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Problemfall Mensch

erstellt von Lutz_Peschke zuletzt verändert: 23.06.2009 11:47

Die rund 6,3 Milliarden Menschen, die zurzeit auf der Erde wohnen, haben sich diesen Planeten in einer geradezu beispiellosen Weise untertan gemacht. Inzwischen aber ist unsere Durchsetzungsfähigkeit zu einem ernsten Problem geworden, für uns und für das Leben um uns herum. Wissenschaftler mahnen inzwischen vernehmlich, dass wir nicht so weiter machen dürfen.

Der Mensch ist nur eine von je nach Untersuchung zehn, 30 oder 100 Millionen Arten. Doch die Ansprüche dieser einen Art sind gewaltig: „Ein Viertel dessen, was in Ökosystemen verfügbar wäre, wird von Menschen genutzt“, erklärt Helmut Haberl, Professor für Humanökologie an der Universität Klagenfurt. Die von Haberl geleitete Arbeitsgruppe hat jüngst in den Abhandlungen der US-Akademie der Wissenschaften vorgerechnet, wie viel von der Biomasse, die auf unserem Planeten entsteht, vom Menschen verwendet wird. Und das sei eine sehr vorsichtige, konservative Abschätzung, betont Haberl, die eher untertrieben ist. Kein Wunder also, dass immer mehr Biologen und Ökologen der Gedanke an die Zukunft von Mensch und Umwelt immer steilere Sorgenfalten auf die Stirn zeichnet.

Cerrado in Brasilien










Die letzten unberührten Gebiete wie der Cerrado in Brasilien könnten dem Menschen bald auch noch zum Opfer fallen. Foto: Wikipedia


Seit 20 Jahren bemühen sich Ökologen darum, den menschlichen
Einfluss auf die Ökosphäre unseres Planeten zu beziffern. Die verschiedenen Rechnungen ergaben Werte zwischen drei und 40 Prozent. Doch die auf den ersten Blick beträchtliche Spannbreite ist nach Haberls Worten vornehmlich ein Definitionsproblem: Die verschiedenen Arbeitsgruppen einfach unterschiedliche Dinge betrachtet. Die Österreicher sind jetzt die ersten, die keine Gesamtrechnung für den ganzen Planeten aufgestellt haben, sondern den menschlichen Verbrauch fast auf die lokale Ebene heruntergebrochen haben. „Wir haben eine Landkarte erstellt“, so Haberl, „wo man für jeden Punkt der Erde sagen kann, wie viele der Nettoprimärproduktion grüner Pflanzen sich die Menschen dort aneignen.“ Punkt ist dabei nicht wörtlich zu nehmen. Auf der digitalen Karte der Österreichischen Arbeitsgruppe entspricht jeder Pixel einer Fläche von fünf mal fünf geographischen Minuten. Das sind ungefähr zehn mal zehn Kilometer am Äquator, zu den Polen hin nimmt ihre Fläche wegen der geographischen Projektion etwas ab. „Diese Aufgliederung ist ein wichtiger Schritt voran, und sie liefert uns erschreckende Zahlen“, kommentiert Jonathan Foley vom US-amerikanischen „Center for Sustainability and the Global Environment“ in Madison, Wisconsin.

Und sie kommen auf erschreckende Werte: Rechnet man die Ernte von Ackerfrüchten, Obst, Gemüse und Holz mit dem Verbrauch der menschlichen Haustiere und dem zusammen, was wir an Pflanzenproduktion verhindern, in dem wir Fläche für Häuser, Straßen und andere Bauten besetzen, dann beansprucht die Art Mensch sage und schreibe 23,8 Prozent der so genannten Nettoprimärproduktion. Nimmt man nur die oberirdischen Anteile der Primärproduktion kommt man sogar auf und 30 Prozent. Und diese Ziffern sind nur /diese Ziffer ist nur ein Mittelwert, „noch viel stärker ins Gewicht“, so Haberl, „fällt die regional extrem unterschiedliche Aneignung“. So wird auf dem bevölkerungsmäßig aus allen Nähten platzenden indischen Subkontinent nahezu drei Viertel der pflanzlichen Nettoprimärproduktion durch den Menschen verbraucht.

Alle anderen Bewohner des Subkontinents müssen sich hier mit dem wirklich winzigen Rest begnügen. Und da haben sie noch Glück, dass der Lebensstandard in Indien trotz starker ökonomischer Wachtumsraten weiterhin relativ gering ist. „Wenn die so konsumieren würden, wie wir das tun“, meint Haberl, „dann wäre das sicher nur durch ganz, ganz massive Importe möglich, die man sich heute eigentlich kaum vorstellen kann.“ Umgekehrt gibt es natürlich auch Gebiete, die wesentlich weniger unter den Ansprüchen des Menschen leiden. Noch muss man dazu sagen, denn zu diesen noch relativ unberührten Gebieten zählen neben den Kältesteppen und –wüsten der Erde die tropischen Regenwälder. Und auch die geraten zunehmend ins Visier der Menschen. Wenn man einmal vom Verlust einzigartiger Ökosysteme absieht, führt der Eingriff dazu, dass die Produktivität dieser Standorte in der Regel drastisch sinkt.

Kultivierung führt zu abnehmender Produktivität


Beispielsweise treten an die Stelle der Tropenwälder, die rund ums Jahr gewaltige Mengen an Biomasse produzieren, Ackerflächen. Doch Regenwaldböden sind nicht sehr fruchtbar, die überschäumende Vegetation der Urwälder basiert eher auf einem außerordentlich effektiven Recycling der Biomasse. Die Umwandlung von Regenwäldern in Ackerflächen führt daher in der Regel zu starken Einbrüchen in der Biomasseproduktion. Ohnehin erreichen Äcker nur in Ausnahmefällen die Produktivität von natürlichen Ökosystemen. Das liegt einfach daran, dass sie lange Zeit im Jahr brachliegen. Da hilft es auch nicht, dass moderne Hochleistungspflanzen mehr Biomasse erzeugen als ihre wilden Vorläufer. Nur in manchen Regionen steigert der Eingriff des Menschen die Produktivität. „Vor allen Dingen dort, wo in Trockengebieten gewässert wird“, erklärt Haberl, „auch in sehr, sehr intensiv genutzten Gebieten ist die aktuelle Produktivität höher als die der ehemaligen Vegetation.“ Das trifft vor allem auf die Agrarregionen Nordwesteuropas zu in England, Holland, Norddeutschland oder Dänemark. Hinzu kommt, dass in den Industrieländern, insbesondere in Westeuropa, tatsächlich eine Tendenz zur Wiederherstellung der alten Ökosysteme zu verzeichnen ist. Eine wachsende Fläche, die ehedem als Ackerland genutzt wurde, wird wieder bewaldet, weil sie für die Landwirtschaft nicht rentabel ist.

Allerdings sehen Ökologen wie Helmut Haberl mit Beunruhigung, dass der Anbau von Energiepflanzen zur Produktion von Biotreibstoff möglicherweise einen neuen Schub der Agrarisierung der Welt und damit eine zusätzliche drastische Steigerung der menschlichen Dominanz auslösen könnte. Verschärfend kommt hinzu, dass global gesehen die Menschheit erst an der Schwelle zur Industrialisierung steht. „Zwei Drittel der Menschheit stehen erst im Übergang von der Agrar- zu Industriegesellschaft, und wir wissen, dass die Ressourcen der Erde nicht ausreichen, um diese zwei Drittel in der Form zu versorgen, wie wir das heute haben.“ Renommierte Forscher wie der britische Biologe Aubrey Manning fordern daher ein radikales Umdenken, ja sogar einen drastischen Bevölkerungsschnitt. Andernfalls, so die Befürchtung, wird der Mensch seine belebte Umwelt durch Klimawandel, Überbevölkerung und zunehmende Beanspruchung der Ressourcen gefährlich in die Enge treiben.

Verweise
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