwischen auch in größeren Höhen dahin, dass beschneit wird." Denn noch mögen die Wintersportorte nicht von der einträglichen Klientel lassen.

Noch ein Paradies für Snowboarder: die Alpen. Foto: Worldwinterforum

Schneelanzen und -kanonen sind deshalb oft die einzigen Mittel, mit denen den Gästen die gewünschte Unterlage geboten werden kann. Insbesondere in Deutschland und Österreich, wo die meisten Skiorte in relativ niedriger Höhe liegen, dürfte sich dieser Trend verstärken. Die Geräte versprühen ungeheure Mengen fein zerstäubtes Wasser, das bei Temperaturen knapp unter Null Grad zu kleinen Eiskörnchen gefriert. Schneekristalle, wie sie vom Himmel fallen, sind das zwar nicht, aber für die Pisten reicht es aus. "In Österreich werden zurzeit ungefähr 40 Prozent der Skipisten beschneit, in Südtirol zum Beispiel sind wir inzwischen schon bei 80 bis 90 Prozent", erklärt Rixen. In der Schweiz mit ihren hochgelegenen Gebieten, sind es dagegen erst 15 Prozent. "Das Ausmaß der Beschneiung wird stark zunehmen. Wenn man rein ökonomisch argumentiert, haben wir quasi den Fall, dass eine flächige Beschneiung, fast 100 Prozent Beschneiung angestrebt wird. Nicht ganz 100 Prozent, aber 80 oder 90 Prozent", so Rixen. Die Beschneiungsanlagen belasten aber nicht nur die Bilanzen der Wintersportorte und ihrer Hotelbetriebe, sondern auch die Umwelt. Carmen de Jong, Professorin am Hochgebirgsinstitut der französischen Universität von Savoyen in Chambéry: "Mittlerweile werden schätzungsweise 95 Millionen Kubikmeter Wasser jährlich für Kunstschnee benutzt, das ist soviel, wie die jährliche Nutzung einer Stadt mit circa 1,5 Millionen Einwohnern." Dabei täuschen rauschende Bergbäche und große Ströme in den Alpen oft einen Wasserreichtum vor, der so gar nicht vorhanden ist. Gerade in den Wintermonaten fließe nur wenig Wasser, "und gerade zu der Zeit, also in den Monaten Januar und Februar wird am meisten Wasser für die Produktion von Kunstschnee auch entnommen". In manchen Bächen, so die Hydrologin, wird bis zu 70 Prozent des Abflusses entnommen, die Flüsse trockneten dadurch beinahe aus. Die Wasserentnahme ist im Übrigen keineswegs nur vorübergehend. Wenn nämlich der Kunstschnee taut, gelangen nach de Jongs Schätzungen nur rund 70 Prozent zurück in den Wasserkreislauf, der Rest sublimiert oder verdunstet unwiderruflich in die Atmosphäre. Die französischen Wasserbehörden gehen sogar noch weiter: Bei der Berechnung der Wassersteuer setzen sie einen Verlust von 50 Prozent an, auch wenn dabei möglicherweise vor allem fiskalische Gründe eine Rolle spielen.

Engpässe in der Wasserversorgung - so prophezeien es die Klimaexperten -wird es in Zukunft aber sowieso in den Alpen geben, ganz unabhängig von der Kunstschneeproduktion. Wenn die Gletscher schwinden , verliert die europäische Hochgebirgskette einen wichtigen Wasserspeicher, der auch im Sommer die Bäche speist. Auch die Niederschläge sollen zukünftig geringer, oder zumindest ungünstiger verteilt sein. Kurze und heftige Platzregen wechseln sich mit ausgedehnten Trockenperioden ab. Durch die vermehrte künstliche Beschneiung gerät der Wasserkreislauf auch noch im Winter unter Druck. De Jong: "Es gibt Kommunen in den französischen Alpen, denen wurde so viel von ihrem Trinkwasser für Kunstschnee entnommen, dass sie ihr Wasser nicht mehr aus den Oberflächenquellen nehmen können, sondern jetzt zunehmend Wasser pumpen müssen." Die Wissenschaftlerin rechnet auch mit Konflikten zwischen den Betreibern von Stauseen zur Stromerzeugung und den Wintersportbetrieben, schließlich müssen auch die Reservoire der Kraftwerke gefüllt werden.

Wasser stellt Hochgebirgsflora vor Probleme

Den Wassermangel werden die Menschen schnell zu spüren bekommen, doch ein anderes Problem vollzieht sich im Verborgenen, wenn die Touristen nämlich abgereist sind. Der Kunstschnee bleibt länger auf den Hochgebirgswiesen und Matten liegen. Christian Rixen: "Diese Differenz kann zwei bis drei Wochen betragen. Es kann sein, dass im hochalpinen Gebiet, wo die Vegetationsperiode ohnehin schon sehr kurz ist, zwei bis drei Wochen weniger zur Verfügung stehen." Hinzu kommt noch, dass mit dem Kunstschnee ungewollt Dünger auf die Magerwiesen des Hochalpin gelangen kann. "Die Qualität des Wassers, insbesondere sein Nitratgehalt, können ein großes Problem darstellen", erklärt Michele Freppaz vom Institut für Schneeforschung und hochalpine Böden der Universität Turin.

Denn das verwendete Wasser kommt auch aus Reservoiren, die aus Landwirtschaftsgebieten gespeist werden. Der überschüssige Dünger von den Äckern landet in ihrem Wasser und wird über die Beschneiungsanlagen auf die Almmatten gebracht. Die Pflanzen in den oberen Lagen sind aber so hervorragend an das karge Nährstoffangebot dort angepasst, dass ein Überangebot an Nährstoffen schädlich für sie ist. Insbesondere erhalten dann Konkurrenten eine Chance, die unter bisherigen Umständen nicht in derartigen Höhen gedeihen konnten. "Wir haben im Mittel einen achtfach höheren Ioneneintrag auf einer Kunstschnee Piste im Vergleich zu einer Naturschnee-Piste und daher auch eher Pflanzen auf den Skipisten, die nährstoffreiche Bedingungen anzeigen", berichtet auch Christian Rixen.

Schnee in den Alpen. Foto: Worldwinterforum

Angesichts der möglichen Folgen für Hydrologie und Umwelt raten die Experten daher, sich den Einsatz von Schneekanonen und Co. gut zu überlegen. Denn auch der Kunstschnee hat nur bei Umgebungstemperaturen Bestand, die halbwegs den natürlichen für Schnee entsprechen. Steigen die Temperaturen in den Alpen tatsächlich so an, wie von Klimaforschern vorhergesagt, könnte manche Skipiste ihre teuren Investitionen bald komplett abschreiben. "Es ist wichtig, in der Zukunft zu schauen, in welchen Gebieten es sich wirklich noch nachhaltig lohnt, in künstliche Beschneiung zu investieren", mahnt Christian Rixen. Schweizer dürften es da leichter haben als Deutsche oder Österreicher. Doch die, so die Empfehlung der Ökologen, könnten sich ja Alternativen zum Wintersport überlegen, zum Beispiel Sommertourismus. Carmen de Jong: "Ich frage mich, ob wir in Zukunft möglichst unter allen Umständen Skifahren und diese Funparks wirklich auf Kosten der Umwelt unterhalten werden sollten."