Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Wissen Milchwirtschaft in Zeiten wachsender Wüsten

Milchwirtschaft in Zeiten wachsender Wüsten

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 25.06.2012 17:00

Felszeichnungen in der inneren Sahara zeigen eindeutig, dass die neolithischen Bewohner Vieh hielten und Milchwirtschaft betrieben. Allerdings war bislang die Datierung der Zeichnungen nur sehr ungenau möglich. Untersuchungen von ebenfalls in den Höhlen gefundenen Tonscherben machen den Beginn der Milchwirtschaft jetzt genauer fassbar. In der aktuellen "Nature" berichten sie, dass die frühesten Milchspuren in 7000 Jahre alten Tongefäßen gefunden wurden.

Felszeichnungen im Tadrart Acacus in der libyschen Sahara (Bild: Nature).Die Felszeichnungen im Tadrart Acacus im entlegenen Südwesten Libyens gehören zu den Wundern der inneren Sahara. Die Zeichnungen sind bis zu 14.000 Jahre alt. "Sie spiegeln die dramatischen Wechsel der Tier- und Pflanzenwelt wider und ebenso die verschiedenen Lebensstile der Völker, die in dieser Region nacheinander lebten", schrieb die Auswahlkommission der Unesco 1985, als sie die Höhlenzeichnungen in die Welterbeliste aufnahm. Jetzt ist das Gebirge unweit der Oasenstadt Ghat auch der Ort, an dem sich die frühesten direkten Zeugnisse für Milchwirtschaft auf dem afrikanischen Kontinent nachweisen lassen. "Ein paar der Felszeichnungen zeigen zwar Figuren, die eine Kuh melken", erklärt Richard Evershed, Direktor des Biogeochemie-Zentrums an der Universität Bristol im Südwesten Englands. Was allerdings eine Nachwuchswissenschaftlerin des Zentrums jetzt in "Nature" vorstellt, hat eine ganz andere Qualität: Es sind die frühesten Spuren von Milchfett in Tonscherben aus den Höhlen des Acacus-Gebirges. Die Geochemiker untersuchten zuverlässig datierte unglasierte Tonscherben aus der Takarkori-Höhle und konnten die Fettspuren im Ton von rund der Hälfte der Gefäße als Milchfett identifizieren. Diese Gefäße waren allesamt jünger als 7000 Jahre und stammen somit aus einer Zeit, als sich die Sandwüste nach einem ein paar Jahrtausende währenden grünen Zwischenspiel wieder ausdehnte.

Nach dem Ende der jüngsten Eiszeit erlebte die Sahara zunächst eine sehr feuchte und damit grüne Phase. Menschen lebten nicht nur in Oasen und entlang der großen Flüsse, sondern auch in der Fläche. Doch sie waren wohl nur teilweise sesshafte Jäger und Sammler, die allerdings auch Tongefäße herstellten und darin ihre Lebensmittel aufbewahrten. Vor 7300 Jahren setzte ein Klimaumschwung ein, es wurde immer trockener in Nord- und Zentralafrika. Kurz zuvor kamen offenbar Viehhaltung und Milchwirtschaft in den Sahara-Raum. "Unsere Funde unterstützen die Theorie, dass vor rund 8000 Jahren Menschen aus dem Nahen Osten in die Sahara einwanderten, die die Viehhaltung beherrschten", erklärt Julie Dunne, Doktorandin in Bristol und Hauptautorin der Studie. Sesshaft waren diese Viehzüchter aber offenbar auch nicht. Die Kohlenstoffisotope der untersuchten Lipide deuten jedenfalls auf unterschiedliche Futterquellen hin, als ob die Menschen mitsamt ihrer Tiere schon damals dorthin wandern mussten, wo noch etwas Essbares wuchs.

"Der Fund von Milchfett in den Tonscherben deutet darauf hin, dass die Milch verarbeitet wurde", erklärte Evershed gegenüber der britischen Zeitung "Daily Mail", "was ein Weg für die damaligen Menschen gewesen sein könnte, Milch zu verdauen, obwohl sie laktoseintolerant waren." Denn von Hause aus können Menschen mit dem Milchzucker nicht umgehen, weil ihnen ein Enzym fehlt. Milch führt daher zu Verdauungsstörungen. Die zugrundeliegende Mutation verbreitete sich erst mit der sogenannten Neolithischen Revolution unter der damaligen Bevölkerung in Europa - Experten vermuten, weil auf einmal Haustiere aufkamen, die regelmäßig Milch lieferten. Ob dieser Selektionsmechanismus auch bei den Neolithikern der Sahara am Werk war, ist derzeit aber ungewiss. Von den damaligen Bewohnern fehlt, abgesehen von Höhlenzeichnungen und Tongefäßen, jede Spur.