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Rapider Zustrom

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 16.12.2009 11:02

Weniger als zwei Jahre dauerte es, bis sich vor rund 5,33 Millionen Jahren das ausgetrocknete Mittelmeerbecken wieder mit Wasser füllte. Bei der sogenannten Zankleischen Flut ergossen sich Wassermassen über die Schwelle von Gibraltar, die die Fluten des derzeit größten Stroms der Erde, des Amazonas, um das Tausendfache übertrafen. Spanische Wissenschaftler haben jetzt modelliert, wie sich an der Wende vom Mio- zum Pliozän das zuvor von den Weltozeanen abgeschnittene Mittelmeer wieder füllte. In "Nature" berichten sie über ihre Erkenntnisse.

Westliches MittelmeerDie Straße von Gibraltar ist die einzige natürliche Verbindung zwischen dem Mittelmeer und den Weltmeeren. Hier strömt kühles und relativ salzarmes Oberflächenwasser aus dem Atlantik in das mediterrane Becken, jede Sekunde rund eine Million Kubikmeter. Fast ebenso viel salzreiches Mittelmeerwasser nimmt die Gegenfahrbahn und strömt in Bodennähe nach Westen. Ohne dieses an seiner engsten Stelle 14 Kilometer breite Nadelöhr wäre das Mittelmeer innerhalb kurzer Frist ausgetrocknet - Kalkulationen zufolge träte dieser Fall nach nur 2000 Jahren ein.

Kanal fatalVor geologisch gar nicht langer Zeit hat sich die Straße von Gibraltar tatsächlich geschlossen. Im späten Miozän vor rund 5,96 Millionen Jahren wurde die Verbindung zum Atlantischen Ozean gekappt, das Meer dampfte auf extrem salzige Restseen ein. Statt einer weiten Wasserfläche gähnte ein gewaltiges, wohl wüstenhaftes Tiefland, das zwischen 2500 Meter in seinem östlichen Teil und 1000 Meter im Westen unterhalb des umliegenden Festlands lag. Die Ursache dieses Verschlusses ist in der Fachwelt umstritten, doch scheinen tektonische Veränderungen an dieser Nahtstelle zwischen der euroasiatischen Kontinentalplatte und ihrem afrikanischen Gegenüber eine Rolle zu spielen. Seismische Messungen haben Anzeichen dafür gegeben, dass im späten Miozän ein 250 Kilometer großes, dichtes und deshalb schweres Stück Erdkruste nach Westen wegrutschte. Die übriggebliebene Kruste soll, von dem Riesengewicht befreit, geradezu in die Höhe geschossen sein und den Zugang zum Mittelmeer verschlossen haben.

Meerenge plastischWenige Zehntausend Jahre später öffnete sich die Straße wieder und nach einem langsamen Start rauschten innerhalb weniger Monate unvorstellbare Wassermengen in die ziemlich trockengefallenen Becken. Die spanischen Forscher um Daniel Garcia-Castellanos vom Institut für Geowissenschaften in Barcelona schätzen, dass rund 90 Prozent der mediterranen Wassermenge in maximal zwei Jahren über die Schwellen von Gibraltar schossen. Hunderttausende Tonnen Wasser pro Sekunde ergossen sich mit bis zu 100 Stundenkilometern Geschwindigkeit in die trockengefallenen Becken. "Es wäre ein fantastisches Rafting-Gebiet gewesen", scherzt Garcia-Castellanos. Einen Wasserfall solle man sich, so der Geowissenschaftler, nicht vorstellen, sondern eher einen schnell fließenden breiten Fluss der eine mäßig steil abfallende Rampe ins Mittelmeer herabströmte.

Straße von GibraltarBisherige Schätzungen hatten angenommen, dass die Flutung sich über einen Zeitraum zwischen zehn und wenigen Tausend Jahren hingezogen habe. Doch da, so Garcia-Castellanos, habe man das Erosionspotenzial des Wassers nicht korrekt berücksichtigt. Das habe einen rund 200 Kilometer langen Kanal in die Gesteinsbarriere gefressen, der schließlich den Weg für die gewaltige Flut gebahnt habe. Auf deren Höhepunkt wurde der Kanal um 40 Zentimeter am Tag eingetieft, so dass immer mehr Atlantikwasser ins Mittelmeer strömte. Vor 5,33 Millionen Jahren war dann aus dem wüstenhaften, salzseengespickten Tiefland zwischen Europa und Afrika wieder das Mittelmeer geworden.

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