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Naher Verwandter näher begutachtet

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 20.11.2007 11:10

Seit 151 Jahren weiß die Menschheit, dass bis vor rund 28.000 Jahren ein sehr enger Verwandter, der Neandertaler, auf der Erde gelebt hat. In diesen 151 Jahren hat sich unser Bild von diesem Neandertaler stark gewandelt, vom ungeschlachten Primitivling zum nahezu ebenbürtigen Cousin des Menschen. Ganz neue Erkenntnisse erhoffen sich viele Forscher jetzt aus der Genomanalyse, denn seit einiger Zeit gibt es Bemühungen, das Neandertalererbgut zu erschließen. Dabei hat es jetzt zwei Erfolge und einen Rückschlag gegeben.

Bis vor etwa 28.000 Jahren haben in weiten Teilen Europas und des Nahen Ostens, möglicherweise sogar bis weit nach Asien hinein Neandertaler neben den modernen Menschen gelebt. Wie eng beide Menschengruppen miteinander verwandt sind und ob sie sich sogar miteinander vermischt haben, ist weiterhin ein heiß umstrittenes Thema. Letztlich geht es darum, ob Erbgut des Neandertalers, und wenn ja wie viel in der europäischen Bevölkerung überlebt hat. Immerhin gab es offenbar rothaarige und weißhäutige Neandertaler, und sie hatten zumindest genetisch dieselben Voraussetzungen zu sprechen wie wir auch. Das haben Arbeitsgruppen bei der Analyse des Neandertalergenoms bislang herausgefunden.

Die umfassende Diskussion über die Vermischung beider Menschengruppen bringen die beiden Studien zwar nicht weiter, sie verhelfen allerdings zu mehr Klarheit in zwei wichtigen Punkten. Bisher hatte man nur vermutet, dass es unter den Neandertalern rothaarige und blasshäutige Menschen gegeben haben müsste, eben weil sie die am besten an die eiszeitlichen Bedingungen in Europa angepasste Menschenform waren. In „Science“ wurde jetzt veröffentlicht, dass es Neandertaler mit roten Haaren und blasser Haut tatsächlich gegeben hat.

Zufällig zwei Rothaarige ausgewählt

Per Zufall haben europäisches Paläogenetiker unter Leitung von Carles Lalueza-Fox von der Universität von Barcelona genau zwei Individuen mit diesem Erscheinungsbild für ihre genetischen Untersuchungen ausgewählt. Sie analysierten Proben aus einem 43.000 Jahre alten spanischen Neandertaler aus El Sidrón und aus einem 50.000 Jahre alten Neandertaler-Skelett aus den Monti Lessini bei Verona und fanden das Gen MC1R, das in unterschiedlich aktiven Varianten bei uns vorkommt und je nach Aktivität Haar- und Hautfarbe steuert. Beide untersuchten Neandertaler hatten rote Haare und eine blasse Haut und so, das schätzen die Forscher, hätte mehr als zehn Prozent der Neandertalerbevölkerung ausgesehen. Die Variante, die in den beiden Neandertaler-Skeletten festgestellt wurde, gibt es bei uns allerdings nicht. Die Forscher gehen deshalb davon aus, dass sich die Varianten des Hautfarbengens und mit ihm unterschiedliche Haut- und Haarfarben bei modernen Menschen und Neandertalern parallel entwickelt haben.

Dafür haben die Neandertaler aber offenbar dasselbe Sprachgen gehabt, wie wir auch. Das besagt eine zweite Veröffentlichung in „Current Biology“, die aus demselben Forscherkreis stammt. FOXP2 heißt es, und Menschen mit fehlerhaften Kopien haben erhebliche Sprachschwierigkeiten. Allerdings ist nach wie vor unklar, welche Funktion FOXP2 tatsächlich hat. „Es ist sicherlich nur eines von mehreren“, räumt Teammitglied Wolfgang Enard ein, „aber es ist das erste, von dessen Bedeutung für die Sprache wir wissen.“ Schon länger ist bekannt, dass die Neandertaler auch alle anatomischen Requisiten zum Sprechen besaßen. Mit dem identischen FOXP2 steigt die Wahrscheinlichkeit stark, dass sie sprechen konnten. Ob sie es denn auch tatsächlich getan haben, können die Forscher naturgemäß nicht sagen.

Herber Rückschlag beim Neandertaler-Genomprojekt

Einen Rückschlag hat dagegen das Vorhaben erlitten, analog zur menschlichen Genkarte ein Neandertaler-Genom zu erstellen. Anfang des Jahres hatten zwei konkurrierende Forschergruppen von ersten größeren Sequenziererfolgen berichtet. Eine der beiden Studien scheint verfälscht zu sein, weil vermutlich bei der Bearbeitung der Neandertaler-DNA modernes Erbgut mit in die Probe gelangte. Das brachte ein eingehender Vergleich beider Studien zutage, der jetzt in „PLoS Genetics“ erschien. Die Überprüfung war notwendig geworden, weil die Arbeitsgruppen um James Noonan vom US-Lawrence Berkeley Laboratory und Richard Green vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig aus ihren jeweiligen Ergebnissen gegenläufige Schlussfolgerungen gezogen hatten. Und das, obwohl das Ausgangsmaterial vom selben Neandertaler stammte. Greens Team muss demnach mit seinen Sequenzierbemühungen von vorn beginnen.

Die Panne macht deutlich, welche Schwierigkeiten beim Umgang mit fossil überliefertem menschlichen Erbgut auftreten können. Es kann durch nur einmaliges unachtsames Vorgehen bei Ausgrabung, Bergung, Transport oder Präparation mit moderner DNA verunreinigt werden – allerdings ist es wesentlich schwieriger, die Verunreinigung zu entdecken, als das etwa bei DNA von anderen Tierarten ist. Der Unterschied zwischen unserem Genom und dem von Früh- oder Vormenschen ist vergleichsweise gering, die Chance, den Unterschied zu bemerken folglich ebenfalls.



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