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Nicht genau genug

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 21.05.2015 14:02

Die Klimamodelle der Wissenschaft sagen für Süd- und Mitteleuropa zurückgehende Niederschläge und daher erhöhte Trockenheit im Sommer voraus. In den hohen Lagen der Alpen belegen die Daten der Wetterdienste jedoch den genau umgekehrten Trend: Hier nehmen seit Jahren die Niederschlagsmengen und die Heftigkeit der Regenfälle zu, nur bei der Zahl der Unwetter gibt es einen Rückgang. Eine Studie mit regionalen Klimamodellen klärte jetzt den Widerspruch auf: Die grobmaschigen globalen Simulationen waren einfach nicht detailliert genug, um das komplexe Wettergeschehen im Hochalpinen abzubilden.

Schneebedeckte Alpen. (Bild: Duncan McGoldrick, Wikimedia Commons)Im hochalpinen Kern der Alpen werden die Niederschläge in Zukunft steigen - regionale Klimamodelle prognostizieren ein Wachstum um bis zu 30 Prozent. "Das ist genau das Gegenteil dessen, was die globalen Modelle uns anzeigen, und das hat uns doch sehr überrascht", erklärte der Klimaforscher Filippo Giorgi, der am Internationalen Zentrum für Theoretische Physik ICTP im italienischen Triest arbeitet. Der italienische Atmosphärenphysiker hatte am Beispiel der Alpen herausfinden wollen, welchen Zusatznutzen die detaillierten regionalen Klimamodelle gegenüber den weltumspannenden globalen Modellen bieten, mit denen die weltweiten Klimatrends errechnet werden. Der Widerspruch der fünf getesteten Simulationen zu den globalen Modellen, mit denen Klimaforscher die weltweite Entwicklung simulieren, fiel so drastisch aus, dass Giorgi seine Ergebnisse auf der Jahrestagung der Europäischen Geowissenschaftlichen Union in Wien vortrug.

Die Alpen sind ein gutes Beispiel, um die Leistungsfähigkeit von kleinteiligen, regionalen Simulationen zu testen, denn die globalen Modelle zeigen hier eklatante Prognoseschwächen. So sagen sie unisono bis zum Jahr 2100 einen Rückgang der Niederschläge für Süd- und Zentraleuropa voraus, der südlich der Alpen sogar einer Dürre gleichkommt. Das Problem: Aus den Wetterdaten der Alpenanrainer lässt sich dieser Trend beim besten Willen nicht ablesen. Hier weisen die Zeichen zuverlässig in Richtung mehr Niederschlag, wobei sich die Zahl der Unwetter verringert, während ihre jeweilige Stärke zunimmt. "Das haben alle Modelle in unserer Studie genau nachvollzogen, daher halten wir deren Vorhersage für recht zuverlässig", so Giorgi. Und diese Prognose besagt stärkere Sommerregen im Bereich des Alpenhauptkamms und gleichzeitig fortschreitende Trockenheit in den niedrigeren Lagen und den Alpenvorländern.

Nach Ansicht Filippo Giorgis deutet dieser Befund schon an, wo bei den globalen Modellen der Hase im Pfeffer liegt: "Die Prozesse, die den Niederschlag in den Alpen kontrollieren, sind zu kleinteilig, als dass sie mit den heutigen globalen Modellen erfasst werden könnten. Sie zeigten sich erst bei feinmaschigen Simulation mit vielleicht 10 Kilometer Auflösung." Die Niederschläge konzentrieren sich im Hochalpinen, weil die feuchte Luft aus den Niederungen die Bergflanken emporsteigt und in höheren Regionen abregnet. Das aber ist ein Geschehen, das durch die kleinteilige Morphologie des Gebirges bestimmt wird, ein globales Klimamodell von heute kann das nicht mehr erfassen. "Die globalen Modelle hinken in ihrer Auflösung ungefähr eine Generation hinter den regionalen her, in etwa zehn Jahren werden wir auch im weltweiten Maßstab soweit sein", meint Filippo Giorgi.

An der grundlegenden Prognose der globalen Modelle für Süd- und Mitteleuropa wird sich daher nicht viel ändern. Es wird trockener werden, in den Sommern wird auch nördlich der Alpen bald mit Wasserknappheit zu rechnen sein. Ob die stärkeren Niederschläge in den höheren Lagen die Situation entspannen können, bleibt abzuwarten.