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Neandertaler mit Farbsinn

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 17.02.2012 14:21

Ein Zufallsfund mit großen Folgen könnte in einer Kiesgrube in einem Stadtteil des niederländischen Maastricht gelungen sein - zumindest wenn sich die Analyse bestätigt, die Forscher um Wil Roebroeks von der Universität Leiden in den Abhandlungen der US-Akademie der Wissenschaften vorgelegt haben. Sie sehen in einer Reihe unscheinbarer brauner Flecken Indizien dafür, dass die Neandertaler roten Ocker (bzw. Hämatit) benutzten, und das schon vor 200.000 bis 250.000 Jahren.

Recht vertraut sieht uns der Neandertaler in dieser Rekonstruktion entgegen.Versteckt waren die insgesamt 15 Ockerflecken wie die sprichwörtlichen Nadeln im Heuhaufen im Abraum der Kiesgrube in Maastricht-Belvédère. Hier suchen Forscher wie Wil Roebroeks schon seit langem nach Neandertaler-Spuren, es ist die bedeutendste Fundstätte im niederländischen Raum, und tatsächlich sind die Flecken bereits in den 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts geborgen und auch als Ocker identifiziert worden. "Aber obwohl Maastricht-Belvédère eine der Leuchtturm-Fundstätten des Mittelpleistozäns ist, haben die Flecken keine Rolle in der Chronologie der Pigmentverwendung gespielt", schreiben die Autoren in ihrem Bericht für die Abhandlungen der US-Akademie der Wissenschaften. Roebroeks und seine Kollegen haben die Flecken jetzt akribisch untersucht und datiert, darüber hinaus aber auch experimentell nachempfunden, wie sie überhaupt zustande kamen. "Wir haben allerdings jede Spekulation vermieden, wozu die Farbe in diesem speziellen Fall verwendet wurde", führt Roebroeks im Gespräch aus. 

Winzige rote Flecken zeugen vom Ockergebrauch an der Maas vor 250.000 Jahren (© Universität Leiden/Wil Roebroeks).Ocker kann für viele Zwecke eingesetzt werden: für die Konservierung von Nahrung, als Medizin, zum Gerben von Häuten und als Insektenschutz. Von vielen Paläoanthropologen wird der Einsatz der Farbe allerdings als Zeichen für Körperschmuck angesehen. Er soll einhergehen mit einem wichtigen Entwicklungsschritt des Menschen: dem Sinn für das Symbolische und Abstrakte, das mit dem Schmuck verbunden ist, eventuell sogar mit der Ausbildung von so etwas wie Ritualen, falls dieser Körperschmuck mehr als reines Ornament gewesen sein sollte. Manche setzen das Auftreten von Farbe oder Schmuck sogar mit dem Beginn der Sprache gleich, weil ohne letztere die Abstraktion nicht vermittelbar gewesen sein solle, die Schmuck zugrunde liege. 

In Abalone-Schalen rührte man vor 100.000 Jahren die Ockerpaste an und bewahrte sie auf (© Science/AAAS).Solches Verhalten haben die meisten Paläoanthropologen bislang nur dem modernen Menschen zugesprochen, dem Neandertaler nur insofern, als er das Vorbild seines moderneren Cousins nachgeahmt haben soll. Denn bislang hat man Ockerspuren nur in Neandertaler-Hinterlassenschaften gefunden, die jünger als 60.000 Jahren sind. Die frühesten Pigment-Spuren im Zusammenhang mit menschlichen Fossilien stammen aus dem mittleren Pleistozän, sind rund 100.000 Jahre alt und wurden in Südafrika gefunden. Damit gehören sie zu frühen Vertretern des anatomisch modernen Menschen. "Unsere Funde zeigen jetzt, dass dieser frühe Ockergebrauch kein Charakteristikum des frühen modernen Menschen war, sondern dass Neandertaler zumindest sporadisch Ocker benutzten, und das schon vor 250.000 Jahren", so Roebroeks.

Die heutige Kiesgrube war damals wohl ein schlammig-sandiger Uferbereich der mittelpleistozänen Maas. Neandertaler haben dort Bruchstücke von Flintwerkzeugen und auch Knochen zurückgelassen, und offensichtlich haben sie dort auch Hämatit-Pulver mit Wasser verrührt und dabei ein paar Tropfen fallengelassen. Das Experiment von Wil Roebroeks und seinen Kollegen hat das nämlich als wahrscheinlichste Ursache ergeben. "Wir hatten Glück, die Flecken überhaupt zu finden", erklärt Roebroeks, "wären die Sedimente gröber oder stärker verändert gewesen, hätten wir die Flecken nicht mehr ausmachen können."

Die große Frage ist jetzt, woher die Pigmente stammen, denn im Schwemmland der Maas ist das rote Gestein nicht vorhanden. "Es besteht die Möglichkeit, dass die Neandertaler einen der ganz, ganz seltenen Ockersteine aufgelesen und verarbeitet haben, die mit den Nebenflüssen der Maas hinabgeschwemmt werden", meint Wil Roebroeks, doch er hält das für nahezu ausgeschlossen. Die nächsten Hämatitvorkommen sind ein paar Dutzend Kilometer flussaufwärts in den belgischen Ardennen. "Aber es gibt auch eine faszinierende Verbindung nach Deutschland", erzählt Roebroeks. In der Osteifel bei Bassenheim wurden Flintwerkzeuge aus der Maastricht-Aachener Gegend gefunden, die dorthin nur durch Transport über die rund 100 Kilometer lange Strecke gelangt sein konnten. Der Ocker in Maastricht könnte jetzt auch die Gegenrichtung belegen, denn der ist in der Eifel wiederum sehr häufig.