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Nahost-Klimaarchiv reicht 250.000 Jahre zurück

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 27.01.2012 19:26

Das Tote Meer trägt seinen Namen offenbar vollkommen zu unrecht, denn der zurzeit rund 800 Quadratkilometer große See hat sich in der jüngeren geologischen Vergangenheit als extrem wandlungsfähig gezeigt. Heutzutage liegt die Seeoberfläche 423 Meter unter dem Meeresspiegel und ist damit der tiefste natürliche Punkt auf allen Kontinenten. Vor rund 25.000 Jahren lag die Seeoberfläche rund 200 Meter höher. Damals hatte das Binnengewässer eine Oberfläche von 2000 Quadratkilometern und erstreckte sich bis zum heutigen See von Tiberias, 125 Kilometer vom jetzigen Nordufer entfernt. Aber auch das absolute Gegenteil scheint es gegeben zu haben - und das hat die Wissenschaftler überrascht.

Eine der Bohrungen im Toten Meer wurde in flachem Wasser nahe des Ufers durchgeführt (Bild: ICDP/ Beau Marshall)."230 Meter tief im Sediment haben wir Hinweise gefunden, dass der See vor etwa 125.000 Jahren tatsächlich vollkommen ausgetrocknet war", erklärt Zvi Ben-Avraham, Geologie-Professor an der Universität von Tel Aviv und einer der Leiter des Dead Sea Deep Drilling Projects. Bislang hatte man angenommen, dass selbst zu trockensten Zeiten am tiefsten Punkt des Sees immer noch ein Restwasserkörper von extrem salziger Lake übrig geblieben sei.

Doch ein Bohrkern, den das multinationale Vorhaben - an ihm sind neben Israelis auch deutsche, norwegische, japanische, Schweizer und US-amerikanische Forscher beteiligt - an der tiefsten Stelle des Toten Meers erbohrte, scheint vom Gegenteil zu zeugen. Dort überlagert an einer Stelle eine Schicht mit grobem Kies eine nicht weniger als 40 Meter dicke Salzschicht. Doch die Analyse des Bohrkerns steht noch ganz am Anfang, schließlich ist er selbst noch geradezu taufrisch, gezogen im Winter 2010/11. "Dass hier wirklich der See einmal ausgetrocknet war, ist deshalb nur eine Hypothese", erläutert Achim Bahr, Professor am Deutschen Geoforschungszentrum in Potsdam und ebenfalls am Projekt beteiligt, "es könnte sich auch um die Spur einer Rutschung handeln, wir müssen da erst noch genauer hinsehen."

Das eigens für Bohrungen in Seen konzipierte Bohrgerät absolvierte im Toten Meer seinen zweiten Einsatz (Bild: GFZ).Diese genaue Auswertung der Bohrkerne wird in den nächsten Jahren erst gemacht werden, denn viele Hundert Meter Sedimentkerne lagern im ICDP-Lager in Potsdam. "Der eine Bohrort war an der tiefsten Stelle des Sees, 300 Meter unterhalb der Wasseroberfläche", so Ben-Avraham, "die zweite Stelle nahe an der Küste in nur wenigen Metern Tiefe." Dieser Bohrkern aus geringer Tiefe solle die Brücke zwischen dem Tiefwasserbohrkern und den umliegenden Gesteinsschichten an Land bilden. Damit, so hoffen die Forscher, können sie eine kontinuierliche Zeitenfolge herstellen, die sowohl die Seesedimente als auch die Gesteine umfasst, die inzwischen oberhalb des Wasserspiegels liegen. Doch das ist eines der Fernziele. Im vergangenen Jahr hat das Konsortium zum ersten Mal die Bohrkerne geöffnet und grob überflogen. Die Sedimente sind nach ersten Abschätzungen bis zu 200.000 Jahre alt, das genaue Alter muss aber noch bestimmt werden. "Diese Datierung ist momentan unser vorrangiges Ziel", erklärt Brauer.

Ist die Chronologie gesichert, soll auch geklärt werden, was sich hinter der Kiesschicht, der einzigen übrigens in den Bohrkernen, genau verbirgt. Die erste, provisorische Altersbestimmung würde mit der in Europa Eem-Warmzeit genannten Periode übereinstimmen. Die Eem-Zeit war die letzte vor der derzeitigen Warmperiode, begann vor 126.000 Jahren und kippte vor 115.000 Jahren in die Würm-Eiszeit. Die Temperaturen damals lagen vermutlich um rund fünf Grad über den heutigen. Dass damals der Wasserstand in der Jordansenke drastisch sank, klingt jedenfalls plausibel.

Ein Gewitter droht über dem Toten Meer (Bild: ICDP).Heutzutage sinkt der Seespiegel wieder in beunruhigendem Maß von zuletzt einem Meter pro Jahr. Ursache ist allerdings weniger die Verdunstung als der hohe Verbrauch der Menschen. Die Anrainer des Sees und des Jordans, der den einzigen Zufluss darstellt, lenken einfach zu viel Wasser auf ihre Felder und in ihre Trinkwassernetze. "Vor diesem Hintergrund zeigen unsere Bohrkerne eine interessante Botschaft", sagt Ben-Avraham, "denn das Tote Meer hat sich auf natürlichem Wege wieder komplett regeneriert." Wenn der Mensch seinen Verbrauch kontrolliert, so die Schlussfolgerung, dann wird sich das Tote Meer erholen. "Israel setzt stark auf Meerwasserentsalzung", erklärt der Geowissenschaftler, "in ein paar Jahren sind wir nicht mehr auf das Jordanwasser angewiesen, sondern können den Fluss strömen lassen."

Die DOSECC-Bohrplattform wird am Ende der Kampagne zurück in den Hafen gezogen (Bild: ICDP).Das Tote Meer liegt an einem Schnittpunkt des mediterranen Raums mit dem wüstenhaften Arabien und protokolliert Klimaänderungen daher besonders genau. Deshalb wollen die Forscher einen genaueren Blick auf die Entwicklungen während der Kalt- und Warmzeiten werfen. Achim Brauer: "Wir hoffen hier die kurzfristigen Schwankungen auf Zehn-Jahres- oder gar Jahresbasis erfassen zu können." So hoch aufgelöst sollten die Seesedimente des Toten Meeres sein. Das tiefgelegene Seebecken ist Teil einer Störung, die sich das gesamte Jordantal entlangzieht. Seit rund sechs Millionen Jahren ist die Senke wassergefüllt, zu Beginn war sie eine Lagune des Mittelmeeres, die immer wieder abgeschnürt wurde. Seit drei Millionen Jahren ist die Trennung vom Mittelmeer dauerhaft, seitdem ist der Jordan der hauptsächliche bis einzige Zufluss. Der Seespiegel schwankt seitdem im Rhythmus der Kalt- und Warmzeiten. Wegen seiner weit südlichen Lage bedeuten für das Tote Meer Kaltzeiten Zeiten hoher Wasserstände, während es in den Warmzeiten eindampft.

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