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Nichts geht verloren

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 24.08.2013 19:47

Afrika ist der letzte Kontinent der Erde, auf dem eine beträchtliche Anzahl von Großsäugerarten lebt. Auf allen anderen starb diese so genannte Megafauna nach einer großen Blüte im Pleistozän abrupt aus. Forscher aus Großbritannien und den USA haben jetzt abgeschätzt, was dieses Verschwinden der Großsäuger für den Nährstoffkreislauf in kontinentalem Maßstab bedeutete. Ihre Ergebnisse, die in "Nature Geoscience" veröffentlich wurden, deuten auf dramatische Konsequenzen hin.

Mastodons gehörten zur ausgestorbenen nordamerikanischen Megafauna. (Bild: Science/Universität Wisconsin/Barry Roal Carlsen)Noch vor 14.000 Jahren war Südamerika ein Kontinent der Riesen. Gewaltige Riesenfaultiere, jedes so schwer wie ein Elefant und hoch wie eine Giraffe, durchkämmten das Amazonasbecken und die angrenzenden Savannen auf der unaufhörlichen Suche nach Nahrung. Schwer gepanzerte Riesengürteltiere rasselten zwischen ihnen herum, so groß und schwer wie ein VW Käfer. Herden von drei verschiedenen Elefantenarten waren ebenso vertreten wie Verwandte der heutigen Nashörner oder Flusspferde, dazu riesige Biber. Es waren die letzten Jahrhunderte einer einzigartig vielfältigen Tierwelt. "64 große Tierarten in Südamerika starben in einer Zeit aus, die mit der Einwanderung der ersten Menschen überlappt", erklärt Chris Doughty, Umweltforscher an der Universität Oxford. Der erste Auftritt des Menschen wird in der Zeit vor 13.500 bis 11.500 Jahren vermutet - und genau da verschwanden die meisten Großsäuger, darunter alle Riesenformen.

In den Ökosystemen des Kontinents hinterließen sie eine Lücke, die auf vielen Gebieten bis heute zu spüren ist. Doughty und seine Kollegen Yadvinder Malhi aus Oxford und Adam Wolf von der Universität Princeton in den USA haben sich die Nährstoffverteilung vorgenommen und zu modellieren versucht, welche Rolle die Megafauna dabei spielte, zum Beispiel Phosphor zu verteilen. "Diese Tiere sind Nährstoffverteiler, weil sie sind, was sie fressen", erklärt Doughty, "wenn sie Blätter mit hohem Nährstoffgehalt fressen, haben ihre Exkremente, der Urin und letztendlich auch ihr Körper, der verwest, wenn sie gestorben sind, einen hohen Nährstoffgehalt." Mineralische Nährstoffe wie Phosphor stammen in Südamerika vor allem aus der Gesteinsverwitterung in den Anden und gelangen über das Flusssystem des Amazonas ins Tiefland. Die Nährstoffkonzentration in den Überschwemmungsgebieten entlang der Flüsse ist hoch, die Savannenregionen des Ostens und Südens sind dagegen eher Phosphormangelgebiete. Weil aber das Südamerika des Pleistozäns offenbar ein wahres Paradies für Großsäuger war, haben diese die ungleiche Phosphorverteilung durch ihre ausgedehnten Wanderungen drastisch gemildert. "Die Megafauna war besonders effizient darin", beschreibt Tanguy Daufresne, Ökologe am französischen Agrarforschungsinstitut INRA, der nichts mit Doughtys Forschung zu tun hat, "nach ihrem Aussterben begannen die Unterschiede wieder zu wachsen, und das hält bis zum heutigen Tag an."

Elefanten in Langoue Bai, Ivindo Nationalpark, Gabun. (Bild: Science/Sam Moore)Doughty und seine Kollegen benutzten ein physikalisches Ausbreitungsmodell, um diese grundsätzliche Vorstellung mit ersten Zahlen zu versehen. Ihr Ergebnis: Nach dem Ende der Megafauna brach die großräumige Phosphor-Verteilung auf zwei Prozent ihres Umfangs während des Pleistozäns ein. "Die exakten Zahlen sollte man vielleicht mit Vorsicht genießen, weil es ein vergleichsweise einfaches Modell ist", so Daufresne, "aber über die Größenordnung besteht kein Zweifel." Das Aussterben der Megafauna habe die Bedingungen im Regenwalds komplett verändert, so Chris Doughty: "Als sie verschwanden, wurden weite Gebiete von der Versorgung mit mineralischen Rohstoffen regelrecht abgeschnitten." Das Resultat lasse sich im Regenwald besichtigen: Auf vergleichsweise armen Böden wüchsen Bäume vergleichbarer Arten wesentlich schlechter als auf den reichlich versorgten Böden entlang der Flüsse. Was vor 12.000 Jahren im Amazonasbecken begann, ist noch lange nicht abgeschlossen. Die Umstellung der Ökosysteme wird noch etwa 17.000 Jahre lang anhalten und zu immer größerer Heterogenität führen. Inzwischen zeigen erste Berechnungen, dass ähnliches auch in Nordamerika, Europa oder Asien passiert ist. Afrika, der letzte Kontinent mit einer beträchtlichen Zahl von Großsäugerarten könnte künftig ebenfalls einen solchen Weg beschreiten. Eine neuen Studie aus dem Krüger-Nationalpark in Südafrika prognostiziert, dass das Ausrotten von Elefanten und Nashörnern den gleichen Effekt mit sich bringen wird, wie das Verschwinden der großen Säugetiere auf den anderen Erdteilen.