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Mangroven bieten Rückzugsraum für Korallen

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 20.06.2017 11:52

Korallenpolypen scheinen sich durchaus mit den schlechteren Umweltbedingungen arrangieren zu können, die im Zuge des Klimawandels für das Ende des Jahrhunderts vorhergesagt werden. Wissenschaftler berichten jetzt von solchen Riffen, die unter Extrembedingungen in einer Lagune gedeihen. Dennoch, so warnen sie, müssten die Bemühungen weitergehen, dass die Weltmeere erst gar nicht so weit kommen.


Das untersuchte Korallenriff in der Lagune von Bouraké auf Neukaledonien. (Bild: IRD)

Das untersuchte Korallenriff in der Lagune von Bouraké auf Neukaledonien. (Bild: IRD)

 

Den Korallenriffen der Welt wird eine düstere Zukunft prophezeit. Sie sollen zu den ersten Opfern gehören, wenn weltweit die Temperaturen in den Ozeanen steigen, sich der Säuregrad des Meerwassers erhöht und damit einhergehend der Sauerstoffgehalt sinkt. Korallenbleichen in der Karibik und vor Australiens Küsten haben einen Vorgeschmack geliefert, was in Zukunft bevorstehen könnte. Doch die Korallenpolypen scheinen nicht ganz hilflos zu sein. In "Nature Scientific Reports" berichten Forscher aus Neu-Kaledonien und Australien von Riffen in einer Lagune auf der Hauptinsel der französisch verwalteten Gruppe, die unter Bedingungen gedeihen, wie sie für das Ende dieses Jahrhunderts vorhergesagt werden.

Taucher kontrollieren Messinstrumente, die in der Lagune von Bouraké installiert wurden. (Bild: IRD)In der Lagune von Bouraké, rund 85 Kilometer von der Inselhauptstadt Nouméa entfernt, haben die dichten Mangroven einen vielleicht 800 Meter langen, ein paar Dutzend Meter breiten und nur wenige Meter tiefen Kanal offen gelassen, der nur von See aus mit Wasser versorgt wird. Hier werden Wassertemperaturen von über 33 Grad erreicht, der pH-Wert liegt mit weniger als 7,3 deutlich unter der derzeit in den Weltmeeren gemessenen Spanne von 7,5 bis 8,4 und unterschreitet sogar den für 2100 als weltweites Mittel vorhergesagten Wert. Der Sauerstoffgehalt des Lagunenwassers liegt mit rund 70 Mikromol pro Liter an der Grenze zur Sauerstoffmangelzone.

Dennoch haben die Forscher um Ricardo Rodolfo-Metalpa von der örtlichen Zweigstelle des Institut de Recherche pour le Développement (IRD) und David Suggett von der University of Technology Sydney (UTS) rund 20 Arten von Korallen gefunden, die in Sachen Wachstum und Kalkskelettbildung kaum ihren Artgenossen in besser versorgten Regionen nachstehen. Unter den Korallen sind auch die als Riffbildner bedeutenden Arten Porites lutea, Acropora pulchra und formosa. "Dass sie unter diesen Umweltbedingungen gedeihen, gibt uns die Hoffnung, dass bestimmte Korallen auch in Zukunft bestehen werden", erklärt Rodolfo-Metalpa. Die Forscher hoffen, dass "Super-Korallen" wie die aus der Lagune von Bouraké den Grundstock für neue Riffe bilden können, falls sich die derzeitigen tatsächlich nicht an die verschlechternden Umweltbedingungen anpassen können.

Wissenschaftler konservieren Korallenproben für genetische Studien in flüssigem Stickstoff. (Bild: IRD/P. Naudin)Die Lagune auf Neu-Kaledonien ist nicht der einzige Ort auf der Welt, an dem Korallen gefunden wurden, die es selbst mit extrem ungünstigen Lebensumständen aufnehmen. Vor der Pazifikküste von Zentralamerika gibt es etwa Korallenstöcke, die in der Nähe von natürlichen Kohlendioxidquellen am Meeresboden gedeihen. Auch in einigen Lagunen auf der Pazifikinsel Palau gibt es blühende Korallenriffe, obwohl dort ein extrem niedriger pH-Wert des Ozeanwassers gemessen wurde. In Tidentümpeln im amerikanischen Samoa steigen dagegen die Wassertemperaturen regelmäßig über 35 Grad, ohne dass die dort wachsenden Korallen sich sonderlich beeindruckt zeigten. "Diese Systeme sind daher so etwas wie natürliche Labore", erklärt Emma Camp, Biogeochemikerin von der UTS, "die uns einen Blick in die Zukunft der Korallenriffe gewähren."

Die Forschungen in all diesen natürlichen Laboratorien zeigen, dass die Polypen sich mit diversen physiologischen Tricks gegen die Verschlechterungen bei Temperatur, Sauerstoffgehalt oder Säuregrad schützen können. So können sie die Kalkbildungsprozesse gegen ungünstigere pH-Bedingungen im Umgebungswasser abschirmen oder ihre Ernährung und damit Energiegewinnung an unterschiedliche Bedingungen anpassen. Die Lagune von Bouraké beweist überdies, dass diese Schutzmaßnahmen nicht nur für kurzfristige Notlagen gedacht sind, sondern auch ein normales Korallenleben unter Extrembedingungen erlauben.


Nahaufnahme von Korallenstöcken während einer Bleiche. (Bild: IRD/J. Orempuller)

Nahaufnahme von Korallenstöcken während einer Bleiche. (Bild: IRD/J. Orempuller)

 

Allerdings sind die Wissenschaftler in einer Beziehung glasklar. Selbst wenn die Mangroven auf Neukaledonien einen geschützten Rückzugsraum für Korallen bieten, sind die prachtvollen Ökosysteme wie am Großen Barriereriff vor Nordostaustralien auf das äußerste gefährdet. "Auch wenn unsere Entdeckungen extrem positiv sind, dürfen wir die Bedrohung nicht kleinreden, die der Klimawandel für die weltweiten Korallenriffe darstellt", erklärt UTS-Forscher David Suggett. Die Riffe werden weiterhin unter Korallenbleichen leiden und voraussichtlich nicht zu halten sein. Aus Systemen wie Bouraké könnten allerdings auf mittlere Frist wieder Korallen in die zerstörten Riffe einwandern. Emma Camp wird auf den Informationen aufbauen, die die Arbeitsgruppe in der Lagune auf Neukaledonien gewonnen hat, und mit einer eigenen Forschungsgruppe im Großen Barriereriff nach möglichen "Super-Korallen" suchen, die bereits vor Ort sind.