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Rapide gealtert

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 04.04.2016 13:11

Rund einen Meter groß, mit außergewöhnlich langen Armen und einem Gehirn wie ein Schimpanse ausgestattet - so war Homo floresiensis, eines der ungewöhnlichsten Mitglieder der menschlichen Gattung. Entdeckt wurde das Fossil 2003 bei Ausgrabungen in einer Kalksteinhöhle der indonesischen Insel Flores. Radiokarbondatierungen der auf gleicher Höhe liegenden Holzkohlen ergaben ein Alter von etwa 20.000 Jahren. Damit wäre der Hobbit sozusagen ein Zeitgenosse der nach Australien einwandernden modernen Menschen gewesen. Weitere Ausgrabungen, über die jetzt in "Nature" berichtet wird, zeigen allerdings: Homo floresiensis war wesentlich älter.

Ausgrabungen der Archäologen in der Kalksteinhöhle Liang Bua. (Bild: Nature/Smithsonian Digitization Program Office/Liang Bua Team)"Ich mag seinen Spitznamen Hobbit, denn es ist eine nette, positive Bezeichnung", meint Matt Tocheri, Paläoanthropologe an der kanadischen Lakehead Universität, "und außerdem macht es für jeden sofort deutlich: Er ist menschlich, aber irgendwie ganz entschieden anders menschlich als wir es sind." Tocheri gehört zu einem großen Anthropologenteam, das in "Nature" eine radikal neue Altersbestimmung des rätselhaften Fundes von der indonesischen Insel Flores vorgelegt hat. Die Skelettreste der neuen Menschenart, die bei ihrer Ausgrabung Anfang des 21. Jahrhunderts auf ein Alter von vielleicht 18.000 Jahren datiert wurden, sind nach den neuesten Analysen doch mindestens 50.000 Jahre alt.

Komplexer Höhlenboden führte zu falscher Datierung


Systematisch durchsuchen Archäologen den Höhlenboden nach Spuren früher Menschen. (Bild: Nature/Liang Bua Team)"Wir haben die Höhle weiter ausgegraben und dabei festgestellt, was mit den damaligen Datierungen schief lief", so Matt Tocheri. Danach ist der Boden in der Kalksteinhöhle von Liang Bua wesentlich komplexer aufgebaut, als die Ausgräber um Mike Morwood 2003 erkannten. Die Schicht, aus der die Hobbit-Fossilien stammen, war zum Teil erodiert und durch neues Sediment ersetzt worden. "Obwohl also die Holzkohle, die damals zur Datierung benutzt wurde, in derselben Höhe wie die Hobbitreste oder sogar darunter abgelagert war, ist sie wesentlich jünger", so Tocheri. Zwischen 2007 und 2014 haben australische und indonesische Archäologen in zahlreichen Grabungen die gewaltige Kalksteinhöhle systematisch untersucht, Experten für verschiedene Datierungstechniken haben danach Holzkohlen, Quarz- und Vulkanaschekörner aus dem Sediment und Knochen des Hobbits oder von ebenfalls dort gefundenen Säugetieren datiert. Danach ergibt sich für die Hobbit- und Tierfunde ein Alter zwischen 96.000 und 52.000 Jahren, während die Holzkohlen weiterhin auf rund 20.000 Jahre datiert wurden. "Wir haben trotz der verschiedenen Datierungsmethoden ziemlich übereinstimmende Ergebnisse erhalten", so Tocheri, "deshalb fühlen wir uns sehr viel sicherer als bei den Radiokarbondatierungen von 2004."

Höheres Alter macht Hypothesen glaubwürdiger


Ausgrabungen in jüngeren Schichten der Kalksteinhöhle von Liang Bua auf der indonesischen Insel Flores. (Bild: Nature/Liang Bua Team)Für die Paläoanthropologen ist die rapide Alterung des Hobbits nicht unbedingt ein Grund zur Trauer. "Am Hobbit waren zwei Dinge sensationell: sein geringes Alter und dass es überhaupt eine so primitiv anmutende Menschenart gab - und dieses zweite Faktum bleibt weiterhin bestehen", meint etwa Philipp Gunz, Forscher am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, der weder mit der Entdeckung noch mit der Neudatierung etwas zu tun hat. Tatsächlich, so seine Einschätzung, stärkt das revidierte Alter einen Aspekt des Hobbits, nämlich seine Fähigkeit Werkzeuge herzustellen. Wäre der Hobbit etwa so alt gewesen wie die modernen Menschen auf ihrem Zug durch Indonesien nach Australien, hätten die Steinwerkzeuge auch von ihnen stammen können. "Wenn jetzt dieser Homo floresiensis und diese Steinwerkzeuge 100.000 Jahre alt sind", so Gunz, "dann macht es Sinn, dass wirklich Homo floresiensis diese Werkzeuge hergestellt hat." Und ganz nebenbei ist auch die These erledigt, dass die Hobbit-Funde von krankhaft kleinen modernen Menschen stammen und nicht eine neue Menschenart repräsentieren. Dieser Einwand aus den ersten Jahren wurde allerdings in der jüngsten Zeit immer weniger erhoben.

Es bleibt die Frage, wer Homo floresiensis denn nun wirklich war? "Es gibt Fundstellen auf Flores, in denen wir Steinwerkzeuge gefunden haben, die zwischen 800.000 und einer Million Jahre alt sind", sagt Matt Tocheri, "man nimmt an, dass sie von den Vorfahren des Homo floresiensis stammen." Sicher ist man sich allerdings nicht, denn zu den Werkzeugen fehlen die Knochenfunde. Als Stammvater des Hobbits käme der Homo erectus in Frage, eine Frühmenschenart, die sich vor etwa zwei Millionen Jahren in Afrika entwickelte und über die angrenzenden Kontinente ausbreitete. Aus ihm haben sich Neandertaler, die rätselhaften Denisova-Menschen und die modernen Menschen entwickelt. Der asiatische Homo erectus wird auch Java-Mensch genannt, sein Fundort liegt drei Inselsprünge oder etwa 1000 Kilometer von Flores entfernt.

Ahn des Hobbits bleibt unbekannt


Ansicht der Höhle von Liang Bua auf der indonesischen Insel Flores. (Bild: Nature/Smithsonian Digitization Program Office/Liang Bua Team)"Ich würde sagen, die momentan akzeptierte Theorie ist, dass dieser Hobbit-Mensch vom Homo erectus abstammt", sagt Philipp Gunz. Allerdings muss der Stammvater dafür auf etwa die Hälfte geschrumpft worden sein und auch ungefähr die Hälfte seines Hirnvolumens verloren haben. Einen solchen Prozess kennt man unter der Bezeichnung Inselverzwergung durchaus in der Evolution: Großtiere wie Elefanten sind auf Inseln zum Beispiel auf das Format von Rindern verkleinert worden, weil vermutlich das Nahrungsangebot sonst nicht gereicht hätte. Auf Flores hat es auch entsprechend winzige Verwandte des Elefanten gegeben. "Es war bis jetzt nicht bekannt, dass es auch Menschen treffen kann", sagt Max-Planck-Forscher Philipp Gunz, "aber das scheint der Homo floresiensis zu beweisen."

In dieser Frage aber scheint das letzte Wort noch nicht gesprochen, denn der Hobbit ist nicht nur die Mini-Version eines Homo erectus, sondern er hat Körpermerkmale, die auf wesentlich primitivere Mitglieder der weiteren Menschenfamilie hindeuten, solche die nicht den Gattungsnamen Homo führen. "Es wird daher diskutiert, ob die Hobbits die Nachkommen eines viel früheren Homininen waren, der vielleicht vor rund einer Million Jahren auf Flores gelandet ist", sagt Matt Tocheri. Von diesem Ahnen fehlt allerdings bislang jede Skelettspur, und so bleibt völlig unklar, ob er selbst schon klein von Wuchs und Gehirnvolumen war oder vielleicht doch so groß wie ein Homo erectus mit entsprechend voluminösem Schädel. "In Liang Bua werden wir nichts finden, was uns in dieser Frage weiterhilft", seufzt Matt Tocheri, "denn hier finden wir nur Reste aus der Zeit, als der Hobbit das Ende seiner Entwicklung erreicht hatte." Nach 14 Jahren Ausgrabungen in der Kalksteinhöhle im Westen von Flores wünschen sich die Archäologen daher einen anderen viel älteren Fundort, an dem sie neben Steinwerkzeugen vor allem eines zu finden hoffen: "Wir brauchen dringend", so Matt Tocheri, "Skelettreste des Hobbit-Vorfahren."

Verweise
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