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Missernten rund um den Globus

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 09.04.2015 11:56

Vor 200 Jahren, am 10. April 1815, brach auf der indonesischen Insel Sumbawa der Tambora aus. Es war der zweitschwerste Vulkanausbruch in historischer Zeit und er hatte gewaltige Folgen für den gesamten Globus. Seine Position in den Tropen und ein störungsempfindlicher Zustand des Klimas waren entscheidend dafür. Vergleichbares könnte heutzutage ebenfalls passieren.

Caldera des Tambora auf der indonesischen Insel Sumbawa. (Foto: Wikimedia, Jialiang Gao)Jahrhundertelang war der Tambora auf Sumbawa ein Orientierungspunkt für Seefahrer, gleichgültig ob sie die Floressee zwischen Sulawesi, Borneo und den Sundainseln mit einer arabischen Dhau, einer einheimischen Pinisi oder mit einem europäischen Linienschiff befuhren. Im April 1815 verschwand diese 4.300 Meter hohe Markierung innerhalb von knapp einem Tag. Am Abend des 10. April erschütterten Beben die Insel Sumbawa, der Gipfel des Vulkans war in Wolken aus Feuer und Rauch gehüllt und ein glühender Regen aus Bimsstein und Asche ging auf der gesamten Insel nieder. Pyroklastische Ströme und verheerende Winde vernichteten alles im näheren Umkreis des Vulkans. Im fernen Batavia auf Java glaubte der britische Gouverneur, die Niederländer seien mit einer Kriegsflotte vor seiner Stadt erschienen, um die englischen Besatzer mit Waffengewalt aus Niederländisch-Indien zu vertreiben. Als sich auf Sumbawa der Berg wieder beruhigte, war nur noch ein Sockel von 2851 Meter Höhe übrig. Den Rest hatte der Tambora im zweitgrößten Vulkanausbruch in historischer Zeit weggesprengt und bis ins 1260 Kilometer westlich gelegene Batavia geblasen.

Extreme Fernwirkungen


Reichweite der Tambora-Eruption im April 1815. (Grafik: Wikimedia)Auf Sumbawa selbst überlebten nur wenige der 70.000 Einwohner die Eruption, auf den benachbarten Inseln starben Tausende, so dass unmittelbar wohl an die 100.000 Todesopfer zu beklagen waren. Was den Tambora-Ausbruch vom 10. April 1815 aber über alle Eruptionen der Menschheitsgeschichte heraushob, waren die Fernwirkungen. Hans Graf, Professor für Umweltsystemanalyse an der Universität Cambridge: "Im Falle von Tambora liegen die Abschätzungen für die globalen Abkühlung zwischen einem halben Grad und 0,8° C." Zum Vergleich: der Pinatubo senkte 1991 die globale Mitteltemperatur um 0,4 Grad. Speziell auf der Nordhalbkugel löste der Vulkan einen Temperatursturz mit katastrophalen Folgen aus.

Der Durchschnittswert im Fall des Tambora allerdings irreführend, denn "die Abkühlung", so Graf, "ist nicht überall gleich". Auf der Südhalbkugel scheint nicht viel passiert zu sein, die im Vergleich zum Norden größeren Wasserflächen dürften die Effekte abgepuffert haben. In den gemäßigten Zonen der Nordhalbkugel jedoch stürzten die Temperaturen ab. "Im Jahr 1816 hatten wir das 'Jahr ohne Sommer', mit sehr niedrigen Temperaturen in Nordamerika und auch in Europa", so Graf. Die Ernten waren katastrophal - ob in Nordamerika, in Europa oder sogar in China. In der Provinz Yünnan im Südwesten Chinas verkauften Mütter aus Verzweiflung ihre Kinder oder töteten sie. Um den Magen zu füllen, aßen die Menschen weißen Lehm. Das schlechte Wetter hielt sich mehrere Jahre lang. "Nachdem es zwei, drei Jahre lang zu kalt gewesen war, gab es im Südwesten Chinas schwere Hungersnöte", erzählt Gillen D‘Arcy Wood, Professor an der University of Illinois in Urbana-Champaign, "die Bauern wechselten von Reis auf den Anbau von Opium, weil das sichere Einnahmen bot. Es war der Anfang des Goldenen Dreiecks, des wichtigsten Drogenanbaugebiets der Welt."

Tödliche Cholera-Veränderung


Blick auf die Aschewolke des Eyjafjällajökull im April 2010. (Bild: Nasa)Europa erholte sich damals gerade von den wirtschaftlichen Folgen der Napoleonischen Kriege. Das "Jahr ohne Sommer" bescherte dem Kontinent eine der letzten Hungersnöte seiner Geschichte. Katastrophale Missernten gab es auch in Indien, denn der Tambora verzögerte den Monsun. Vergeblich warteten die Bauern auf den dringend notwendigen Regen, der erst einsetzte, als ihre Äcker schon verdorrt waren. In Bengalen waren 1816 und 1817 die Überschwemmungen, die schließlich doch kamen, schlimmer als jemals zuvor. Millionen Menschen verloren in den Fluten ihr Zuhause und zogen in die Städte. In der Enge der Elends-Quartiere geschah eine folgenschwere Verwandlung. Das im Abwasser gedeihende Cholera-Bakterium schnappte eine winzige Genveränderung auf - der so entstandene neue Stamm war tödlicher als alle bisherigen Cholera-Vertreter. Die Seuche verbreitete sich von Bengalen in alle Welt und tötete im 19. Jahrhundert Millionen Menschen.

Gleich mehrere ungünstige Faktoren mussten allerdings zusammenkommen, damit der Tambora-Ausbruch derart drastische Wirkung entfalten konnte. Der Vulkan liegt in den Tropen - ein starker Vulkanausbruch dort schleudert Aerosole in den Bereich der Passatwinde, die sie schnell über die gesamte Welt verteilen. Zudem durchlief die Sonne zu Beginn des 19. Jahrhunderts wieder einmal in einer ihrer "Schwächephasen", das Klima war daher ohnehin schon kühler als im langjährigen Durchschnitt. "Wir wissen aus Beobachtungen, dass das frühe 19. Jahrhundert die kälteste Dekade ist, die wir aus den historischen Beobachtungen kennen", erklärt Claudia Timmereck vom Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie. 1990 entdeckten Wissenschaftler einen weiteren Grund dafür in Eisbohrkernen aus Grönland und der Antarktis. Im Jahr 1809 muss es irgendwo in den Tropen schon einen sehr großen und sehr explosiven Ausbruch gegeben haben, der seine Schwefelaerosole um die ganze Welt verteilt hatte. Aufzeichnungen darüber gibt es allerdings nicht. Dieser Ausbruch und der des Tambora waren so etwas wie ein Doppelschlag für das Klima. Die Effekte der ersten Eruption waren noch nicht abgeklungen und verstärkten so den Tambora-Ausbruch. Möglich macht das der Faktor Ozean im Klimasystem, denn der hat ein ausgesprochen langes "Gedächtnis". Gäbe es nur die Atmosphäre, wären die Effekte schon nach kurzer Zeit verschwunden. Aerosole bleiben maximal ein oder zwei Jahre in der Atmosphäre, selbst wenn sie in die Stratosphäre geschleudert werden.

Ausbruch des Pinatubo auf Luzon am 15. Juni 1991, gesehen von der US-Luftwaffenbasis Clark. (Bild: USGS)Der Ozean aber führt Langzeitwirkungen ins Klima ein, so dass zwei gut platzierte Vulkanausbrüche in den Tropen unvergleichlich mehr anrichten, wenn sie kurz hinter einander stattfinden. Professor Stefan Brönnimann von der Klimaforschungsgruppe an der Universität Bern: "Der Effekt wird dann viel stärker ausfallen und zeitlich länger dauern." Hans Graf, Universität Cambridge: "Diese multiplen, kurzfristigen Wirkungen können dann das Klimasystem in ein völlig neues Regime treiben." Gut möglich, dass das vor 600 Jahren die Kleine Eiszeit auslöste, 1816/17 fehlten für einen kompletten Systemwechsel jedoch weitere Ausbrüche.

Doch auch so sehen Geowissenschaftler in den Ausbrüchen zu Beginn des 19. Jahrhunderts so etwas wie ein Menetekel für unsere moderne Zeit. Damals lebte nur eine Milliarde Menschen auf der Erde, heute sind es sieben Milliarden, in wenigen Jahrzehnten mehr als neun. Die globale Ernährungslage wird auch in Normalzeiten heikel sein, ein "Jahr ohne Sommer" oder gleich mehrere davon könnten fatal werden. So unwahrscheinlich sind derartige Ereignisse ohnehin nicht. "Ausbrüche von der Größe eines Tambora ereignen sich - statistisch gesehen - zwischen einmal pro Jahrhundert bis einem alle paar Jahrhunderte", sagt Clive Oppenheimer vom Institut für Geographie der Universität Cambridge, "sie sind also nicht ganz so selten."

Auf starke Ausbrüche nicht vorbereitet


Gemälde von Caspar David Friedrich: Neubrandenburg im Morgennebel. (Bild: Wikimedia)Anders als zu Beginn des 19. Jahrhunderts würde man heutzutage den Ausbruch wohl umgehend bemerken. Doch die Menschheit, selbst ihr hochtechnisierter Teil, ist auf die Folgen nicht vorbereitet, er könnte noch nicht einmal abschätzen, ob ein Ausbruch globale und langanhaltende Folgen hätte oder nicht. Dafür fehlt so etwas wie eine Klimavorhersage: Wir können zwar Klimaverläufe über mehrere Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte hinweg simulieren, aber die Entwicklung des aktuellen Klimas nach einer akuten, heftigen Störung ist doch eine ganz andere Kategorie. Denn dabei wird entscheidend, ob im Pazifik gerade El-Niño herrscht oder La-Niña, ob warme oder kalte Wassermassen den Nordatlantik dominieren und dergleichen mehr. "Das würde bedeuten, dass wir permanent auf dem Stand der Dinge sind, was den Zustand unseres Klimasystems betrifft", sagt Hans Graf aus Cambridge. Eine extrem kostspielige Sache, die man ohne konkreten Anlass unterhalten müsste, und deswegen gibt es das derzeit nicht. Hans Graf: "Eine Reihe von Kollegen, ich gehöre dazu auch, sagen: Wir brauchen so ein System, weil wir nicht wissen, wann so eine große Eruption stattfinden kann."

Ein solches Klimawarnsystem böte den Ausgangspunkt für Simulationen, und die könnten Szenarien für Krisenreaktionen und Nothilfe liefern. Denn die wäre nötig und müsste global abgestimmt werden. Sieben Mal so viele Menschen wie 1815 mit einer wie der Ausbruch des Eyjafjallajökull 2010 zeigte, extrem empfindlichen Infrastruktur würden sehr schnell ins Schleudern geraten. Hans Graf: "Wenn die Lebensmittelversorgung in Südostasien zusammenbricht, dann wird es katastrophal bei der hohen Bevölkerungsdichte, bei der Menge an Lebensmitteln, die weltweit transportiert werden müssen." Dann müssen Lebensmittel aufgetrieben, zusammengestellt, transportiert und verteilt werden. Und das möglicherweise bei Aschewolken, die den Luftverkehr behindern, oder nachdem Tsunamis die Häfen zerstört haben. "Ich denke daher", sagt der Geograf Clive Oppenheimer aus Cambridge, "es ist es wert, über das nächste Ereignis nachzudenken, das größer ist als Pinatubo, und zu überlegen, ob wir nicht auf globaler Ebene besser vorbereitet sein müssten."