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Langfristige Rohstoffsicherung

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 19.06.2009 12:00

Als Beitrag zu einer in Zukunft gesicherten Rohstoffbasis für die deutsche Industrie hat sich die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe eine Erkundungslizenz für ein 75.000 Quadratkilometer großes Areal im Pazifik gesichert. Es liegt im so genannten Knollengürtel, wo große Vorkommen an Manganknollen erwartet werden. Zurzeit sind BGR-Wissenschaftler vor Ort, um das Gebiet genau zu vermessen.

Lizenzgebiete im PazifikDie Rohstoffpreise bewegen sich in jüngster Zeit wie auf einer rasanten Achterbahnfahrt. Deutschland mit seiner exportorientierten Industrie spielt bei dem Geschehen eine passive Rolle, denn das Land hat kaum eigene Rohstoffe und die Liste der international tätigen Bergbauunternehmen hiesiger Provenienz ist kurz. Gerade einmal vier deutsche Unternehmen sind nach einer BGR-Erhebung aus dem Jahr 2006 noch im Erzbergbau jenseits deutscher Grenzen tätig und keins von ihnen gehört zu den Größen der Branche.

Bislang überließ die deutsche Politik die Rohstoffversorgung weitgehend der Privatwirtschaft, doch seit 2005 ist die Bundesrepublik offiziell in die langfristige Suche nach Rohstoffen eingestiegen. Als einer von insgesamt acht Lizenznehmern hat sich die dem Wirtschaftsministerium zugeordnete Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe Erkundungsrechte für ein 75.000 Quadratkilometer großes Stück im zentralen Pazifik zwischen Hawaii und Mexiko gesichert. „Deutschland ist in vielen Bereichen zu 100 Prozent von Metallrohstoffimporten abhängig. Da ist es sinnvoll, sich dem Thema, wie ist die Versorgungssicherheit auch in den nächsten Jahrzehnten zu gewährleisten, zu widmen“, erklärt Michael Wiedicke, Referatsleiter Meeresgeologie bei der BGR.

Kilo MoanaWiedicke befindet sich gerade auf einem Forschungsschiff der Universität Hawaii in dem Lizenzgebiet, um eine genaue Karte des Meeresbodens zu erstellen. „Wir vermessen die örtliche Topographie, erstellen eine GPS-genaue Kartographie und wir nehmen Proben“, erklärt der Geologe. Deutschlands Ansprüche wurden auf Basis von 30 Jahre alten Erkundungsdaten angemeldet, diese müssen aktualisiert und vor allem entscheidend verbessert werden. „Vor 30 Jahren wurden Proben mit einer Positionsgenauigkeit von plus/minus einer Seemeile genommen, das sind 1,8 Kilometer“, verdeutlicht Wiedicke, „das heißt, Sie finde diese Position ihr Leben nicht mehr wieder.“ Die genaue Positionierung aber ist für eine eventuelle spätere Nutzung extrem wichtig. Das zeigen die ersten Tage der Expedition. Die Tiefseeebenen sind bei weitem nicht so flach, wie angenommen. „Es gibt reichlich kleine und auch große Seamounts, die mehrere 100 Meter über die Umgebung aufragen“, berichtet Wiedicke von Bord der „Kilo Moana“, „heute haben wir einen von 1500 bis 2000 Meter Höhe überfahren.“ Solche Berge müssen später, wenn der Abbau beginnt, vermieden werden. Stattdessen brauchen die Roboter möglichst flache, dicht mit den Rohstoffknollen bedeckte Ebenen.

Manganknollen im SchnittManganknollen entstehen im Sediment der Meeresböden, wenn Wässer aus dem Untergrund aufsteigen, die dort entsprechende Metalle aus dem Gestein gelaugt haben. Wie eine Auster Schicht um Schicht um ein eingedrungenes Sandkorn legt, wachsen die Knollen Schicht um Schicht um einen Kristallisationskeim, ein Gesteinsfragment, ein Stück Knochen oder ähnliches. „Die entstehen ganz langsam, mit Wachstumsraten von etwa ein bis drei Millimeter pro Million Jahre“, erklärt Peter Herzig, Direktor des Leibniz-Instituts für Meereswissenschaften in Kiel. Bei Größen, die bis zu 30 Zentimeter erreichen können, kann man sich ausrechnen, wie lange diese Knollen auf dem Meeresgrund heranwuchsen.

Wiedickes Expedition soll jetzt überprüfen, ob sie tatsächlich so häufig vorkommen und auch, ob die Metallgehalte, die vor 30 Jahren ermittelt wurden, stimmen. „Das Wichtige an den Manganknollen sind die Wertmetalle Nickel, Kupfer und Kobalt“, betont Herzig, „allein beim Kupfer ist es so, das der Preis in den letzten zwei Jahren um etwa das Sechsfache gestiegen ist. Das gleiche gilt für Nickel, ein begehrtes Stahlveredler-Element, und dann auch für Kobalt. Hier gibt es eine enorme Nachfrage aus Asien und das könnte diesen Manganknollen-Bergbau tatsächlich wirtschaftlich machen.“ Bei den Proben aus den 70er Jahren schwankten die Gehalte an den drei Metallen um drei Prozent. Das ist nur scheinbar wenig, doch in Chile werden Lagerstätten mit weniger als 1,5 Prozent Kupfergehalt höchst profitabel ausgebeutet. „Das heißt, dieser Gehalt ist zunächst noch einmal gar nicht so sehr ungewöhnlich niedrig, sondern im Grunde durchaus interessant“, meint Wiedicke.

Nimmt man die derzeit gehandelten Gehalte als Anhaltspunkt, so ruhen auf dem Meeresgrund des deutschen Lizenzgebiets gewaltige Rohstoffmengen. „Man kann davon ausgehen, dass man 25 bis 30 Millionen Tonnen Kupfer, Kobalt, Nickel vorfinden kann“, so Wiedicke. Hinzu kommen weitere Metalle, die damals von geringerem Interesse waren, heute dafür umso begehrter sind: Seltene Erden wie etwa Tellur oder Selen sind wichtige Rohstoffe für die Solarindustrie. Sie werden ebenfalls in den Knollen vermutet, doch ihr Gehalt muss erst noch bestimmt werden.

Manganknollen auf dem MeeresbodenRentabel würde der Abbau nach groben Schätzungen ab einer Größenordnung von einer Million Tonnen Manganknollen pro Jahr  und spielte dann eine nicht zu unterschätzende Rolle auf den Rohstoffmärkten. Hermann Kudrass, der vor Wiedicke bei der BGR die Erkundung für den Meeresbergbau vorantrieb: „Wir haben mal Abschätzungen gemacht, wenn ein Bergbauunternehmen eine Million Tonnen Manganknollen pro Jahr etwa fördert, dann ist das, was das Kupfer angeht, ein Prozent der Weltproduktion. Was das Nickel an geht, wird es auf zehn Prozent steigen, und bei Kobalt könnte es erheblich mehr werden. Also für Nickel und Kobalt ist es signifikant, für Kupfer marginal.“

Allerdings gibt es noch eine ganze Reihe von Fragezeichen. So hat man noch keine Abbaumethode gefunden, die die Knollen effizient vom Meeresboden aufsammelt, durch rund 5000 Meter Wassersäule zur Oberfläche befördert und dabei die Umwelt möglichst wenig beeinträchtigt. Die Abbaumethoden aus den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts scheiden aus, weil sie den Umweltschutz vollkommen vernachlässigt haben. Gedacht war damals an pflug- oder staubsaugerähnliche Geräte, die die Knollen mitsamt dem Sediment des Meeresbodens einsammeln und nach oben verfrachten. An Bord des Schiffes sollten dann die Knollen aussortiert werden und der Schlamm zurück in die See gepumpt werden. Wie lange es dauert, bis sich eine solche Schlammwolke wieder gesetzt hat, daran dachte damals niemand. Heute weiß man, dass die Meeresströme sie  vermutlich durch den ganzen Pazifik verbreitet hätten, quasi als Dunstschleier im Wasser. „Ich gehöre sicherlich nicht zu denjenigen, die nur den Meeresschutz in den Vordergrund stellen“, erklärt Peter Herzig, selbst Meeresgeologe, „aber ich glaube, bei den Manganknollen müsste man sich schon auf die Seite der Meeresschützer begeben und sagen, das könnte ein ökologisches Desaster bedeuten.“

ManganknollenAuch bei der Aufbereitung sucht man noch nach der geeigneten Methode. Manganknollen lassen sich nicht mit vertretbarem Aufwand in den herkömmlichen Anlagen der großen Bergwerke an Land behandeln. Für sie müssen komplett neue Anlagen mit komplett neuen Aufschlussverfahren entwickelt werden. Viele Gruppen rund um die Welt arbeiten daran, auch in Deutschland sitzt ein Team der RWTH Aachen daran. Hier eine Lösung zu finden, ist kritisch, „denn“, so Hermann Kudrass, „60 bis 70 Prozent der Kosten entstehen an der Küste, wo man versuchen muss, mit einem großen Energieaufwand und viel Chemie die drei Prozent hochwertvollen Metalle herauszulösen“. Hier soll die BGR-Expedition ebenfalls notwendige Vorarbeit leisten, indem sie schlicht genug Knollen für Experimente nach Deutschland bringt.

Angesichts dieser Reihe von Fragezeichen wundert es nicht, dass der Manganknollenabbau wenn überhaupt, dann erst mittelfristig ins Auge gefasst wird. Früher an den Start gehen wird die Jagd nach den edelmetallreichen schwarzen Rauchern. Hier soll das erste Unternehmen bereits 2010 seine Tätigkeit aufnehmen. Doch auch die Jäger der Manganknollen erwarten diesen Termin mit Spannung, denn da wird sich zum ersten Mal erweisen, ob die bisherigen Kostenschätzungen und Berechnungen der Realität standhalten, oder von den harschen Verhältnissen am Meeresgrund über den Haufen geworfen werden. Schon einmal verlosch die Euphorie über die  Manganknollen wie ein Strohfeuer. Von den Explorationen und Abbauvorhaben der 70er Jahre ließ die damalige Energiekrise nichts als die Daten übrig, die Michael Wiedicke und seinen Kollegen heute als Grundlage für ihre Expedition dienen.

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