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Pleistozänes Jagdlager in eisiger Höhe

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 29.10.2014 11:23

Das Leben in großer Höhe stellt den menschlichen Organismus auf eine harte Probe, denn niedrige Temperaturen, karge Versorgung und geringer Sauerstoffgehalt der Luft wirken nicht gerade einladend. Dennoch, das zeigen Funde aus den südperuanischen Anden, haben sich schon die frühen Einwanderer auf den amerikanischen Doppelkontinent bis in 4500 Meter Höhe gewagt. In "Science" berichten Archäologen von Funden im Pucuncho-Tal, die 12.000 Jahre alt sind.

Blick auf den Nevado Coropuna bei Nacht. (Bild: Science/Walter Beckwith)Der Nevado Coropuna ist mit 6405 Metern Perus höchster Vulkan, doch wenn man in einem der ihn umgebenden Hochtäler steht, ist von seiner beeindruckenden Höhe nicht mehr viel zu sehen. Die meisten Talböden liegen hier schon auf 4000 Metern, da ist es nicht mehr sehr weit zum Gipfel des Coropuna. Eines dieser Täler ist das Pucuncho-Becken, das nachgewiesenermaßen seit mehr als 12.000 Jahren von Menschen besucht wird. "Es ist eine wunderschöne Hochland-Oase", schwärmt Kurt Rademaker, US-Archäologe und seit kurzem Gastdozent am Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Tübingen, der das Hochtal seit vielen Jahren nach Siedlungsspuren abgesucht hat.

Das Camp der Ausgräber an der Fundstelle Cuncaicha im Hochtal von Pucuncho in Südperu. (Bild: Science/Kurt Rademaker)Schmelzwasserflüsse bewässern die Lavaerde, so dass eine dichte Hochlandsavanne gedeihen kann. Vereinzelt kommt noch Buschwerk hinzu, Bäume allerdings können sich in der Höhe nicht mehr halten. Für Vikunjas und Guanakos, die höhentauglichen Wildkamele der Anden, ist der Tisch allerdings reich gedeckt und sie kommen entsprechend regelmäßig und zahlreich in das Tal. "ich glaube, auch die Menschen vor 12.000 Jahren haben dieses Potential erkannt, als sie das Tal erreichten", so Rademaker.  Damals ging das Pleistozän langsam in die aktuelle Warmzeit über, im peruanischen Hochland hatten sich die Gipfelgletscher bereits zurückgezogen und stießen auch in der kurzen Kälteperiode der Jüngeren Dryas nicht weiter vor.

Christopher Miller, Tübinger Juniorprofessor für Geoarchäologie, bei der Ausgrabung im Pucuncho-Becken. (Bild: Science/Kurt Rademaker)Zusammen mit Kollegen der Universitäten Maine und Tübingen hat Rademaker an zwei Stellen des Tals Spuren von intensiver Nutzung ausgegraben und gesichert, die nur 2000 Jahre jünger sind als die Funde im chilenischen Monte Verde, fast 3000 Kilometer weiter südlich. Diese gelten als die ältesten unumstrittenen menschlichen Spuren auf dem amerikanischen Doppelkontinent. Im Pucuncho-Becken fanden Rademaker und seine Kollegen, unter ihnen auch Christopher Miller, Juniorprofessor für Geoarchäologie in Tübingen, Obsidianklingen und Pfeilspitzen sowie Indizien für ausgedehnte Jagdzüge auf die Hochlandkamele und eine peruanische Hirschart. Unter einem schützenden Felsüberhang gab es ausserdem Wandmalereien und Anzeichen dafür, dass man den geschützten Ort viele Male für Lagerfeuer und zum Kochen nutzte. Beilagen zum Fleisch fanden die eiszeitlichen Jäger hier oben allerdings nicht. Allerdings haben sie sie offenbar vor dem Aufstieg in tieferen Regionen gesammelt und mitgebracht, denn die Archäologen fanden Spuren stärkehaltiger Wurzeln, wie sie auch heute noch verzehrt werden.

Kurt Rademaker, University of Maine, und Peter Leach, University of Connecticut, im Pucuncho-Becken. (Bild: Science/Walter Beckwith)"Viele Hinweise deuten darauf hin, dass diese Fundstellen Basiscamps sind. Wir haben viel zu viel Material für einen kurzen Zwischenstopp gefunden", so Kurt Rademaker, "wir sind uns recht sicher, dass sich die Leute dort mindestens während der Jagdsaison aufhielten, vielleicht sogar rund ums Jahr." Die Menschen im Pucuncho-Becken hatten offensichtlich Beziehungen zu Gruppen bis tief hinunter an der Pazifikküste, denn in der bekannten Fundstätte Quebrada Jaguay, rund 150 Kilometer entfernt, fanden sich Obsidianwerkzeuge, deren Material vermutlich aus dem Andenhochtal im Schatten des Nevado Coropuna stammt.

Der Nevado Coropuna, der höchste Vulkan Perus, gesehen vom Pucuncho-Becken aus. (Bild:  Science/Kurt Rademaker)Dass es die Neuankömmlinge schon so früh in derart große Höhen trieb, erstaunt. Schließlich liegen die Temperaturen hier im Jahresdurchschnitt im niedrigen einstelligen Bereich und die Luft ist so dünn, dass den menschlichen Lungen nur wenig mehr als halb so viel Sauerstoff zur Verfügung steht wie im Tiefland. "Die frühe Erschließung dieser extremen Höhen könnte zweierlei bedeuten. Entweder passten sich die Menschen genetisch schnell an die Bedingungen an, oder die menschliche Anpassungsfähigkeit ist groß genug, um damit fertig zu werden", meint Rademaker.