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Rätselhafter Affe

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 19.06.2009 08:40

Südostasien war vor zwei Millionen Jahren offenbar ein Primatenparadies. Außer Orang-Utan und Gibbon, die es heute noch gibt, lebten Riesenaffen größer als Gorillas dort und ein rätselhafter knapp menschengroßer Primat. So sieht es jedenfalls Russell Ciochon, eine Kapazität auf dem Gebiet. Er fasst in einem Essay in „Nature“ die Funde von einer Handvoll verstreuter Stätten zusammen und glaubt in ihnen die Spuren dieses rätselhaften vierten Primaten gefunden zu haben. Dabei degradiert er die bislang ältesten Menschenfossilien der Region zu Resten ebendieses Affen - Fossilien, die er selbst bislang vehement als Frühmenschen-Reste verteidigte.

Orang utanEs war die Entdeckung des Jahres 1995: Eine Gruppe amerikanischer und chinesischer Paläoanthropologen schrieb Fossilien aus der Longgupo-Höhle in Sichuan einer frühen Menschenart zu und datierte sie auf rund zwei Millionen Jahre. Der Frühmensch aus dem nordwestlichen China war rund 400.000 Jahre älter als der bisherige älteste Asiate, der auf der indonesischen Insel Java entdeckt worden war. Der zweitälteste Chinese war sogar nur halb so alt wie das Longgupo-Fossil. Die Frühgeschichte des Menschen musste umgeschrieben werden, denn offenbar hatte es ganz zu Beginn der Gattung homo ja schon einen Exodus aus Afrika zu anderen Kontinenten gegeben.

Jetzt, 14 Jahre später, zieht der Primatenspezialist des Teams das Ergebnis von damals zurück, und China ist offenbar um einen Frühmenschen ärmer. Das oft auch Wushan-Mensch genannte Longgupo-Fossil ist doch eher ein ansonsten noch unbekannter Affe. „Im Licht neuer Funde aus Südostasien und eigener Forschungen in den vergangenen zehn Jahren habe ich meine Meinung geändert“, schreibt Russell Ciochon, Anthropologe an der Universität Iowa. „Da er der Experte auf dem südostasiatischen und fernöstlichen Gebiet der Primaten ist, wird er schon triftige Gründe haben“, kommentiert Winfried Henke, Anthropologie-Professor in Mainz und einer der wenigen deutschen Fachleute.

„Die Zuschreibung war ohnehin immer umstritten“, betont auch Friedemann Schrenk, Professor am Frankfurter Senckenberg-Institut. Gerade bei Zähnen sei es nie leicht, zwischen denen von Menschen und jenen von Affen zu unterscheiden. Auch in der Frankfurter Sammlung habe man unter den Menschenzähnen solche des Orang-Utans entdeckt und unter denen des südostasiatischen Waldaffen solche unserer Spezies. „Aber“, meint der Frankfurter Experte, „die eigentlich spannende Geschichte ist ja dieser unbekannte Affe.“

Ciochon führt tatsächlich triftige Gründe an, den Longgupo-Fossilien das prestigeträchtige Attribut „menschlich“ abzuerkennen. Er bringt sie in seinem Essay in Zusammenhang mit Affenfossilien, die im nahe gelegenen Jianshi, in den  südchinesischen Fundorten Mohui und Chongzuo sowie im vietnamesischen Tham Khuyen gefunden wurden. Diese Fundstätten sind über ein Gebiet größer als Europa verstreut, und wenn sie denn zusammengehören, bezeugen sie einen bislang unbekannten Menschenaffen, der vor fast zwei Millionen Jahren den gesamten südostasiatischen Urwald durchstreifte.

Homo erectusSchrenk ist umso interessierter, als in den Schränken seines Instituts Zähne lagern, die vielleicht auch zu dieser mysteriösen neuen Affenart gehören könnten. Sein legendärer Vorgänger Ralph von Koenigswald hatte sie 1957 in südostasiatischen Apotheken zusammengekauft und einer neuen Vormenschenart namens Hemanthropus zugeschrieben. Die meisten stellten sich später als Orang-Utan-Zähne heraus und Hemanthropus verschwand in der Versenkung. Aber in der Sammlung waren auch „kleine Affenzähne“, so Ciochon, „die denen von Mohui sehr ähnelten“. Schrenk will die koenigswaldsche Zahnsammlung jetzt noch einmal genau untersuchen lassen. Zu Hilfe kommt ihm da der technische Fortschritt, denn inzwischen schauen die Forscher nicht nur auf die Kauflächen der Zähne, sondern mit Hilfe von Mikro-Computertomographen auf die Grenzfläche zwischen Zahnbein und Zahnschmelz. „Das ist möglicherweise der Schlüssel, denn diese Grenzfläche hat ein ganz eigenes morphologisches Gepräge.“

Sollte die Suche nach dem rätselhaften Affen Erfolg haben, hätten in den südostasiatischen Urwäldern einst ähnlich viele Menschenaffenarten gelebt wie heutzutage in Afrika. Neben den noch heute lebenden Orang-Utans und Gibbons gab es den riesigen Gigantopithecus, der ungleich größer als der größte Gorilla war. Und dann wäre da noch der Affe, den Ciochon jetzt vorschlägt: von der Statur her zwischen Orang-Utan und Gibbon. Sie alle bewohnten ein gewaltiges Urwaldgebiet das vom heutigen Schanghai im Norden bis nach Java im Süden reichte, denn der indonesische Archipel war wegen des niedrigeren Meeresspiegels vor rund zwei Millionen Jahren Teil des asiatischen Festlandes.

Die Urmenschen der Art Homo erectus aber, die nachweislich vor 1,6 Millionen Jahren am Südrand und vor 780.000 Jahren am Nordrand dieses Urwaldes auftauchten, betraten ihn nach Ciochons Ansicht nicht. Sie blieben in den Savannen und Grasländern, so wie sie es auch in Afrika gewohnt waren. Allerdings stößt er mit dieser Sicht auf Kritik. Richard Potts, Direktor des „Human Origins Program“ der US-amerikanischen Smithsonian-Stiftung in Washington warnt etwa vor einer zu starken Schwarz-Weiß-Malerei. Das Südostasien des Pleistozän, so zeigten Pollenfunde, sei wesentlich dynamischer und variabler gewesen als der Gegensatz Urwald-Grasland nahelege. „Die Landschaft war sicher viel aufgelockerter, bestand aus Hochlandwald, Busch- oder offenem Grasland, Sümpfen oder Seen“, erklärt der US-Archäologe. Und in einer solchen Landschaft kann der Homo erectus dann eben doch dem Riesengorilla begegnet sein, ebenso wie dem zurzeit noch rätselhaften neuentdeckten Primaten.

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