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Ökosystem auf dem Weg der Besserung

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 17.04.2015 10:04

Das Tohoku-Megabeben vom 11. März 2011 und der anschließende Tsunami verheerten nicht nur die Nordostküste der japanischen Hauptinsel Honschu, auch die Ökosysteme des Meeres bis hinab in den Tiefseegraben wurden schwer geschädigt. Im Regierungsauftrag beobachten Meeresforscher jetzt, wie sich die Biotope erholen. Auf der Jahrestagung der Europäischen Geowissenschaftlichen Union in Wien berichteten sie über einen Zwischenstand.

Der Tsunami vom 11. März 2011 riss an vielen Orten, hier Wakuya, die meisten Gebäude ins Meer. (Foto: US DoD)"Die Gewässer vor Tohoku gehörten zu den besten Fischereigebieten Japans, ja der ganzen Welt", berichtet Hiroshi Kitazato von der japanischen Behörde für Meeresgeologie und Technik (Jamstec), "doch der Tsunami spülte alles weg." Die ausgedehnten Seegraswiesen und Tangfelder mit Fischen, Schnecken, Muscheln und Seegurken wurden von den Wogen umgepflügt und in die Tiefseeschluchten gezogen, die die Schulter des Japangrabens durchziehen. Unmittelbar nach der Katastrophe war der Meeresboden vor Nordost-Honschu buchstäblich eine Wüste. "Die Regierung beauftragte uns daher, den Schaden aufzunehmen und die Erholung der Ökosysteme zu beobachten", so Kitazato. Mit den Universitäten von Tohoku und Tokio hat Jamstec ein Forschungszentrum eingerichtet, dass die Entwicklung der Ökosysteme untersucht.

In dem auf zehn Jahre angelegten Projekt begleiten die Forscher einige Canyon-Systeme und drei Buchten exemplarisch. Glücklicherweise erweisen sich die Ökosysteme des Schelfs als sehr robust. "Wir sehen, dass sich die Gebiete erholen", erklärt Kitazato, "heute, vier Jahre nach dem Tsunami, wächst wieder Seegras und viele Organismen, die vorher hier lebten, sind zurückgekehrt." Genetische Untersuchungen zeigten überdies, dass es sich um die ehemals hier beheimateten Arten und nicht um neue Einwanderer handelt.

Ausbreitung des Tsunamis vom 11. März 2011. (Bild: NOAA/PMEL)Die Wiederbesiedlung geschah in Wellen, die sehr gut die Beweglichkeit der Lebewesen widerspiegeln. "Zuerst kamen die Fische zurück", erklärt Hiroshi Kitazato, "danach die beweglichen Bodenbewohner wie Seegurken. Etwas langsamer waren kriechende Arten wie die Abalone-Schnecken, und ganz am Schluss kamen auch die Seegräser und Algen zurück." Die stehen derzeit vor einem größeren Problem, denn auf sie warteten ja schon zahllose hungrige Konsumenten, von Fischen bis zu Seegurken. Kitazato: "Diese Pflanzenfresser schädigen die Seegraswiesen erheblich, das Ökosystem ist daher zurzeit noch nicht im Gleichgewicht. Mal läuft es gut, mal läuft es schlecht."

Vor Tohoku beginnen die Fischer, den Schutt zu bergen. (Foto: Jamstec)Mit den Lachsen vor Tohoku läuft ein natürliches Experiment, in dem die Anpassungsfähigkeit der wandernden Fische getestet wird. "Die Tiere, die vor dem Erdbeben geboren wurden und jetzt zum Laichen zurückkehren, werden ihre gewohnten Flüsse nicht mehr finden, weil sich vieles geändert hat", erklärt Kitazato, "wir beobachten sehr genau, wie sie sich verhalten." Genaueres werde man erst in einigen Jahren wissen.

Die Schluchten in der Schulter des Tiefseegrabens vor der Küste haben sich dagegen zu einer Art Deponie des Tsunamischutts entwickelt. Von Fischerbooten bis zu Haustrümmern und Fahrzeugen landeten die größeren und schweren Teile nach und nach auf ihrem Boden. Das meiste davon ist für die marine Umwelt unbedenklich, "aber", so Kitazato, "uns machen die PCB-Anteile in Batterien Gedanken". Wenn die Energiespeicher korrodieren und die PCB freisetzen, könnte das die Meeresorganismen schädigen. Derzeit lassen sich noch keine erhöhten Werte messen. Mit ihren hochentwickelten Sonaren haben die Jamstec-Forscher die Lage der Schuttberge bestimmt, und sie geben die Positionsdaten an die Fischer vor Ort weiter. "Sie bergen, was möglich ist, denn dieser Schutt ist schlecht für die Trawler, weil er die Netze zerstört", sagt Hiroshi Kitazato. Die Meeresforscher raten jedoch davon ab, alle Trümmer zu beseitigen. "Sie spielen", so Kitazato, "eine wichtige Rolle als Wiege für den Fischnachwuchs." Die Jungfische sind vor den Schleppnetzen geschützt und finden Zufluchtsmöglichkeiten vor ihren natürlichen Fressfeinden. Vier Jahre nach dem Unglück sind deshalb die früher überfischten Fischbestände in einem wesentlich besseren Zustand.