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Rätsel Tunguska

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 22.06.2009 09:12

Vor 100 Jahren wurde ein Rätsel geboren, das Wissenschaftler wie Science-fiction-Liebhaber gleichermaßen fasziniert: Am Morgen des 30. Juni 1908 schießt um 7:15 Uhr eine leuchtende Kugel über den Himmel von Irkutsk, dem Verwaltungszentrum des russischen Fernen Ostens. Zeugen berichteten damals, die Kugel habe geknattert und geknallt und sei weiter nach Nordwesten geflogen. Innerhalb von Sekunden war der Spuk über der Stadt an der Angara vorbei, doch Wochen später hörte man plötzlich aus einem gottverlassenen Handelsstützpunkt namens Wanawara merkwürdige Gerüchte.

Gefällte BäumeIn einem riesigen Gebiet mitten in der sumpfigen Taiga sollen Bäume wie Streichhölzer umgeknickt worden sein. Die wenigen Menschen, die näher dran wohnten, berichten von einem Feuerball, von Donnern und Blitzen und davon, dass Häuser und Verschläge zusammengefallen seien, eine Hitzewelle über das Land gerast sei, ja sogar, dass Vieh bei lebendigem Leib geröstet worden sei. Wanawara liegt an der Podkamennaya Tunguska, der steinigen Tunguska, und nicht nur die Zeitgenossen rätselten, was dort im hintersten Sibirien wohl passiert sei. Selbst heute, nach 100 Jahren, weiß man es nicht. Neueste Computersimulationen ergeben nur, dass damals etwa die 100fache Sprengkraft der Hiroshima-Bombe freigesetzt wurde, „klassische“ Berechnungen sprechen sogar von der 1000fachen Sprengkraft.

Die Erzählungen als Ammenmärchen abtun, war schon 1908 nicht einfach. Schließlich hatten kurz nach dem Zeitpunkt, zu dem der Feuerball aufgetaucht war, die Messgeräte der damals modernsten seismischen Stationen angeschlagen und eine Erschütterung gemeldet. Doch der Weg an die Tunguska war extrem schwierig, nachzuschauen war also nicht möglich. Und so ging die Öffentlichkeit in Russland und anderswo schnell zur Tagesordnung über. Das Zarenreich und der Rest Europas hatten weiß Gott genug Probleme, was machte da ein Feuerzeichen am sibirischen Himmel.

TschekoseeUnd tatsächlich geriet der Vorfall im hintersten Winkel Russlands in Vergessenheit, das Reich zog wie alle anderen europäischen Mächte in den Ersten Weltkrieg und ging in den Wirren der Oktoberrevolution unter. Erst in den 20er Jahren erinnerte sich jemand wieder an das Rätsel der Tunguska. Es war der Meteoritenexperte Leonid Kulik von der sowjetischen Akademie der Wissenschaften. Der junge Staat war in Schwierigkeiten, litt unter allen nur erdenklichen Mängeln, da fiel es dem Wissenschaftler nicht schwer, eine Expedition an die Tunguska genehmigt zu bekommen. Sein Argument: Der Feuerball könne nur ein Eisenmeteorit gewesen sein, Eisenerz aber war Mangelware nach den chaotischen Geschehnissen der Revolution. Wenn im sibirischen Boden Tonnen davon steckten, hätte es sich lohnen können, sie zu bergen.

Kulik erhielt also seine Expedition und gelangte an die Tunguska – doch den Eisenmeteoriten fand er nicht. Stattdessen Millionen entwurzelter Bäume, die fein säuberlich so umgefallen waren, als ob es tatsächlich an einer Stelle eine Explosion gegeben habe. Doch auch auf drei weiteren Exkursionen an die Tunguska fand Leonid Kulik keine Spur der Ursache, er starb 1942 in deutscher Kriegsgefangenschaft.

Sibirisches PanoramaNach dem zweiten Weltkrieg beginnt für Tunguska die zweite Karriere, die in der Science-fiction-Welt. Doch auch Wissenschaftler spürten weiterhin den Reiz des sibirischen Rätsels, allerdings waren ihre Erklärungen selten so farbig und phantasievoll. Weiterhin Favorit ist der Himmelskörper, der mal in die Erde einschlägt, mal hoch oben in der Atmosphäre explodiert. „Heute denken wir, dass damals ein kosmischer Körper in großer Höhe über Tunguska explodiert ist“, erzählt etwa Giuseppe Longo, emeritierter Physikprofessor von der Universität Bologna. Der inzwischen 79jährige beschäftigt sich seit 1991 mit dem Phänomen und ist einer der Protagonisten der Himmelskörper-These. „Ich sagte, wir denken“, fährt er in seinem Büro an der geräuschvollen Via Irnerio in Bologna fort, „weil bislang kein sichtbares Teilchen dieses Körpers gefunden worden ist, der dort so hoch oben explodiert sein soll.“ Insgesamt drei Mal ist der Teilchenphysiker an der Tunguska gewesen, im kommenden Jahr will er ein viertes Mal hin, um dann endlich die Spur des Himmelskörpers zu entdecken.

Ankunft 1999In jüngerer Zeit hat sich jedoch eine Alternativerklärung herausgebildet, die die Ursache von Tunguska im Inneren der Erde und nicht im All sucht. Von gewaltigen Ausgasungen, die sich schließlich entzündeten, bis zum Vulkanausbruch eines besonderen Typs reichen die Erklärungen. Die Anhänger dieser Richtung stört vor allem ein Faktum: Im Boden von Tunguska wollen russische Geologen Hinweise dafür gefunden haben, dass vor 250 Millionen Jahren schon einmal ein großer Himmelskörper eingeschlagen ist. Zwei Treffer an ein und derselben Stelle? „Für mich ist das ein bisschen viel Zufall, da müssten die Aliens da draußen schon sehr gut zielen können“, kritisiert Jason Phipps Morgan, Geophysiker von der Cornell Universität im US-Bundesstaat New York. Er tippt dagegen auf eine bislang unbekannte Art von Vulkanismus, sein Kollege Vladimir Epifanov vom Sibirischen Forschungsinstitut für Geologie, Geophysik und Mineralen in Nowosibirsk auf eine große Erdgaslagerstätte. Ihr Problem ist allerdings nicht minder groß wie das von Giuseppe Longo: Auch sie haben eine faszinierende Hypothese, aber nicht den geringsten Beweis.

Wanderung zur TunguskaPhipps Morgan will bei einer Expedition an die Tunguska nach ihnen suchen. Ihn interessieren die Spuren des angeblichen Einschlags von vor 250 Millionen Jahren. Möglicherweise sind sie die Belege, die er für seinen Vulkanismus braucht. Doch noch hat der US-Forscher noch nicht einmal das russische Visum, und wie seine italienischen Kollegen kämpft er mit der Finanzierung ihrer Expedition. Auch 100 Jahre nach der Feuerkugel über Irkutsk wird daher das Rätsel der Tunguska nicht endgültig gelöst sein.

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