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Mit Betonkugeln gegen einen Schlammvulkan

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 11.09.2007 19:48

Metertief versinkt das Land unter den penetrant nach faulen Eiern stinkenden Schlammmassen: Seit auf Java im Wunut-Erdgasfeld der Schlammvulkan "Lusi" ausgebrochen ist, hat eine graue, zähe Flut vier Dörfer verschlungen. Mit künstlich angelegten Dämmen versuchen die Behörden, die Überflutung einzugrenzen. Aber trotzdem mussten inzwischen vier Dörfer, 25 Fabriken und etliche Felder aufgegeben werden. 13.000 Menschen obdachlos. Lusi hat eine Autobahn begraben, bedroht eine weitere und auch die Bahnlinie. Bislang starben elf Menschen durch den Ausbruch, weil eine Gaspipeline nicht abgestellt worden war und explodierte. Sie verläuft genau durch das Gebiet, wurde unter Schlamm begraben und riss dann unter der Last. Derzeit läuft in Java ein verzweifelter Rettungsversuch: Wird es gelingen, den Schlammfluss langsam versiegen zu lassen?

Begonnen hat alles am 29. Mai 2006. In dem Gasfeld wird eine Erkundungsbohrung abgeteuft. Als sie eine Tiefe von 2834 Metern erreicht, passiert es: Etwa 200 Meter vom Bohrloch entfernt brechen Dampf und Wasser aus, es stinkt nach faulen Eiern. Und dann beginnt der Schlamm zu sprudeln. Unaufhaltsam. Seit damals strömt aus Lusi, dem Schlammvulkan, eine Mixtur aus heißem Schlamm, Wasser und Schwefelwasserstoff aus dem Boden. Doch was hat Lusi ausgelöst? Zwei Theorien stehen im Raum: entweder war es ein Fehler bei der Erkundungsbohrung - oder ein Erdbeben.


So hat der Schlammvulkan Lusi Sidoarjo auf Java verändert. Bild: Nature/CRISP

Zwei Tage zuvor, am 27. Mai 2006, hatte sich 280 Kilometer westsüdwestlich ein Erdbeben der Magnitude 6,3 ereignet, bei dem rund 6000 Menschen starben. Ob Beben und Schlammvulkan zusammenhängen, gilt als strittig, schließlich ist die Entfernung doch recht groß, ebenso die zeitliche Verzögerung - und die Erde bebt oft auf Java, ohne dass sich dabei ein Schlammvulkan bildet. Wahrscheinlicher sei ein Fehler bei der Bohrung, glaubt Richard Davies von der University of Durham. Die Quelle des Schlamms liege tief unter der Oberfläche, erklärt der Geologe: "In zwei bis drei Kilometern Tiefe gibt es eine Schlammschicht, die nicht versteinern kann, weil sie unter Überdruck steht", erklärt der Geologe. "Unterhalb dieser Schlammschicht befindet sich in einer Kalksteinschicht ein Grundwasserleiter, und in diesen Grundwasserleiter hinein hat die Gaserkundungsbohrung 'gepikst'." Weil sich die Bohrfirma das Auskleiden des Bohrlochs mit einem Stahlmantel gespart hatte, kam nun eine Verbindung zustande zwischen dem unter Überdruck stehenden Grundwasserleiter und der ebenfalls unter Überdruck stehenden Tonschicht darüber. Was dann passierte, erinnert an das Öffnen einer geschüttelten Sprudelflasche: Die Bohrung setzte den Druck frei, binnen weniger Stunden riss das ganze Gestein auf: Über ein bis zwei Kilometer hinweg öffneten sich Klüfte und Spalten bis hinauf an die Oberfläche. Das Grundwasser hatte jetzt freie Bahn und schoss durch die Schicht mit den nicht verfestigten Sedimenten, riss sie mit hinauf - und oben entstand dann der "Vulkan", der seitdem täglich zwischen 7000 und 150.000 Kubikmeter Schlamm ausspuckt.

Wann der Schlammvulkan versiegt, hängt von zweierlei ab: Vom Überdruck und von der Wassermenge im Untergrund: Erst wenn der Druck sinkt und das Wasser versiegt, verebbt auch der Schlammvulkan. Das kann Jahrzehnte dauern - kann sich aber noch länger hinziehen. Indonesische Wissenschaftler versuchen derzeit, Lusi zu stoppen. Das Experiment: "Wir wollen über dem Schlammvulkan bewegliche Plattformen aufbauen, von denen aus wir Ketten von schweren, etwa fußballgroßen Betonbällen in die Öffnung des Schlammvulkans ablassen. Diese Ketten sinken hoffentlich zu Boden, verkleinern den Krater des Schlammvulkans und verringern so den Durchfluss", erklärt Satria Bijaksana vom Technologischen Institut von Bandung. Die Betonbälle sollen den Fluss bremsen: "Wenn wir die Kugeln in den Schlammvulkan ablassen, erhöhen wir die Reibung im Schlammfluss und verbrauchen Energie. Die verbrauchen wir auch, weil der Schlamm die Kugeln bewegt. Und so wird der Fluss hoffentlich langsamer", beschreibt sein Kollege Umar Fauzi. Einfach mit Gewalt verschließen dürfe man die Quelle nicht, erklärt Satria Bijaksana. Denn dann bestehe die Gefahr, dass sich einfach nur ein neuer Schlammvulkan bildet: "Wenn wir das Loch versiegeln, ohne Energie zu verbrauchen und so Druck abzubauen, sucht sich der Schlamm einen neuen Weg. Also reduzieren wir die Flussrate über Monate hinweg."

Zunächst einmal 1600 Betonbälle sollen zeigen, ob die Idee überhaupt funktioniert. Das hofft man bald zu wissen. Der Erfolg ist keineswegs: So etwas hat noch niemand versucht. Aber selbst wenn es gelingt, die Folgen dieses Schlammausbruchs werden lange anhalten: Die Analyse von Satellitenbildern der letzten Monate legt außerdem nahe, dass um die Öffnung herum das Gelände absacken und einen Krater bilden wird. "Dieses Gebiet wird wahrscheinlich um einige Meter absacken, weil wir aus dem Untergrund so viel Schlamm und Wasser entfernen. Das kann gefährlich werden für Menschen, die dort leben, also sollte man die Gegend abschreiben und zu einem 'No-Go-Gebiet' erklären", prognostiziert Richard Davies. Wenigstens ein Gebiet von zehn Quadratkilometern um Lusi herum wird noch jahrelang unbewohnbar sein.