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Nordpol unter stärkerer Beobachtung

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 11.09.2007 20:11

Die beiden Polgebiete der Erde gehören zu den entlegensten Arealen des Planeten. Dennoch haben sie eine Schlüsselrolle im Klimasystem inne. Ohne detaillierte Kenntnisse über die Vorgänge an Nord- und Südpol können Prognosen über die Klimaentwicklung deshalb gehörig daneben liegen. Allerdings sind die Datensammlungen über beide Gebiete längst nicht so umfangreich sonst auf der Erde. Das europäische Projekt "Damocles" will den Rückstand zumindest für den Nordpol aufholen.

Das Meereis am Nordpol geht zurück. "In den vergangenen 30 Jahren hat seine Fläche um 30 Prozent abgenommen", erklärt Christian Haas, Meereisforscher am Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI). Verschiedene Klimamodelle schließen daraus, dass infolge der Klimaerwärmung spätestens 2080 der arktische Ozean zumindest im Sommer eisfrei sein wird. Den Forschern sind solche Aussagen eigentlich gar nicht recht, denn "uns fehlen einfach die Daten", so AWI-Ozeanografin Ursula Schauer, "um die Entwicklung prognostizieren zu können." Schließlich hat gleichzeitig am Südpol die Fläche des Meereises sogar zugenommen. Daher sind die Forscher sehr vorsichtig, wenn es darum geht, das Verhalten des Meereises mit dem Klimawandel in Verbindung zu bringen.


Der Nordpol liegt inmitten eines eisbedeckten Ozeans, dessen Eisdecke in jüngster Zeit während des Sommers immer löchriger wird. Bild: AWI

Mehr Gewissheit kann bloß die großmaßstäbliche und systematische Sammlung von Daten bringen. Doch Messungen an den Polen sind besonders teuer und schwierig zu bewerkstelligen. Die Ausrüstung muss über weite Strecken herbeigeschafft werden und das harsche Klima fordert das Material immens. Mehr als Schnappschüsse oder Messkampagnen an einzelnen Orten sind da bislang nicht drin gewesen. Das europäische Projekt "Damocles" will jetzt die Arktis regelmäßig beobachten - zunächst allerdings auf zwei Jahre beschränkt. "Damocles ist jedoch eine Art Prototyp für ein von der EU finanziertes Beobachtungssystem", erklärte Projektleiter Jean-Claude Gascard, Professor an der Pariser "Université Pierre et Marie Curie" auf dem zweiten Workshop des Projektes, der jetzt in Bremen stattfand. Im Rahmen von Damocles sollen die geeigneten Technologien und Methoden für dieses EU-System gefunden werden.

Gerade der Nordpol ist besonders heikel, denn er ist schließlich vom arktischen Ozean bedeckt. Dauerhafte Messungen sind hier nur mit Spezialschiffen möglich, die täglich zwischen 50.000 und 100.000 Euro kosten. Wertvolle Daten - etwa über die Ausdehnung des Meereises - liefern inzwischen auch Erdbeobachtungssatelliten, die die Pole überfliegen. "Allerdings brauchen diese Satellitendaten dringend die Ergänzung durch Daten von der Erdoberfläche", so Cecilie Mauritzen vom Norwegischen Meteorologischen Institut. Denn die Instrumente der Flugkörper können nur eine kleine Anzahl der Parameter erfassen, die die Polarforscher interessieren. Der speziell für die Beobachtung der Polargebiete entwickelte Satellit "Cryosat" der Europäer stürzte im vergangenen Jahr mit seiner Trägerrakete ab, der Nachfolger "Cryosat-2" soll 2009 starten. Die früher insbesondere von der UdSSR betriebene Langzeitforschung mit auf dem Meereis eingerichteten und bemannten Stationen, die mit der Eisdecke um den Pol drifteten, landet mit der abnehmenden und dünner werdenden Eisdecke wohl im Aus. "Die Russen machen sich sehr große Sorgen, ob sie diese Art Forschung noch fortsetzen können", berichtete Gascard. 2004 war die Station Nordpol-32 regelrecht in Seenot geraten, da die Eisscholle, auf der sie eingerichtet worden war, auseinanderbrach. In einer dramatischen Aktion konnte die Besatzung evakuiert werden, musste allerdings einen Großteil ihrer Ausrüstung zurücklassen.


Grönland, am 12. März 1988 vom Spaceshuttle aus aufgenommen. Bild: Nasa

Die Veränderungen sind geradezu mit den Händen zu greifen. Die Festlandsgletscher in Grönland nehmen genauso wie das Meereis der Arktis ab. Und auf der gerade abgeschlossenen zweiten Arktisreise der "Maria S. Merian" hat Ursula Schauer überraschende Daten über die Meerwassertemperatur in der Framstraße gemessen. In dieser Straße zwischen Grönland und Spitzbergen fließt Atlantikwasser in den arktischen Ozean, es ist die größte Wasserzufuhr in das weitgehend von Kontinenten umgebenen Meer. "Verglichen mit unseren Messungen im vergangenen Sommer war das Wasser durchschnittlich 0,8 Grad wärmer", berichtete Schauer. Bei einer Wassertemperatur von zurzeit vier Grad ist das schon eine beachtliche Erwärmung. Auch die beiden vergangenen Jahre zeigten bereits erhöhte Temperaturen des einströmenden Nordatlantikwasser. Die Wissenschaftler wissen sich in einer unbehaglichen Situation: "Wir sehen, dass sich etwas ändert, wir wissen aber nicht warum", meinte Schauer. Es fehlen einfach die Vergleichsdaten, um zwischen einem langfristigen Trend und einem kurzfristigen Puls unterscheiden zu können.

Damocles will daher den Einsatz von automatischen Systemen vorantreiben. Dazu zählen Unterwassersensorplattformen, die im Meerwasser unter dem Eis herumtreiben und auf den Eisschollen befestigte Instrumente. "Wir denken an rund zehn treibende Bojen und zwanzig auf dem Eis installierte Stationen", erklärt Projektleiter Gascard. Hinzu kommt noch das französische Schiff "Tara", das seit dem 3. September eingeschlossen im Meereis über den arktischen Ozean treibt und voraussichtlich zwei Jahre lang Messungen durchführen wird. Außerdem will Russland allen Sorgen zum Trotz offenbar doch noch einmal eine Driftstation auf dem Meereis einrichten, die allerdings nicht mehr als ein Jahr Informationen sammeln dürfte. "Diese Daten werden in unsere Modelle eingespeist, denn Vorhersagen kann man nicht aus den Messungen ableiten", so Ursula Schauer.