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Leidenschaft für die Entwicklung des Menschen

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 11.09.2007 20:13

Unser Wissen von Ursprung und Entwicklung des Menschen hat in den vergangenen 50 Jahren gewaltige Fortschritte gemacht. Nur wenige Wissenschaftler haben das Fach so geprägt wie Yves Coppens, Paläoanthropologe am Collège de France. Zu seinen Entdeckungen zählt die berühmte "Lucy", das Fossil eines drei Millionen Jahre alten Australopithecus afarensis. Auch an der Beschreibung von Orrorin und Sahelanthropus tchadensis, die beide zu unseren frühesten bislang bekannten Vorfahren gehören, war Coppens beteiligt. Im Frankfurter Senckenberg hielt der Wissenschaftler jetzt die fünfte "G.H.R. von Koenigswald Lecture", die seit 2002 jährlich zu Ehren des berühmten Paläoanthropologen gehalten wird. Anläßlich dieser Veranstaltung sprach Holger Kroker mit Yves Coppens.

Kroker: Herr Coppens, warum wird man eigentlich Paläoanthropologe?

Coppens: Die Vergangenheit fasziniert mich schon seit der frühesten Jugend, wahrscheinlich weil für junge Menschen die Vorstellungskraft ein wichtiger Teil des Lebens ist. Ich glaube, dass das für mich ein wichtiger Grund war, weshalb ich mich so sehr für die Erforschung der Vergangenheit interessiert habe. Der zweite Punkt ist, dass mein Vater Physiker war und ich schon in einer wissenschaftlichen Welt aufwuchs. Aber ich habe mich eher für die Erforschung des Menschen interessiert und fühlte mich viel stärker zu Geschichte und Archäologie und schließlich Paläoanthropologie hingezogen als zu der Biologie oder den Naturwissenschaften.

Kroker: Wie begann Ihre Karriere?

Coppens: Schon als ich zehn oder elf Jahre alt war, sammelte ich Steine, Knochen und Keramikscherben. Aber im Ernst: Meine wissenschaftliche Karriere begann 1956. Da war ich 22 Jahre alt und ging zum französischen CNRS, dem Nationalen Forschungszentrum. Danach kam eine Professur am Nationalen Naturhistorischen Museum in Paris und seit 23 Jahren habe ich den Lehrstuhl am Collège de France inne. Meine akademische Karriere fand also komplett in Paris statt. Aber natürlich kann man Paläoanthropologie nicht ohne Geländearbeiten betreiben, denn unser Untersuchungsgegenstand, die Funde, ist ja in der Erde verborgen. Ich musste also im Gelände arbeiten und es war jedes Mal ein Vergnügen. In 30 Jahren habe ich schätzungsweise sechs oder acht Monate des Jahres im Gelände verbracht und die verbliebenen Monate in Paris. Die meiste Zeit war ich in Afrika, eigentlich war ich öfter dort als in Europa.

Senckenberg-Direktor Volker Mosbrugger (l.) begrüßt Yves Coppens. Bild: Senckenberg/Sven Tränkner

Kroker: Wie hat sich unser Bild von der Entstehung des Menschen während Ihrer Karriere verändert?

Coppens: Die Veränderung unserer Wissenschaft und unseres Wissens seit 1956 ist unglaublich. Damals war Afrika nicht so wichtig, aber heutzutage ist es unser hauptsächliches Forschungsgebiet, weil Afrika eben auch die wichtigste Rolle in der Entwicklung unserer Art spielt. Das ist jetzt sehr klar und auch unser Wissen über die Entwicklung des Menschen und seine Wanderungen. Wie der Mensch die Erde bevölkert hat, kann inzwischen ganz gut erklärt werden.

Kroker: Ist der Stammbaum des Menschen immer noch ein Baum?

Coppens: Nun, es ist immer noch ein Baum, aber ein komplizierterer als vorher. Das ist immer so: Wenn man nur wenige Fossilien hat, zeichnet man einfach Linien zwischen diesen Funden und man bekommt einen wunderbaren Stamm zwischen den ältesten und den jüngeren Fossilien. Aber wenn man mehr Funde hat, merkt man, dass es doch komplizierter wird. Man zieht dann nicht nur eine Linie und es kommt ein Baum heraus, aber ich würde die Bezeichnung Strauß vorziehen, weil es treffender ist als Baum und auch treffender als Busch.

Wenn Sie sich die Geschichte des Universums ansehen, können Sie etwa 15 Milliarden Jahre zurückgehen. Für diese 15 Milliarden Jahre kann man verfolgen, wie sich unbelebte Materie entwickelt, wie ein Teil dieser unbelebten Materie sich in belebte Materie verwandelt, von der wiederum ein Teil sich zu denkender Materie entwickelt. Und wir, die Gattung Homo und besonders Homo sapiens, sind die einzigen Wesen, die diese denkende Materie repräsentieren. Wir sind als mittelgroßes Säugetier in einer heiklen Lage auf diesem kleinen Planeten, aber wir haben gleichzeitig die fantastische Verantwortung des einzigen Wesens, das weiß, dass es weiß. Und zu wissen, dass man weiß, ist per definitionem Reflexion, wie wenn man in den Spiegel schaut. Und das ist unsere Überlegenheit gegenüber allen anderen Wesen und jeder Materie, die sich seit 15 Milliarden Jahren entwickelt hat.

Kroker: Ihr Name ist unter anderem mit drei wesentlichen Entdeckungen verbunden, die Aufschluss über die Entstehung des Menschen geben: dem Australopithecus afarensis, genannt Lucy, dem Orrorin, genannt Millenium Man, und dem Sahelanthropus, genannt Toumai. Wie sind diese drei Fossilien miteinander in Beziehung zu setzen?

Coppens: Das sind alles Vormenschen, doch der wahre Vorfahr des Menschen, der Gattung Homo, muss sich innerhalb dieser Gruppe von Wesen befinden. Allerdings weiß momentan niemand, ob es Orrorin, Toumai oder Australopithecus afarensis, Lucy also, ist. Ich persönlich glaube nicht, dass Lucy es ist, wegen ihres geologischen Alters und auch wegen einiger ihrer Charakteristika. Ich persönlich bin auch momentan nicht sicher, dass Toumai eine Rolle für unsere Entstehung gespielt hat. Orrorin könnte dem, was wir als Vorfahr des Menschen annehmen, näher kommen. Aber ich weiß es einfach nicht, und ich glaube, dass niemand zurzeit weiß, ob sich der wahre Vorfahr des Menschen unter den Fossilien befindet, die wir bereits entdeckt haben, oder ob er noch gefunden werden muss.

Yves Coppens, Collège de France, ist einer der führenden Paläoanthropologen der Welt. Bild: Senckenberg/Sven Tränkner

Kroker: Wie suchen Sie sich eigentlich ihre Ausgrabungsstätten?

Coppens: Der wichtigste und offensichtliche Ansatz ist der geologische. Man muss damit beginnen, das Gelände zu begreifen, bevor man die Dinge angehen kann, die im Erdboden konserviert wurden und sich noch darin befinden. Das heißt, Fossilien müssen geschützt sein, damit sie die Zeit überdauern können, also müssen sie sich in Sedimenten befinden. Als erstes muss man daher ein Sedimentbecken finden, und dieser erste Überblick kann aus der Luft gewonnen werden. Geologische Becken, Sedimentbecken, können gut aus der Luft ausgemacht werden und aufgrund der Abtragung, der Erosion, kann man auch aus der Luft eine Vorstellung vom geologischen Alter dieser Ablagerungen gewinnen, die man kartiert. Wenn man dann das Gelände vollständig verstanden hat, dann, und nur dann, kann man die Erde aufgraben, um zu sehen, ob darin etwas verborgen ist. Ich glaube, dieser geologische Ansatz ist sehr wichtig, damit man keine Zeit verschwendet. Für mich ist es der richtige Weg, zum richtigen Ort zu gelangen, um dann mit etwas Glück das Fossil zu finden, hinter dem man her ist.

Kroker: Welche Rolle spielt denn Glück für den Paläoanthropologen?

Coppens: Nun, natürlich spielt Glück eine Rolle, aber Sie können seine Rolle beschränken, indem sie die Grabung mit Studien und Forschungen gut vorbereiten. Schauen Sie, wenn Sie wissen wollen, was sich in einer verschlossenen Schachtel befindet, dann ist es am besten, sich erst einmal die Schachtel genauer anzusehen, bevor man sie öffnet und den Inhalt inspiziert. Auf diese Weise verringert man die Abhängigkeit vom Glück. Glück, denke ich, gibt es schon in der Geländearbeit. Manchmal arbeiten Sie drei oder vier Monate im Gelände, Sie machen Entdeckungen und erzielen Ergebnisse, aber eben keine aufregenden Resultate, und manchmal, möglicherweise auch ziemlich oft, wird die große Entdeckung am letzten Tag vor der Abreise gemacht. Ich weiß auch nicht, warum das so ist. Das Bewusstsein scheint irgendwie so organisiert zu sein, dass man gerade am Schluss den richtigen Riecher hat. Dann sind Sie in der Situation, entweder die spannende Entdeckung sich selbst zu überlassen und abzureisen, oder ihren Aufenthalt zu verlängern, um mehr zu finden. Das ist schon erstaunlich. Aber noch einmal, Glück ist bei der Sache im Spiel und manchmal findet man das tolle Fossil sehr schnell, manchmal dauert es länger und manchmal passiert es gar nicht.

Ich erinnere mich an eine Begebenheit 1962 oder 1963: Ich hatte gerade 1961 im Tschad meinen ersten Hominidenschädel entdeckt, und beim Anblick dieses Fossils fragten mich Leute, ob ich es mir vorstellen könnte, nur diesen einen Schädel und sonst nichts mehr in meinem Leben zu entdecken. Das ist für einen Wissenschaftler natürlich ganz undenkbar. Als Forscher erwartet man mehr und immer mehr Entdeckungen, was meine Wissenschaft angeht also Hominidenfossilien. Und glücklicherweise habe ich seitdem hunderte von anderen Hominidenfossilien gefunden.

Friedemann Schrenk, Paläoanthropologe am Forschungsinstitut Senckenberg, stellte dem Publikum seinen Lehrer vor. Bild: Senckenberg/Sven Tränkner

Kroker: Was halten Sie eigentlich von dem öffentlichen Interesse an Ihrer Wissenschaft?

Coppens: Ich glaube, dass dieses Interesse gut ist und auch der Wissenschaft gut tut. Dabei ist das nur zu verständlich, denn zu allererst erzählt die Paläoanthropologie unsere eigene Geschichte. Wissen Sie, in gewisser Weise, übernimmt sie damit die Rolle, die früher die Schöpfungsmythen spielten, die es in jeder Kultur gibt. Seit es die Menschheit gibt, hat jede Kultur Erklärungen für den Anfang und die Zukunft oder das Schicksal des Menschen gesucht, denn mit dem Bewusstsein kam auch das Bedürfnis zu wissen, wer wir sind, woher wir kommen und wohin wir gehen. Mythen und wahrscheinlich auch Religionen beantworten diese Fragen oder versuchen es zumindest. Und zurzeit gibt es Völker, nicht alle, aber manche, in denen der Glaube an diese Antworten abnimmt. Diese Leute wenden sich jetzt an die Wissenschaft und die Wissenschaftler, um eine Antwort auf ihre Fragen zu erhalten.

Wissen Sie, in jeder Ausstellung, die ich mache, liegt ein Notizbuch aus, damit die Leute etwas hineinschreiben können. Manche schreiben Gratulationen für die Ausstellung oder ähnliches hinein, was nicht so wichtig ist. Aber manche schreiben glücklicherweise hinein, welche Gedanken sie beim Gang durch die Ausstellung hatten - und es sind immer Ausstellungen über den Ursprung des Menschen oder eines bestimmten Volkes, oder vergleichbare Themen. Und diese Menschen schreiben dann oft, dass die Geschichte, die wir mit der Ausstellung erzählen, für sie eine Art Ermutigung ist. Und das bedeutet doch, dass sie diese Ermutigung brauchen, dass sie einen Mangel empfinden und mehr erfahren möchten über unsere Vergangenheit und auch etwas über die Zukunft. Und dieser Sinn, den wir der Vergangenheit geben, ist für sie, soweit ich das verstanden habe, eine Art Trost und etwas sehr wichtiges.

Also, ich verstehe durchaus, warum die Öffentlichkeit sich an uns wendet, warum jeder zerbrochene Knochen, den wir mitten in der Wüste ausgraben, es auf die Titelseiten vieler Zeitungen zumindest in Europa und Amerika, vielleicht auch anderswo schafft. Aber wir sind keine Priester, wir sind nicht in der Lage, alle Fragen zu beantworten. Wir sind und wir bleiben Wissenschaftler und können keine Antworten auf Fragen außerhalb dieser Wissenschaft geben.

Kroker: Können Sie denn dieses Bedürfnis der Öffentlichkeit erfüllen, oder laufen Sie Gefahr missverstanden zu werden?

Coppens: Nun, wissen Sie, wir tun, was wir können. Aber ich für meinen Teil, und ich glaube, das gilt auch für alle meine Kollegen, ich versuche bei dem zu bleiben, was ich wissenschaftlich verantworten kann. Ich denke, wir können Daten zur Verfügung stellen, belastbare Daten, über die man nicht diskutieren muss. Dann müssen wir allerdings der Öffentlichkeit auch klarmachen, dass es jenseits dieser Daten Interpretationen gibt, und Interpretation kann diskutiert werden. Jenseits dieser Interpretation kommt dann die Spekulation. Es gibt also drei Schritte: Die Daten, die wir als Fachleute verfügbar machen, die wir beweisen können, die wir demonstrieren können, und über die es keine Debatte gibt. Aber als Wissenschaftler ist es uns auch erlaubt, diese Daten zu interpretieren, das ist auch Teil unserer Verpflichtung. Interpretationen können wir auch zur Verfügung stellen, aber jenseits dieser Interpretationen kommt das Reich der Kunst, der Spekulation, und da hinein begebe ich mich nicht. Das ist nicht meine Aufgabe.