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Nicht für den Privatgebrauch

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 10.12.2015 15:43

Das Wetter ist ein ausgesprochen komplexes System, das sich selbst mit den leistungsstärksten Computern nur für wenige Tage vorhersagen lässt. Dennoch forschen die Wetterdienste an Möglichkeiten, Prognosen für längere Zeiträume aufzustellen. Das britische Met Office gehört zu den führenden Institutionen auf diesem Gebiet und wagt eine Abschätzung des kommenden Winters.

Die Zeichen stehen auf einen zunächst warmen und feuchten, ab Januar aber kalten und möglicherweise auch langen Winter. Der britische Wetterdienst UK Met Office, der schon seit langem mit langfristigen Wetterprognosen herumexperimentiert, warnt vor Kälte in der zweiten Hälfte der Jahreszeit. Weiße Weihnachten auf den britischen Inseln und in Nordeuropa sehen die Wetterexperten aus Exeter dagegen nicht kommen.

Wetterextrem: Starkregen, Überschwemmung. (Bild: NOAA)"El Nino erhöht das Risiko von Kälte im Februar und März", sagt Adam Scaife, Chef der Langzeitvorhersageforschung beim Met Office. Die Aussage ist relativ ungenau, weil die Prognosemodelle der Meteorologen eine Heidenmühe haben, mit der Unberechenbarkeit des Wetters Schritt zu halten. Exakte Vorhersagen sind daher nur für wenige Tage möglich, je weiter man in die Zukunft zu schauen versucht, umso schwammiger werden die Formulierungen.

Dennoch gibt es im europäischen Wetter eine Reihe von zuverlässigen Größen, aus denen man eine gewisse Prognose ableiten kann. "Wenn die Nordatlantische Oszillation oder NAO positiv ist, bedeutet das für Nordeuropa feuchteres und wärmeres Wetter als üblich", erklärt Michael Vellinga, der auch in der Langzeitvorhersageforschung des Met Office arbeitet, "umgekehrt bedeutet eine negative NAO kältere und trockenere Winter." Positiv ist die NAO, wenn das Azoren-Hoch und das Islandtief, die beiden beherrschenden Wetterpole in Europa, gut ausgebildet sind. Dann schleusen die beiden viel feuchte und warme Luft vom Atlantik nach Europa. Bei einer negativen NAO sind sie dagegen schwach und die Westwinde ebenfalls entsprechend schwindsüchtig, so dass kalte Luft aus Sibirien oder vom Polarkreis nach Europa gelangt.

"Es gibt etwa vier bis fünf Systeme, die Einfluss auf die NAO haben", erklärt Vellinga. Eins scheint die Eisbedeckung in der Karasee zu sein, jenem Bereich des sibirischen Nordpolarmeers zwischen der Insel Nowaja Semlja im Westen und der Halbinsel Taimyr. Ein weiteres ist die sogenannte Quasi-Zweijährige Schwingung, eine atmosphärische Welle in der Stratosphäre. Das prominenteste Mitglied ist jedoch El Nino, das Klimaphänomen aus dem Zentralpazifik im Osten. El Nino ist zwar 15.000 Kilometer entfernt, doch irgendwie scheint es einen Zusammenhang zu geben. "Es ist sehr schwer zu verstehen", so Vellinga, "doch wenn wir einen El Nino im Pazifik haben, tendiert die NAO ins Negative."

Die genauen Mechanismen hinter diesen Zusammenhängen kennen die Meteorologen weiterhin nicht, doch die statistischen Korrelationen springen ins Auge und sind inzwischen in die meteorologischen Modelle integriert. Allerdings sind die Klimaforscher des Met Office noch nicht zufrieden mit deren Leistung. "Unsere Beobachtungsdaten zeigen über alle Jahre hinweg einen schönen, klaren und starken Zusammenhang einer negativen NAO mit einem El Nino", erzählt Vellinga, "wenn wir modellieren, sehen wir diesen Zusammenhang auch, aber er ist viel schwächer. Und wir verstehen nicht, warum das so ist." Dieses Problem gibt es auch für die anderen Einflussfaktoren, und das wirkt sich natürlich auf die Prognosequalität aus. "Wir können derzeit etwa 40 Prozent der NAO-Variabilität prognostizieren", meint der Niederländer, "und können das vielleicht auf 60 Prozent steigern, aber dann ist Schluss." Letztendlich seien Klima und Wetter zu komplex, um vollständig vorhergesehen zu werden.

Die Ostsee am Strand von Warnemünde im Winter 2012. (Bild: Holger Plickert, CC BY-SA 3.0)Dennoch veröffentlichte das Met Office im November eine Dreimonatsprognose, die bis zum Ende des Winters reicht. Und die lautet, dass bis zum Jahresende die Wahrscheinlichkeit eines warmen und feuchten Winters am höchsten ist, während für die zweite Hälfte der Jahreszeit eher trockene und kalte Bedingungen zu erwarten sind, die sich überdies bis in den März hineinziehen können. Es ist eine Wahrscheinlichkeitsvorhersage für ganz bestimmte Zielgruppen. Regierungsbehörden und Winterdienste können so ihre Einsatzpläne für den Winter aufstellen. Vellinga: "Es geht nicht darum, den Leuten zu sagen, ob und für wann sie ihren Ski-Urlaub buchen sollen."