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Pollen geben Einblick

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 23.08.2012 15:56

Die Israeliten hatten bei ihrem Zug ins Gelobte Land kräftige Schützenhilfe der Natur. "In der späten Bronzezeit und frühen Eisenzeit gab es eine sehr markante Klimaveränderung, die wir archäologisch gesehen mit dem Ende der kanaanitischen Stadtkultur bezeichnen, skizziert der Paläobotaniker Thomas Litt von der Uni Bonn einen der Funde, die er zusammen mit Kollegen der Universitäten Bonn und Münster und des Israelischen Geologischen Dienstes in der Zeitschrift "Quarternary Science Review" vorstellt.

Ausschnitt eines Bohrkerns vom Westufer des Toten Meeres (Bild: Uni Bonn).Gegen die Mauern von Jericho musste offenbar gar nicht mit Posaunen vorgegangen werden, die Stadt war schon durch eine langanhaltende Dürreperiode mürbe genug. Das geht aus einem Bohrkern vom Westufer des Toten Meeres hervor, den die Wissenschaftler ausgewertet haben. Die auf Pollen basierende Klimachronik Palästinas für die jüngsten 10.000 Jahre zeigt drei deutlich unterscheidbare Phasen, die durch kurze und drastische Klimawechsel voneinander getrennt werden. Die erste Phase war trocken und warm und reichte bis rund 3500 vor Christus. Daran schloss sich eine kühlere und feuchtere Periode bis ungefähr 1200 vor Christus an. In der zweiten Hälfte dieser Periode blühten im Binnenland die kanaanitischen Städte auf, an der levantinischen Küste, dem heutigen Libanon, kamen die phönizischen Handelszentren zu großem Reichtum. Dann jedoch kam ein erneuter Wechsel zu trockeneren und wärmeren Bedingungen, die sich innerhalb relativ kurzer Zeit einstellten. "Relativ kurz heißt ungefähr in der Größenordnung von 100 Jahren", erklärt der Bonner Meteorologe Andreas Hense, auch er Mitglied des Teams, "für die damaligen Gesellschaften war das natürlich ein Drama. Auf einmal bleibt der Regen weg und man weiß nicht, warum."

Für die Kanaaniter hatte das dramatische Folgen. Viele ihrer Städte wurden aufgegeben, Dörfer prägten nach dem Klimawechsel das Gebiet, das so auch viel anfälliger wurde für Einfälle von nomadisierenden Stämmen. Einer von ihnen könnten die Israeliten gewesen sein, die sich schließlich festsetzten. "Jerusalem war zu dieser Zeit auch mehr ein mickriges Bergdorf, keine goldene Stadt", meint Thomas Litt, "das war wohl eher eine Legendenbildung späterer Jahrhunderte." Die phönizischen Handelszentren der Levante blieben vom Klimawandel verschont, "die Schwankungen", sagt Litt, "haben sich da nicht so stark ausgewirkt".

Am Westufer des Toten Meeres wurde ein 20 Meter langer Bohrkern gewonnen, der 10.000 Jahre in die Vergangenheit zurückreicht (Bild: GFZ Potsdam).Die Bohrkerne im Toten Meer sind das Klimaarchiv einer ganzen Region, die vom Hermon im Norden über den See Genezareth und das Binnenmeer selbst bis weit in den Negev hineinreicht. Sie liegt im Schnittpunkt dreier sich stark unterscheidender Lebensgemeinschaften, die sich je nach Klimabedingungen mehr oder weniger stark durchsetzen: Aus dem Norden und von der Küste her reicht die mediterrane Lebensgemeinschaft mit immergrünen Eichen, Ölbäumen und Pistazien in das Gebiet hinein. Von Osten her erstreckt sich die iranisch-turanische Steppengemeinschaft mit Beifußgewächsen oder dem als Heilpflanze genutzten Rutenstrauchgewächs Ephedra. Vom Süden kommen die besonders an heiße und trockene Klimate angepassten Pflanzen der saharo-arabischen Wüstengemeinschaft, Akazien etwa oder Gänsefußgewächse. Diese drei sogenannten Biome unterscheiden sich deutlich in ihren Pollen, die Wissenschaftler brauchten somit nur regelmäßige Proben aus den Bohrkernen nach ihrer Pollenzusammensetzung zu untersuchen. 

Wissenschaftler untersuchen den Bohrkern von Ein Gedi (Bild: Uni Bonn).Die Proben nahmen sie in Abständen, die Perioden von rund 100 bis 150 Jahren entsprechen. "Die Veränderungen sehen wir von einer Probe zu anderen. Dass sie auf alle Fälle unterhalb des Skalenbereichs von 100 liegen", erklärt Litt, "das wissen wir mit Sicherheit." Von den Pollen zu Temperaturen und Niederschlagsmengen gelangten die Wissenschaftler durch Vergleiche mit den heutigen Bedingungen, unter denen die Pflanzengemeinschaften gedeihen. "Wir können auf den Pollendaten basierend mit 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit angeben, in welchem Bereich man zur jeweiligen Zeit eine bestimmte Temperatur und eine bestimmte Niederschlagsmenge erwarten kann", erklärt der Meteorologe Andreas Hense. Verglichen mit heutigen Niederschlags- und Temperaturmessungen ist das natürlich eine schwammige Information, doch die Forscher konnten sie mit Pegelstandsrekonstruktionen für das Tote Meer vergleichen, an denen der Israelische Geologische Dienst seit vielen Jahren schon arbeitet. "Die haben aus komplett anderen Datenquellen die Seespiegelschwankungen des Toten Meeres rekonstruiert", erklärt Hense, "darin sind an keiner Stelle Bohrdaten oder biologische Daten eingegangen, das sind wirkliche geomorphologische Daten. Und da hat sich herausgestellt, dass die eben einen sehr ähnlichen Verlauf haben."

Ein Pollenkorn der Eselsdistel Onopordum alexandrinum (Bild: Uni Bonn).Was nun genau hinter den schnellen Wechseln mit historischen Konsequenzen steckt, ist derzeit allerdings unklar. "Wir haben keine großflächige Darstellung, um genau diese Frage zu beantworten", betont Hense, "ist das jetzt eine große systematische Verschiebung in den Niederschlagsmustern, oder vielleicht eine lokale Modulation des Niederschlagsfeldes gewesen?" Diese Darstellung für den gesamten östlichen Mittelmeerraum soll in den kommenden Jahren folgen. Hense und andere Wissenschaftler wollen mit einer großen Zahl von Bohrkerndaten die Klimaveränderungen vom Negev bis zum Balkan protokollieren. Rund 150 Bohrkerne, gut über die Levante, Kleinasien, die Ägäis und den Balkan verteilt, würden reichen; eine ganze Reihe von ihnen sind bereits gezogen, ihre Daten stehen in Datenbanken zur Verfügung. Die Informationen würden die aus einem vergleichbaren Projekt für Mitteleuropa räumlich perfekt ergänzen, das bereits abgeschlossen ist.

Für den halben Kontinent könnte man so ziemlich detailliert eine Klimageschichte aufstellen. "Das sind dann gleichzeitig typische räumliche Ausdehnungsmuster, die man auch mit Klimamodellen bekommt", erklärt Hense, "dadurch habe ich eine viel bessere Anbindung an Klimamodelle." Und mit diesen Modellen könnten Klimaforscher schließlich simulieren lassen, was letztendlich das klimatische Element beim Ende der kanaanitischen Stadtkultur war und unter Umständen auch einen Blick in die Zukunft der Region werfen.