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Lange Geschichte der Ausbeutung

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 29.04.2010 15:44

Die Menschheit begeht Raubbau an einer der wichtigsten Nahrungsquellen, die sie besitzt. Fast 75 Prozent aller kommerziell genutzten Fischbestände sind bis an die ökologisch zumutbaren Grenzen beansprucht, viele sogar darüber hinaus. Das sagt die UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft, FAO, die nicht unbedingt im Ruf besonderer Schwarzmalerei steht. Allerdings ist es nicht erst die industrialisierte Fischereiwirtschaft, die die Meere leert. Ein Ergebnis des internationalen Mammutprojektes "Zensus des Marinen Lebens", das in diesem Jahr zu Ende geht, war: Die Menschen störten das Gleichgewicht in den Ozeanen nachhaltig und veränderten die Ökosysteme dauerhaft, sobald sie aktiv wurden.

Bild aus dem Schlaraffenland"Die gute alte Zeit ist nicht 10, 20, oder 50 Jahre her, sondern 100, 200 oder 300 Jahre. Und selbst damals waren die Meere nicht ursprünglich. Das gibt uns eine Vorstellung davon, was wir wirklich verloren haben", betont die Dänin Anne Marboe von der Roskilde Universität, eine der Koordinatoren des historischen Teilzensus H-Map. Der Einfluß des Menschen reicht weit, viel weiter als sein direkter Aktionsradius. "Wir haben 90 Prozent der Tiere an der Spitze der Nahrungsnetze weggefangen", bilanziert der Umwelthistoriker Poul Holm vom Dubliner Trinity College. Eine solche Radikalmaßnahme wirkt sich bis in alle Winkel des eigentlich für uns immer noch recht verschlossenen Ökosystems Ozean aus. Wann immer im Meer ein Nahrungsnetz seiner prominentesten Mitglieder beraubt wird, schlagen die Veränderungen bis zur Basis durch - und meist erhalten dann Lebewesen eine Chance, mit denen der Mensch nicht viel anfangen kann. "So etwas wie ein ursprüngliches Ökosystem werden wir nirgends mehr in den Weltmeeren finden", erwartet Anne Marboe.

Thunfischauktion in Japan"Lange hatten wir das Gefühl, dass das Meer so groß ist und unser Einfluss relativ zum Meer so klein, dass Probleme nur lokal sein würden, zum Beispiel wenn ein Tanker auf Grund läuft. Wir haben lange nicht geglaubt, dass es möglich ist, dass die Menschen das Meer als Gesamtsystem beeinflussen und verändern können", erklärt Meeresbiologe Boris Worm von der Dalhousie University im kanadischen Halifax. Dass das nur ein Gefühl war, zeigten die Detailstudien, die im Rahmen von H-Map rings um den Globus durchgeführt wurden. "Da hat sich gezeigt, dass verschiedene Einflüsse des Menschen wirklich globale Auswirkungen haben und das Meer als Gesamtsystem nicht nur verändern können, sondern stark verändert haben."

Vielfalt vor Papua-NeuguineaDas historische Projekt sollte dabei nicht nur das Protokoll einer zunehmenden Überforderung der Weltmeere durch die menschliche Nachfrage erstellen, sondern so etwas wie einen Maßstab erarbeiten. "1999 hielt ich in Sankt Petersburg einen Vortrag darüber, wie die Menschheit vor Jahrhunderten ihr Protein aus dem Meer geholt hat", erinnert sich Poul Holm, "nach dem Vortrag erklärte mir ein Biologe, wie wertvoll diese historischen Informationen doch für die Biologie wären. Denn wir sind heute zutiefst darüber besorgt, ob wir bei unseren Konzepten, die Meere nachhaltig zu bewirtschaften, die richtigen Referenzen gewählt haben." Derzeit beruhen Managementkonzepte für die Weltmeere meist auf Datengrundlagen, die die jüngsten Jahrzehnte berücksichtigen.

Korallenriff im Roten MeerDer Blick in frühere Jahrhunderte, so fragmentarisch er sein mag, zeigt allerdings: Damit greifen diese Konzepte viel zu kurz, weil sie bereits auf weitgehend gestörte Verhältnisse widerspiegeln. "Wir haben uns an eine durch den Menschen verarmte Welt gewöhnt, daran, nur wenige Tiere um uns herum zu sehen. Wir haben vergessen, wie unglaublich produktiv die Erde einmal gewesen ist", kritisiert auch Stephen Palumbi, Biologieprofessor an der kalifornischen Stanford University und Leiter der Hopkins-Meeresstation in Monterey. Der Sündenfall der Menschheit auf den Weltmeeren kam zu unterschiedlichen Zeitpunkten. In den Gewässern Australiens fiel er zusammen mit dem Aufkommen der Industriefischerei in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Das dürfte auch für die Kabeljaufischer vor Maine und Neufundland gelten, oder für die Sardinen- und Anchovisfischerei vor Kalifornien oder Chile. All diese einst unglaublich ertragreichen Fanggründe sind ruiniert, die vor der nordamerikanischen Ostküste vermutlich dauerhaft.

FächerkoralleIn der Karibik überschritt der Mensch schon vor drei Jahrhunderten die Grenze. Die bis dahin geradezu vor Vielfalt berstenden Ökosysteme sind seither nur noch ein Schatten vergangener Schönheit, auch wenn Hobbytaucher immer noch begeistert sind. In Europa liegt der Zeitpunkt, an dem der menschliche Einfluß die Ökosysteme beeinträchtigte Jahrhunderte tief in der Vergangenheit. Beispiel: das Wattenmeer der Nordsee. Derzeit dient das Jahr 1850 als Maßstab für ein "natürliches" Wattenmeer. Daran richten sich das Monitoringprogramm und die Managementplanungen aus. Aber 1850 ist das falsche Referenzjahr: Das Wattenmeer wird schon seit mindestens 500 Jahren übernutzt. Diese Übernutzung hatte schon lange zuvor Folgen. Boris Worm: "Die Artenvielfalt, die Fischerei, die Produktivität der Fischerei nahm stark ab, die Verfügbarkeit an Lebensräumen für den Aufwuchs von Jungfischen ebenso, und vielleicht der wichtigste Punkt war, dass die Kapazität des Ökosystems, die Wasserqualität hochzuhalten, verringert wurde."

Früher reinigten reiche Muschel- und Austernbestände das Wasser. Heute ist von ihnen so gut wie nichts mehr übrig - und so ist es vorbei mit der Selbstreinigungskraft. Dazu kommt die Überdüngung, die der Nordsee seit 100 Jahren zu schaffen macht. Deshalb ist das Wasser viel trüber als einst, toxische Algenblüten sind häufiger und fremde Arten haben ein leichtes Spiel in das kränkelnde Ökosystem Wattenmeer einzuwandern. Es geht bergab.

ForschungstrawlInzwischen haben wir überall auf dem Globus ein Stadium erreicht, in dem trotz wachsender technologischer Aufrüstung nicht mehr Fisch gefangen werden kann. Wie beim Öl könnte auch beim Fisch das Maximum überschritten sein. Die Meere geben einfach nicht mehr her. Und das schlägt langsam auf die Menschen durch. Als erste sind die Fischer selbst dran. Die weltweite Fischereiflotte ist nach Angaben der Umweltschutzorganisation WWF zweieinhalb Mal größer als sie für eine nachhaltige Fischerei sein dürfte. All diese Schiffe wollen eingesetzt werden, ihre Mannschaften Arbeit haben. Doch die wird es immer weniger geben, wenn sie so fortfahren wie bisher. Es ist ein Teufelskreis, wenn nichts getan wird, wird sich das Schicksal der Kabeljaufischer von Cape Cod überall wiederholen. Die fischten ihre überreichen Fanggründe nach Leibeskräften leer, als ob es kein Morgen gäbe. Die Bestände brachen zusammen, Tausende Fischer und ihre Familien standen vor dem Nichts.

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