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Punkt ohne Wiederkehr ist überschritten

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 22.05.2014 16:04

Das Abschmelzen westantarktischer Gletscher ist offenbar nicht mehr aufzuhalten, zumindest im zum Pazifik gelegenen Amundsen-Sektor sind die Eisströme so schnell geworden, dass sie in den kommenden Jahrhunderten verschwinden werden. In dem Sektor liegt etwa ein Drittel des westantarktischen Eisschildes, sollte dieses Eis schmelzen, würde das einen Anstieg des globalen Meeresspiegels um etwa 1,2 Meter bedeuten. Dieses Abschmelzen wird sich zwar über viele Jahrhunderte hinziehen - die Forscher rechnen mit 200 bis 1000 Jahren - doch bereits jetzt macht es sich im Meeresspiegelanstieg bemerkbar: 0,3 Millimeter, ein Zehntel, steuern die Gletscher in diesem Teil der Westantarktis bei.

Fließrichtungen und -stärke der Gletscher im Amundsen-Sektor der Westantarktis. (Bild: Nasa/GSFC/SVS)Zwei voneinander unabhängige Studien in den "Geophysical Research Letters" und in "Science" haben sich mit den sechs Gletschern des westantarktischen Amundsen-Sektors beschäftigt. Dieser Eisschild ist besonders anfällig, weil große Teile nicht auf dem Festland liegen, sondern auf Gebieten, die unter dem Meeresspiegel liegen, so dass der Südozean unterhalb des Eises eindringen kann. Eine Forschergruppe der Nasa und der Universität von Kalifornien in Irvine hat Radardaten und andere Messwerte aus bis zu 40 Jahren Beobachtung ausgewertet und kommt zu dem Schluss, dass die Gletscher in diesem Sektor einen entscheidenden Punkt überschritten haben. "Diese große Sektion des Westantarktischen Eisschildes befindet sich im unaufhaltsamen Schwund", erklärte Eric Rignot auf einer Telefonkonferenz, "da gibt es kein Zurück mehr." 


Gletscher im Amundsen-Sektor der Westantarktis. (Bild:  Nasa/Rignot)Ein Team der Universität von Washington in Seattle hat sich den Thwaites-Gletscher vorgenommen, einer der beiden am argwöhnischsten beäugten des Gebiets. Er bewegt sich besonders schnell und hat eine sehr breite Front. Schmilzt er ab, bedeutet das einen weltweit um 60 Zentimeter erhöhten Meeresspiegel. Die UW-Glaziologen haben seine Entwicklung modelliert und kamen unabhängig vom Nasa-Team zu vergleichbaren Schlüssen. "In unserem Modell weisen alle Entwicklungen darauf hin, dass sich das Abschmelzen mit der Zeit beschleunigen wird", erklärt Hauptautor Ian Joughin in einer Pressemitteilung der Universität von Washington, "wir können keinen Stabilisierungsmechanismus erkennen." Die wachsende Geschwindigkeit der Eisströme, von denen der Pine-Island- und der Thwaites-Gletscher unter besonderer Beobachtung standen, treibt die Polarforscher bereits seit den 70er Jahren um. Inzwischen haben eine Flut an Beobachtungsdaten und immer bessere Modelle unter den Glaziologen die Gewissheit reifen lassen, dass der Amundsen-Sektor des westantarktischen Eisschildes in ernster Gefahr ist. "Die Ergebnisse kommen daher nicht überraschend", sagt Hartmut Hellmer, Polarforscher am Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut. Fraglich ist allerdings, was die Entwicklung im Amundsen-Sektor für die anderen Teile des westantarktischen Eisschildes bedeutet. Neben dem Amundsen-Sektor gibt es den Ross-Sektor, der ins Rossmeer mündet und den zum Atlantischen Ozean gelegenen Weddell-Sektor. Deren Schicksal ist nicht ganz uninteressant, da sie Wasser speichern, das den globalen Meeresspiegel um mehr als zwei Meter anheben kann. 


Bathymetrisch-topographische Karte der Antarktis. (Bild: WikiCommons/Paul V. Heinrich)"Einen Domino-Effekt wird es sicher nicht geben", erwartet Hellmer. Alle drei Sektoren sind durch Gebirgszüge voneinander getrennt, ein Abschmelzen des einen Sektors dürfte daher keine direkten Auswirkungen auf die anderen haben. Zwischen dem Ross- und dem Amundsen-Gebiet liegt das Marie-Byrd-Land mit etlichen hohen Vulkanen, während der Weddell-Sektor jenseits des Transantarktischen Gebirges liegt. Allerdings könnte das Schmelzwasser aus dem Amundsen-Gebiet mit dem Zirkumpolarstrom des Südozeans den stromabwärts gelegenen Ross-Sektor erreichen und dort das Abschmelzen unterstützen. Die Modellrechnungen sind in dieser Frage jedoch noch nicht eindeutig. Der Weddell-Sektor bleibt von dieser Entwicklung komplett abgekoppelt, "da müsste das Schmelzwasser", so Hellmer, "um die gesamte Antarktis herumkommen". Dennoch ist auch dieser Teil nicht von aller Welt isoliert. Wie sich aber die Gletscher dort unter dem Einfluss von steigenden Temperaturen im Ozeanwasser und in der Atmosphäre verhalten, wird derzeit erforscht.

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