Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Wissen Planet Erde im Mittelpunkt

Planet Erde im Mittelpunkt

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 11.09.2007 19:33

Gleich vier Aktionsjahre aus dem Bereich der Geowissenschaften werden in diesem und im kommenden Jahr versuchen, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf den Planeten zu lenken, auf und von dem wir alle leben. Obwohl die Gefahr der Konkurrenz oder der Übersättigung des Publikums besteht, sehen die Geowissenschaftler darin eine gute Chance, die Öffentlichkeit für ihre Themen zu sensibilisieren.

Neben dem Internationalen Polarjahr, das bereits öffentlichkeitswirksam gestartet ist, wollen zwei Teilbereiche der Erdwissenschaften auf sich aufmerksam machen, die Sonnenphysiker mit dem Heliophysikalischen Jahr und die für die inzwischen so grundlegende Datensammlung und -verarbeitung zuständigen Experten mit dem elektronischen geophysikalischen Jahr . Ganz umfassend kommt dagegen das Internationale Jahr des Planeten Erde daher, das die Vereinten Nationen für 2008 proklamiert haben. Es soll zusammen mit diesem Jahr und 2009 ein komplettes Triennium den Geowissenschaften widmen.

Es will unsere Erde aus so vielen verschiedenen Perspektiven wie möglich in den Blick nehmen. Neben den klassischen Geowissenschaften sollen die Ozeanographen und die Hydrologen ebenso mitspielen wie die Biologen. In der Organisation dieses Jahres arbeitet eine internationale Staatenorganisation, die Unesco, mit einer internationalen nicht-staatlichen Wissenschaftsorganisation, der Internationalen Union der Geowissenschaften IUGS, zusammen. "Wir wollen das Bewusstsein bei der Öffentlichkeit und bei den Politikern verbessern", erklärt Eduardo de Mulder, Geologie-Professor an der Technischen Universität im niederländischen Delft und Geschäftsführer des Internationalen Sekretariates, das die nationalen Kampagnen des Gedenkjahres koordiniert.

Geowissenschaftler wollen mehr Resonanz

Die Geowissenschaftler sind ernsthaft besorgt, dass die Erkenntnisse ihrer Disziplinen nicht genügend Eingang in politische Entscheidungsprozesse finden. "Die Bedeutung des Planeten, auf dem wir leben, für unser tägliches Leben, für die politische Entscheidungsfindung, für Sicherheit, Wohlstand und Gesundheit wird viel zu oft übersehen oder zu wenig ernst genommen", warnt de Mulder. Ein erschreckendes Beispiel sei der Tsunami gewesen, der Weihnachten 2004 durch den Indischen Ozean gerast sei. "Wir sind sicher, dass die Opferzahlen dieser Katastrophe wesentlich geringer gewesen wären, wenn das Wissen und die Informationen der über 500.000 Geowissenschaftler weltweit besser in den Planungen und Aktionen der Anrainerstaaten berücksichtigt worden wäre", so de Mulder.

In den betroffenen Küstengebieten hätte man sich zum Beispiel besser auf entsprechende Flutwellen vorbereiten können, sei es durch bedeutend massivere Bauweise, oder durch Verhaltenstrainings. Besonders gefährdete Gebiete hätte man identifizieren können, in denen eine Ansiedlung eventuell ganz hätte verboten werden müssen. Dass geowissenschaftlicher Sachverstand nicht ausreichend in die Entscheidungsfindung einbezogen wird, ist dabei keineswegs auf diese Region beschränkt. Das zeigt schon ein Blick zum Beispiel auf den Rhein, dem die Besiedlung durch den Menschen immer dichter ans Bett rückt. In manchen Städten werden die letzten winzigen Überflutungsflächen als Siedlungsgebiete ausgewiesen.

Das Internationale Jahr des Planeten Erde soll deshalb vor allem die Geowissenschaften stärker im Bewusstsein der Öffentlichkeit verankern. Hierin unterscheidet es sich von den parallelen Veranstaltungen. "Wir wollen Wissenschaft und Öffentlichkeit gleichermaßen voranbringen", wünscht sich Wolfgang Eder, der Verbindungsmann zum deutschen Organisationskomitee. Ein Beispiel für ein wissenschaftliches Projekt im Rahmen des Jahrs des Planeten Erde ist One Geology , ein Projekt, das zum ersten Mal in der Geschichte eine geologische Weltkarte im Maßstab 1:1 Million aufstellen will.

"Jahr der Geowissenschaften" als Vorbild

Die öffentlichkeitswirksame Vermittlung der Wissenschaft soll allerdings im Jahr des Planeten Erde eine vorherrschende Rolle spielen. Vorbild ist das deutsche "Jahr der Geowissenschaften", das 2002 mit Hunderten von Veranstaltungen eine Million Interessierte anzog. So beeindruckt waren die Partner aus den anderen Staaten, dass das Symbol des "Jahrs der Geowissenschaften" jetzt auch zum Symbol des weltweiten Jahres des Planeten Erde avancierte. Rund 40 Staaten haben sich dem Jahr inzwischen mit eigenen Organisationskomitees angeschlossen, 15 bis 20 weitere werden bald folgen. Jedes entwickelt die Aktionen in eigener Regie, nur der generelle Rahmen wird international vorgegeben - und wenn Themen grenzübergreifend angegangen werden sollen, unterstützt das Sekretariat diese Bemühungen. "Wir haben uns zehn Themenschwerpunkte herausgesucht, zu denen Veranstaltungen entwickelt werden", so Mulder. Dies sind die Themen Grundwasser, Gesundheit, Klima, Ressourcen, Riesenstätte, Boden, Ozean, die tiefe Erde, Leben und Naturkatastrophen.

Der Startschuss wird im kommenden Jahr auf einer großen Eröffnungsfeier in Paris fallen, wo Staatschefs, Wirtschaftsbosse und hochrangige Wissenschaftler zusammentreffen werden. In China werden viele Veranstaltungen in Zusammenhang mit den Olympischen Spielen 2008 stattfinden, Indien schickt dagegen einen riesigen Informationszug auf die Reise durch den Subkontinent. In den wesentlich kleineren Niederlanden wird es eine Roadshow sein. "In Österreich sind zum Beispiel Bestrebungen im Gange, das Neujahrskonzert in Zusammenhang mit dem Internationalen Jahr des Planeten Erde zu stellen", berichtet Wolfgang Eder. Gegenseitig Konkurrenz werden sich dabei die verschiedenen Gedenkjahre nicht machen - zumindest hoffen das die Veranstalter. Eine gewisse Koordination hat es im Vorfeld durchaus gegeben, so dass große Überschneidungen wohl ausbleiben werden. Eine Übersättigung der Öffentlichkeit mit geowissenschaftlichen Themen fürchtet de Mulder ohnehin nicht. "Man hat ein größeres Wissensdefizit - und der gemeinsame Ansatz aller vier Jahre wird diese Lücke vielleicht füllen."