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Licht und Schatten beim Tsunamischutz

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 09.01.2015 16:36

Der Tsunami von Weihnachten 2004 im Indischen Ozean öffnete Wissenschaftlern, Behörden und Bevölkerung die Augen: Tsunamis sind eine unterschätzte Gefahr. Seither wurde viel Geld in die Erforschung und Beobachtung der Riesenwellen und den Schutz vor ihnen investiert. Dennoch zogen Wissenschaftler auf der Herbsttagung der Amerikanischen Geophysikalischen Union in San Francisco eine gemischte Bilanz des vergangenen Jahrzehnts.

Bild von der abfließenden Welle. (Foto: USGS/Chris Chapman, Schlumberger Cambridge Research)Am 26. Dezember 2004 löste ein Mega-Erdbeben Tsunamis im Indischen Ozean aus, denen nach offiziellen Statistiken 185.000, nach anderen Quellen sogar 230.000 Menschen zum Opfer fielen. "Seither hat sich das Bewusstsein für diese Gefahr drastisch verbessert", bilanzierte Charitha Pattiaratchi, Professor für küstennahe Ozeanographie an der Universität von Westaustralien in Perth, "wir haben neben dem Frühwarnsystem für den Pazifik auch eins für den Indischen Ozean, wir verstehen die Mechanismen besser und wir haben bessere Instrumente, so dass wir auch besser beobachten und vorhersagen können."

Tatsächlich decken die Frühwarnsysteme inzwischen fast alle tsunamigefährdeten Regionen der Erde ab. "Wir haben Vorhersagemodelle aufgebaut, die mit jedem tatsächlichen Ereignis verbessert werden", erklärte Vasily Titov, Direktor des Tsunamiforschungszentrums, das der US-Wetterdienst NOAA am Pacific Marine Environmental Laboratory (PMEL) in Seattle betreibt, "und unseren Detektoren entgeht heutzutage kein Tsunami mehr." Das gilt auch für die kurzlaufenden, von denen man sich gerade in Japan fürchtet. Nur wenige Dutzend Kilometer östlich der japanischen Inseln ziehen sich Tiefseegräben durch den Pazifischen Ozean. Schwere Erdbeben können dort gefährliche Flutwellen wie die vom März 2011 auslösen. Deshalb baut der Inselstaat gerade für 300 Millionen Dollar ein ganzes Netz von Tsunamidetektoren vor seiner Ostküste auf. Beim Tohoku-Erdbeben hatten drei dort stationierte Messgeräte die drohenden Wellen gemeldet, die kurze Zeit später über die Küste hereinbrachen. Die neuen Instrumente decken den Süden Honshus ab und sind per Kabel mit dem Festland verbunden.

Während sich für den Indischen und Pazifischen Ozean und im Golf von Mexiko bei der Tsunamiwarnung viel verbessert hat, bereitet der Mittelmeerraum Probleme: "Es gibt kein koordiniertes Frühwarnzentrum, vor allem wegen Rivalitäten zwischen den Staaten", kritisiert Costas Synolakis, Professor für Bauingenieurwesen an der Universität von Südkalifornien in Los Angeles. Dabei haben die Mittelmeeranrainer große Erfahrungen mit den tödlichen Wellen. Bis zum Jahr 2004 war etwa der Tsunami, der 1908 die sizilianische Hafenstadt Messina zerstörte, der Spitzenreiter in der Katastrophenstatistik. Damals starben 123.000 Menschen.

Frühwarnsystem steckt im staatlichen Gerangel fest

Tsunamiwarnsystem auf Hawaii. (Bild: Flickr/Mike Hudack)Die Bemühungen um ein Frühwarnzentrum, das auch die Küsten Nordafrikas und des Nahen Ostens abdeckt, laufen schon seit Jahren, doch ein wirklicher Fortschritt ist nicht festzustellen. Schon die physikalische Ausgangslage ist hier wesentlich ungünstiger als in den großen Ozeanbecken. Im Mittelmeer brauchen die Wellen höchstens eine Stunde, um eine Küstenlinie zu erreichen - meist jedoch sehr viel weniger, die Vorwarnzeit ist deshalb sehr kurz. Hinzu kommt aber auch, dass die wichtigste Voraussetzung für eine exakte Modellierung der Flutwellen an vielen Orten schlichtweg fehlt. "Wir haben keine Überflutungskarten für den größten Teil der Mittelmeerküsten", kritisiert Synolakis, der auch Professor für Naturkatastrophen an der Technischen Universität von Kreta ist, "selbst wenn eine Warnung ergehen sollte, wohin sollte man die Menschen evakuieren?"

Das staatliche Gerangel im Mittelmeerraum ist nicht nur Ausdruck nationaler Eifersüchteleien, sondern hat auch eine militärische Komponente. Die für die Modellierung der Flutwellen am Zielort notwendigen bathymetrischen Daten werden in vielen Staaten weiterhin als nationales Geheimnis betrachtet. Für Eddie Bernard, bis 2010 PMEL-Direktor in Seattle, weckt das Erinnerungen an die Situation im Indischen Ozean nach dem Weihnachts-Tsunami. "Da gab es auch Staaten, die diese bathymetrischen Informationen unter keinen Umständen teilen wollten", erzählt der renommierte Tsunamiexperte, "wir konnten diesen Knoten nur durchschlagen, indem wir diesen Ländern unsere Tsunami-Modelle zur Verfügung stellten." Die betreffenden Staaten ließen die Simulationen auf ihren eigenen Rechnern mit ihren eigenen Daten laufen und gaben nur die Simulationsergebnisse an die Partner in den Warnzentren weiter. "Das war eine technische Lösung für ein politisches Problem", so Bernard.

Ernstfalltraining in der Krise

Ganz und gar nicht zufrieden sind die Experten dagegen mit den Notfallvorbereitungen selbst in Gebieten, die wie Japan oder Kalifornien als sehr gut präpariert gelten. "In den ersten beiden Jahren nach 2004 gab es ermutigende Anstrengungen in aller Welt, aber die scheinen mit der Zeit wieder eingeschlafen zu sein", kritisiert Costas Synolakis. Einfachste Verhaltensregeln sind inzwischen nicht mehr präsent. "Wir haben ein Video vom Santa-Monica-Pier über den Tsunami, der am 27. Februar 2010 von Chile ausging, auf dem man das Meer zurückweichen sieht", erzählt Synolakis kopfschüttelnd, "und was tun die Menschen? Sie rennen zum Wasser, um zu sehen, was los ist. Das ist genau das falsche Verhalten." 2004 starben viele Menschen, weil sie beim ersten Anzeichen des Tsunamis nicht sofort flüchteten. Die Menschen an der kalifornischen Pazifikküste hatten Glück: Die Flutwelle am Santa-Monica-Pier war etwa 40 Zentimeter hoch.

Der griechische Bauingenieur, der seit dem Studium in Kalifornien lebt, kennt jedoch noch andere, schrecklichere Beispiele dafür, dass das Katastrophentraining der Bevölkerung grundlegend verbessert werden muss: etwa das einer Grundschule im japanischen Sendai. "Japan ist das am besten auf Tsunamis vorbereitete Land der Erde und trotzdem hat es an dieser Schule ein derartiges Durcheinander gegeben, dass die Hälfte der Menschen starb", erklärt Synolakis. Als das Tohoku-Beben die Schule traf, gingen Lehrer wie Schüler, wie sie es in den regelmäßigen Katastrophenschutzübungen gelernt hatten, klassenweise auf den Schulhof. "Dann kam der Tsunami-Alarm", so Synolakis. Bei Tsunami-Alarm sollten sich alle in höhere Stockwerke zurückziehen, um den Wassermassen auszuweichen. Auch das hatten Lehrer und Schüler gelernt und gingen entsprechend zurück ins Schulgebäude. "Doch dann kam das Nachbeben und kurz darauf gingen die Tsunami-Warnsirenen erneut los, und das hat Chaos ausgelöst", so Synolakis. Ein großer Teil der Schüler blieb mit ihren Lehrern auf dem Schulhof, die anderen kehrten ins Gebäude zurück. Wer im Schulhof geblieben war, starb. Synolakis Lehre: "Man muss auf das Schlimmste vorbereitet sind. In Japan hat man Erdbeben-Alarme geübt und man hat separat Tsunami-Alarme geübt, aber man hat nie beides zusammen geübt, und das war fatal."

Realitätstest für Zivilschutz

Bild von Hilo auf Hawaii Island aus dem Jahr 1946. (Bild: USGS)Vor dem Chaos sind im Krisenfall aber auch die professionellen Katastrophenschützer der Zivilschutzbehörden nicht gefeit. Zwar üben auch sie regelmäßig den Notfall, doch nach Synolakis Ansicht haben die meisten dieser Übungen nur wenig Sinn: "In Kalifornien und in Japan werden sie mit dem Ziel abgehalten, dass alles glatt geht. Es werden regelrechte Drehbücher mit exakt vorgegebenen Szenarien abgearbeitet, aus denen man im Endeffekt gar nichts lernt." Im Ernstfall pflegten sich die Umstände nicht um Szenarien zu kümmern, sondern störten mit unvorhergesehenen Ereignissen deren Ablauf.

"In Europa haben wir 2011 zum ersten Mal eine Tsunamischutzübung in Südkreta veranstaltet und ich hatte gehofft, dass sehr viel schief ging", berichtet Costas Synolakis von einem anderen Ansatz. Seine Hoffnung erfüllte sich. Von den Zivilschutzbehörden vor Ort über Helfertrupps aus anderen Staaten bis zur Katastrophenhilfe-Koordinierungsstelle im fernen Brüssel wurden alle Beteiligten in ein wahres Chaos gestürzt. Die Satellitenkommunikation zwischen den Beteiligten funktionierte nicht, die Zivilschutzzentralen kamen nicht mit ihrer Hightech-Ausstattung zurecht und waren von der schieren Masse der auf sie einprasselnden Informationen überfordert. Die zwischenstaatliche Nothilfe stieß dagegen urplötzlich auf längst überwunden geglaubte bürokratische Hürden - so waren die Impfbescheinigungen für die Hunde plötzlich wichtiger als die schnelle Hilfe. "Wir Wissenschaftler haben immer wieder neue Herausforderungen für die Teilnehmer eingeführt, etwa Erdrutsche, die Straßen blockierten oder Flutwellen, die einen Flughafen lahmlegten", so Synolakis, "am Ende hatten die Behörden eine Vorstellung davon, wie herausfordernd eine solche Krisensituation wirklich ist." Der griechische Experte hofft, dass solche Stress-Tests in Europa regelmäßiger stattfinden und sich auch in Japan und Kalifornien etablieren.