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Mindestens 25, vielleicht aber auch über 80 Jahre

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 25.03.2011 09:01

Seit fast fünf Jahren brodeln auf der indonesischen Insel Java jeden Tag Tausende Tonnen Schlamm aus der Erde. Waren es anfangs noch täglich 180.000 Kubikmeter, so ist die Menge inzwischen auf 10.000 Kubikmeter am Tag gesunken. Dennoch hat der Schlammvulkan Lusi inzwischen ein Gelände von sieben Quadratkilometern verschluckt. Prognosen über seine Lebensdauer werden durch lückenhafte Informationen über den Untergrund, aus dem sich der Vulkan speist, erschwert.

Lusi, 28.08.10"Die größten Zerstörungen hat Lusi wohl in den ersten Jahren angerichtet", betont Richard Davies, Geologieprofessor an der britischen Universität von Durham. Etliche Ortschaften mit vielen tausend Gebäuden - Wohn- und Geschäftshäuser, Moscheen, Fabriken und Scheunen - sind in den Fluten des Lusi genannten Schlammvulkans versunken. Über 13.000 Familien, circa 40.000 Menschen, haben ihre Heimat und all ihren Besitz verloren. "Jetzt ist Lusi allerdings von einem System von Deichen umgeben, so dass sich diese Fläche nicht mehr vergrößern dürfte", erklärt Michael Manga, Professor für Geowissenschaften an der Universität von Kalifornien in Berkeley. "Aber", ergänzt Davies, "die Nebeneffekte werden noch Jahre lang zu sehen sein."
Die wichtigste Frage für die Wissenschaftler ist nicht mehr die nach der Ursache, sondern die, wie lange der Landkreis Sidoarjo mit den blubbernden Schlammfluten noch wird leben müssen. Darauf geben die verschiedenen Wissenschaftler unterschiedliche Antworten. Die hängen zum einen davon ab, wie hoch sie die Produktionsraten des Schlammvulkans schätzen - verlässliche Daten hierzu sind Mangelware. Die Antwort hängt andererseits aber auch davon ab, was als treibende Kraft hinter dem Schlammvulkan vermutet wird. Der Brite Richard Davies geht davon aus, dass ein unter starkem Druck stehendes Wasserreservoir darüber liegende Sedimentschichten verflüssigt und ans Tageslicht befördert. "Wir haben berechnet, dass es etwa 26 Jahre dauern wird, ehe der Druck im Boden auf normale Werte zurückgegangen ist", erklärt Davies. Dann wäre Lusis hauptsächliche Kraftquelle zwar erschöpft, "aber selbst dann", so Davies, "kann das Gas in dem Schlamm dafür sorgen, dass Lusi für Jahrzehnte weiterblubbert". Immerhin wäre diese Aktivität dann in einem beherrschbaren Umfang: Die Gefahr, dass sich ständig neue Risse in der Erde bilden, aus denen Schlamm emporquillt, wäre wesentlich geringer.

Der US-Amerikaner Michael Manga dagegen sieht eine rund 500 Meter dicke Schlammschicht in 1,2 Kilometern Tiefe als Verursacher des Schlammvulkans an. "Wir wissen das, weil wir wissen, woher die Minerale stammen, die Lusi ausspuckt", sagt Manga. Die Probebohrung des indonesischen Erdgasunternehmens von 2006 habe ziemlich genaue Informationen über den Aufbau der Erdkruste ergeben. "Wir wissen weniger genau, wie groß die Ausdehnung dieser Schlammschicht in der Horizontalen ist", so Manga, "aber das ist absolut entscheidend, um die Lebensdauer des Schlammvulkans zu bestimmen." Manga und sein Team haben die Fläche abgeschätzt und kommen zu einem wesentlich pessimistischeren Ergebnis als Richard Davies und seine Kollegen: "Unsere beste Antwort lautet 80 Jahre."

Lusi vom Boden ausErst ein besserer Blick in den Untergrund wird den Streit schlichten können. "Ich hoffe, jemand nimmt genug Geld in die Hand, um eine richtig gründliche seismische Untersuchung der Gegend zu finanzieren", meint Manga, "dann wüssten wir genau, wie der Untergrund aussieht." Eine solche Untersuchung kostet enorme Summen, das weiß auch Manga, "aber ich denke, angesichts der bisher entstandenen Kosten ist das gut angelegtes Geld". Teuer würde auch eine weitere Messung, die aber ebenfalls nach Ansicht der Experten dringend nötig ist: eine genaue Erhebung der Eruptionsrate und ihrer Veränderung über die Zeit hinweg. "Da gibt es derzeit keine besonders guten Daten", sagt Manga, "aber das wäre ein wichtiges Kriterium für Abschätzungen." Auf einem Workshop zum fünften Jahrestag des Eruptionsbeginns wollen Forscher aus aller Welt Anfang Mai diskutieren, welche Forschungsvorhaben in Zukunft nötig sein werden. Eins ist schon jetzt klar: Der Schlammvulkan wird noch eine ganze Weile Forschungsinteresse auf sich ziehen, gleichgültig welches Lusi-Modell man heranzieht.


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