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Den Geowissenschaften auf der Spur: Meeresgeochemie + PR = Wissenschaftskommunikation

erstellt von aahke zuletzt verändert: 22.06.2009 13:38

Den Geowissenschaften auf der Spur....ist die Artikelserie der planeterde-Redaktion, die über das Berufsbild der GeowissenschaftlerInnen von heute berichtet. Anlaß ist das "Internationale Jahr Planet Erde", in dessen Rahmen planeterde auf die Aufgaben und vielfältigen Berufsfelder in geowissenschaftlichen Berufen aufmerksam machen möchte. Einst selten studiertes Fach "von gestern", bieten die Geowissenschaften mittlerweile ein breites Spektrum an hochaktuellen Themen und sind somit in das Zentrum des öffentlichen Interesses gerückt. planeterde stellt interessante Forscher und Forscherinnen vor und berichtet in Videos und Interviews über aktuelle Themen. Den Auftakt der Serie machen zwei Erfahrungsberichte. planeterde Redakteurin Astrid Ahke zeigt an ihrem Beispiel, welche Berufvielfalt in einem Geowissenschaftler stecken kann. Rolf Emmermann, Präsident der GeoUnion, berichtet für planeterde aus seinem Erfahrungschatz von rund 40 Jahren Forschung und über Perspektiven in den Geowissenschaften.

Meeresgeochemie + PR = Wissenschaftskommunikation

Vom Abenteuer Studium und der Schatzsuche um den passenden Arbeitsplatz. Ein Bericht von planeterde-Redakteurin Astrid Ahke.

„Glück auf“ möchte ich jedem zurufen, der sich auf das Abenteuer Studium und Forschung einlässt. Längst vorbei sind die Zeiten klar vorgezeichneter Berufswege und einen passenden Job zu finden, gleicht eher einer Schatzsuche. So finden moderne Geowissenschaftler mittlerweile nicht nur unter Tage, sondern auch in vielen Nischen des oberirdischen Arbeitsmarktes Beschäftigung.

Welche Kriterien sind bei der Berufswahl entscheidend?  Das Interesse an naturwissenschaftlichen Phänomenen regt sich bei jedem unterschiedlich. In meinem Fall hat es bis zum Ende meiner Schulzeit gedauert. Aufgewachsen bin ich mit WAS-IST-WAS-Büchern und TV-Sendungen wie zum Beispiel „Der Sendung mit der Maus“, „Löwenzahn“ und „Knoff-Hoff“ – aber Forscherdrang? Im Kindergarten beschränkte sich mein Kontakt mit den Erdwissenschaften noch auf den Bau von Sandburgen. Dass ich einmal im Meeresboden herumwühlen und ihn sogar analysieren würde, hatte ich damals nicht geahnt.  Das Blatt wendete sich erst in der Oberstufe mit einer wirklich engagierten Lehrerin. Chemie wurde plötzlich zum spannenden Erlebnis: leuchtend glühendes Natrium flitzte über Wasser und wurde untermalt von Knallgasexplosionen.

Badewannenkapitänin









Erster Kontakt mit dem Element Wasser.

Seit meiner Sandkastenzeit hat sich allerdings Bemerkenswertes auf dem Bildungssektor getan. Dass Kinder im Vorschulalter von Natur aus neugierige, kleine Entdecker sind, hat zum Beispiel die kürzlich ins Leben gerufene Initiative „Das-Haus-der-kleinen-Forscher“ erkannt. Pädagogisch logisch: in der KITA werden einfache Experimente mit den Kindern erarbeitet, um sie spielend an naturwissenschaftliche Zusammenhänge zu gewöhnen. Ganz alltägliche Phänomene,  wie zum Beispiel die Karies auf den Zähnen entsteht, werden in eine Kurzgeschichte gebettet und mit einem Experiment „zum Selbermachen“  begleitet. So können sich Kinder in jungen Jahren völlig ungehemmt auf das Abenteuer Wissenschaft einlassen. Wissenschaft für Vorschulkinder hat auch Einzug ins Fernsehen gehalten. Live-Experimente  in Sendungen wie beispielsweise der „Mit-Mach-Mühle“ (Ki.Ka) oder „Eureka-TV“ (ARD) haben genauso Hochkonjunktur wie Wissenssendungen für Kinder („1,2 oder 3“, „Willi will’s wissen“). Auch in der Schule rückt Wissenschaft mehr in den Vordergrund – PISA sei Dank. Zielgruppe sind neben den Schülern vor allem auch die Lehrer, die durch Angebote seitens der Universitäten und wissenschaftlicher Einrichtungen motiviert werden sollen, den eigenen Chemie- oder Physikunterricht lebendiger und nah an der aktuellen Forschung zu gestalten. Dieses Ziel verfolgt beispielsweise das Schülerlabor CHEMOL an der Universität Oldenburg, an der auch ich studiert habe. Gemeinsam experimentieren dort Schüler und Lehrer nach Herzenslust rund um die Elemente Feuer, Erde, Wasser und Luft.  Zahlreiche Forschungseinrichtungen in der Helmholtz-Gesellschaft bieten den Besuch ihrer Schülerlaboratorien an. Ob im DESY (Deutsches Elektronen Synchrotron) oder im GFZ (Geoforschungszentrum) Potsdam - das Themenspektrum umfasst sämtliche Naturwissenschaften,  von der Kernspaltung bis zur Geophysik. Richtig schade, dass es das zu meiner Zeit noch nicht gab.

Wat(t)'n Spaß!















  

Biologisches Praktikum in Schottland mit den MUWIs.

Mein Entschluss, Marine Umweltwissenschaften (MUWI) zu studieren, war daher eher aus spontanem Interesse geboren und aus der Überzeugung gewachsen, dass Umweltforschung, speziell die der Meere, auf dem Vormarsch ist. Von einem Tag der offenen Tür an der Göttinger Uni, konnte ich kaum einen Eindruck eines zukünftigen Studiums gewinnen. Heute ist das anders: Dank der seit sieben Jahren stattfindenden Vorlesungen an den Kinder-Unis weiß mittlerweile jedes Kind, wie es auf einem Campus so zugeht. Dabei steht das Themenspektrum der Kinder-Uni dem üblichen Vorlesungsverzeichnis in nichts nach. Die Jungstudenten können sogar an chemischen und physikalischen Experimentalvorlesungen und Praktika wie im echten Unialltag teilnehmen.  Die erste Kinder-Uni  wurde übrigens von einem Geologen mit einem Beitrag über Vulkane eröffnet.

Mein Studium war ein Gewinn in vielerlei Hinsicht. Da der Studiengang an sich erst seit einem Jahr bestand, sozusagen noch in den Kinderschuhen steckte, wurden wir MUWIs Pioniere am Oldenburger Campus. Entdeckergeist und Teamwork prägten unseren überschaubaren Jahrgang von einem Dutzend Studenten. Deshalb war bei den meisten ein Auslandsaufenthalt fest eingeplant. Während meines einjährigen Praktikums an einem Institut in Neuseeland habe ich viel über Atmosphärenforschung und „echte“ Wissenschaft gelernt. Die wichtigste Erkenntnis war aber, zu Lernen, über den Tellerrand zu schauen und sich auch auf andere Fachgebiete einzulassen.

Nach meinem Auslandjahr zog es mich auf das Meer. Während einer Ausfahrt der Bundesforschungsanstalt für Fischereiforschung erlernte ich das Handwerkszeug rund um den wissenschaftlichen Fischfang. An Bord der Walther-Herwig III ging es in die arktischen Gewässer Spitzbergens.  Ein Jahr später fuhr ich wieder zur See. Im Rahmen meiner Diplomarbeit am Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung war ich bei der Expedition  mit der „Polarstern“ nach Grönland und Spitzbergen an Bord. Sechs Wochen schlüpfte ich in die Rolle einer Meeresgeologin und Ozeanographin. Der gesellschaftliche Höhepunkt der Ausfahrt war die Polartaufe. Denn kein Seemann wagt es ungetauft und ohne die Gunst des Meeresgottes Neptun, die Gewässer nördlich des Polarkreises zu kreuzen.


Killerinstinkt

Auf der Walther-Herwig-III beim Fischeschlachten.

Das Leben und Arbeiten an Bord und die anschließende Diplomarbeit hat mich noch neugieriger auf Wissenschaft gemacht, so dass ich mit einer Doktorarbeit am Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie  tiefer in die Meeresforschung eintauchen  wollte. Genauer gesagt, in den Meeresboden, da dort das abgestorbene Algenmaterial abgelagert ist, das ich auf seine molekulare Zusammensetzung hin untersuchen wollte. Das Ziel war herauszufinden, wie reaktiv, also biologisch verwertbar, es noch für die im Meeresboden lebenden Bakterien ist. Für die geochemischen Prozesse spielt die Menge des produzierten Algenmaterials eine Rolle, aber auch die Geologie des Meeresbodens – speziell seine mineralogische Zusammensetzung. Meine Untersuchungen haben mich zunächst nach Kreta, später an Bord der Forschungsschiffe Meteor und Jan Mayen nach Namibia, Norwegen und in die Arktis geführt. Die eigentliche Arbeit, die Analyse der auf dem Schiff gesammelten Proben und zahlreiche Experimente, spielte sich allerdings im Institutslabor ab. Hier war weniger Abenteuerlust als präzises Arbeiten und vor allem Geduld gefragt. Ich erkannte schon bald: ein Wissenschaftler hat niemals genug Probenmaterial. Er ist ein wahrer Jäger und Sammler. Wie sein nimmersatter Hamsterdrang, so ist auch sein Wunsch endlos weiterzuforschen, ungebrochen.

Wenn man sich in der deutschen Forschungslandschaft einmal umschaut, fällt auf, wie wenig Frauen es in Führungspositionen und überhaupt in technischorientierten, so genannten „Männerberufen“ gibt. In der Physik gibt es beispielsweise einen weiblichen Anteil von nicht einmal vier Prozent, die in leitenden Positionen an Hochschulen oder in der Industrie tätig sind. Dem entgegen wirkt der seit 2001 jährlich stattfindende Girl’s Day, den ich während meiner Doktorandenzeit auch miterlebt habe. An diesem Tag besuchen zehn bis fünfzehn Jahre alte Mädchen den Arbeitsplatz ihrer Eltern oder Bekannten, die einen naturwissenschaftlich-technischen Beruf ausüben. Wissenschaftliche Einrichtungen bieten in der Regel einen Informationstag, bei dem auch ein Besuch und Experimente im Labor auf dem Programm stehen.

Kernschlachten
















Bei der Kernbeprobung zusammen mit einer Kollegin.

Während meiner Doktorandenzeit wurde mir auch bewusst, wie verklärt das Bild der Öffentlichkeit von der wissenschaftlichen Arbeit in Instituten ist. Erlebnismuseen wie zum Beispiel das Universum Science Center in Bremen oder das technische orientierte Phaeno in Wolfsburg erleben derzeit einen massiven Aufschwung.  Sie wollen nicht nur Kindern die Hemmungen vor Naturwissenschaften nehmen, sondern auch den Generationen der Eltern und Großeltern Lust auf Wissenschaft machen. Mein persönliches Schlüsselerlebnis, die forschende Wissenschaft möglicherweise einmal gegen Wissenschaftskommunikation auszutauschen, war meine Mitarbeit am „Tag der offenen Tür“ des MPI für Marine Mikrobiologie. Zusammen mit Kollegen hatte ich einen Probenahme-Wettbewerb organisiert, bei dem Kinder um die Wette „echte“ Sedimentkerne beprobten, nach Meeresorganismen durchsuchten und diese aussortieren mussten. Die Begeisterung der Kleinen zu erleben und ihren Fragehunger zu stillen, hat einfach Spaß gemacht. Beeindruckt hat mich vor allem ihr Entdeckergeist. Und im Gegensatz zur schier endlosen Grundlagenforschung, bekommt man Punktum ein Feedback seiner Arbeit.

Endlos erscheint so manche Doktorarbeit. Das mag an der Natur der Sache liegen, denn es gibt immer wieder Neues zu entdecken und mehr zu forschen. Fakt ist jedoch dass es problematisch wird, sobald dem Doktoranden die  finanziellen Mittel ausgehen. Vielerorts schreiben Akademiker ihre Arbeit mit Hilfe von Arbeitslosengeld zusammen. Alternativ gehen sie einem Zweitjob nach oder beginnen eine neue Stelle, um parallel die Promotion zu vollenden. Das ist zeitintensiv und schürt nur bedingt die Motivation. Wenn obendrein die fachliche Betreuung zu wünschen übrig lässt, stellt sich der Jungforscher relativ bald die Sinnfrage seiner Arbeit. So wird die Promotion für viele einst motivierte Jungdoktoranden zu einer unendlichen und oftmals unvollendeten Geschichte.


PR-Frau umringt von Team Rot und Team Blau auf der IdeenExpo in Hannover












Auf der IdeenExpo 2007 mit den Teams Rot und Blau.

Trotz finanzieller Widrigkeiten und diversen Motivationstiefs habe ich, dank einer ausgezeichneten Betreuung, meine Doktorarbeit erfolgreich abgeschlossen. Mir wurde allerdings klar, dass ich mich in den endlosen Weiten des Forschungsimperiums nicht so ganz heimisch fühlte. Mir lag daran, den Menschen Wissenschaft verständlich zu machen. Ich nutze die Gelegenheit und startete einen Neuanfang, indem ich mich um diverse Praktika bewarb,  womit ich bei einer Bremer PR-Agentur Erfolg hatte. Dort lernte ich die Grundzüge von Öffentlichkeitsarbeit kennen. Da mich vor allem wissenschaftliche Inhalte interessierten, wechselte ich danach in eine Kreativagentur in Bonn, deren Schwerpunkt die Wissenskommunikation ist. Auch wenn ich wieder von vorn anfangen musste - hier fühle ich mich angekommen auf meinem Planeten.  (aa)

Biographie

Astrid Ahke wurde 1977 in Helmstedt geboren. Sie studierte Marine Umweltwissenschaften in Oldenburg und verbrachte während ihrer Studienzeit ein Jahr in Neuseeland.Dort arbeitete sie am
National Institute of Water and Atmospheric Research  in Projekten  über Atmosphärenphysik und -chemie sowie  Mangrovenökologie. Mehrere Ausfahrten auf Forschungsschiffen in die Arktis, u.a. der „Polarstern“, begleiteten das Studium, das sie am Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung mit einer Arbeit über Biomarker abschloss. Astrid Ahke vertiefte ihre Interessen an der Meeresforschung indem sie am MPI für Marine Mikrobiologie in Bremen eine Doktorarbeit mit dem Schwerpunkt Meeresgeochemie aufnahm. Nach mehreren Auslandsaufenthalten in Europa und den USA sowie Forschungsexpeditionen nach Namibia und Spitzbergen wurde sie im Jahr 2006 promoviert. Nach einer halbjährlichen Umorientierungsphase arbeitete Astrid Ahke  in der PR- und Werbeagentur denkbar in Bremen. Im Sommer 2007 wechselte sie für ein Volontariat in die PR Agentur iserundschmidt in Bonn, in der sie auf einen Abschluss als PR-Assistentin für den Bereich Wissenschaftskommunikation hin arbeitet. Nach der Arbeit in der Agentur ist Astrid Ahke als Trainerin im Fitnessbereich aktiv.


Mehr Informationen und ausführliche Links zum Thema Bildung und Ausbildung finden Sie unter den angegebenen Artikeln.

Zum Portrait über Professor Rolf Emmermann, Präsident der GeoUnion, und mehr über Zukunftsaussichten und Forschungsfelder für Geowissenschaftler lesen Sie hier.

Zum Interview mit Rolf Emmermann "Klimaforschung am Himmel-Energie aus der Hölle" geht es hier.

Informationen zum "Internationalen Jahr Planet Erde" (IYPE).

Die Reihe "Den Geowissenschaften auf der Spur" ist ein Beitrag zum Internationalen Jahr des Planeten Erde" (IYPE)


Verweise
Bild(er)