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Pralles Leben am Pol

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 18.06.2009 14:30

Einen tiefen Einblick in das Sozialleben der Trilobiten vor 450 Millionen Jahren haben Forscher in Nordportugal gewonnen. In der Fundstätte Arouca gruben sie Tausende der urtümlichen Gliederfüßer aus, die durch schlagartigen Sauerstoffmangel dahingerafft worden waren. Der plötzliche Tod ereilte die Tiere in den unterschiedlichsten Aktivitäten. In der US-Fachzeitschrift „Geology“ informieren die Forscher eingehend über ihren Fund.

RiesentrilobitEs war ein lauschiges Plätzchen, soweit das im Südpolarmeer des Ordoviziums möglich war. „Es scheint ein flaches Meeresbecken gewesen zu sein, vom Rest des Ozeans isoliert“, beschreibt Diego García-Bellido von der Universidad Complutense in Madrid die Szenerie vor rund 450 Millionen Jahren. Das Wasser in diesem Becken war nicht ganz so kalt wie das des Ozeans und auch wesentlich ruhiger - kein Wunder also, dass es auf Lebewesen äußerst anziehend wirkte. Heute liegt das ehemalige polare Meeresbecken im Norden Portugals, Arouca ist eine der besten Fundstätten für ordovizisches Meeresgetier, denn ganz so lauschig war es damals dann doch nicht. „Es gab in Bodennähe Fluktuationen in der Sauerstoffversorgung“, so García-Bellido, „die die Tiere töteten.“

Ausstellung mit TrilobitenDieser für die damalige Fauna fatale Sauerstoffmangel ist für die Paläontologen ein Glücksfall, denn er bescherte ihnen zahllose Fossilien der unterschiedlichsten Trilobitenarten und dazu ungeahnte Einblicke in das Sozialleben dieser Gliederfüßer. „Wir fanden viele Trilobiten in Gängen oder Gruben“, erklärt Artur Sá von der portugiesischen Universidade de Trás-os-Montes, „einige häuteten, andere suchten nach Nahrung oder versteckten sich vor Feinden.“ In einem Fall fanden die Forscher viele kleine Trilobiten, die sich unter dem Panzer eines toten Giganten versteckt hatten. Genützt hat es ihnen nichts, denn alle wurden urplötzlich in den Tod gerissen. „Aber weil es keinen Sauerstoff gab, gab es auch keine bakterielle Zersetzung“, so García-Bellido. Sediment deckte die Toten zu und ließ sie mit der Zeit versteinern. Sobald wieder Sauerstoff in Bodennähe vordrang, kamen auch die Tiere wieder, bis sich die tödliche Sauerstoffmangelzone wieder ausdehnte. „In manchen Schichten fanden wir nur wenige Trilobiten, in anderen wieder Hunderte und Tausende“, erklärte Artur Sá.

Forscher mit TrilobitenDie Forscher entdeckten an den ordovizischen Trilobiten Verhaltensweisen, die man heute noch bei Gliederfüßern beobachten kann. „Wenn sie sich häuten, sind die Tiere besonders verletzlich und ziehen sich deshalb in Gruben im Meeresboden zurück“, so Sá, „anscheinend nutzten sie diese Zeit auch zur Fortpflanzung, ähnlich wie heute die Pfeilschwanzkrebse.“ Bei denen geben Hormone sowohl das Signal zur Häutung als auch das zur Fortpflanzung. „In diesem Jahr feiern wir Darwins 200. Geburtstag, und das gibt diesen Funden eine besondere Bedeutung“, betont der portugiesische Paläontologe, „denn heute verhalten sich Tiere immer noch wie ihre Ur-Urahnen vor mehr als 540 Millionen Jahren.“

Zwerge im GigantenpanzerDoch nicht nur die Einblicke in das Sozialleben der Trilobiten machen die Fundstätte von Arouca so besonders, sondern auch die zum Teil erstaunliche Größe der Tiere. „Der größte vollständige Trilobit ist 70 Zentimeter lang, wir haben aber Gliedmaßen von Tieren gefunden, die 90 Zentimeter groß gewesen sein müssen“, so Artur Sá. Trilobiten aus anderen Fundstätten sind in der Regel nur zehn bis 20 Zentimeter groß. Die Forscher führen den Riesenwuchs von Arouca auf die allen Sauerstoffmangelerscheinungen zum Trotz günstigen Polarbedingungen zurück. Das Wasser in dem Meeresbecken war kalt und nährstoffreich und wenn Sauerstoff vorhanden war, dann mehr als in warmem Wasser. „Wenn wir uns heute die Gliederfüßer an den Polen ansehen, finden wir viele Giganten darunter, etwa die Kamtschatka-Krabbe“, so Sá.

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