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Rauswurf aus der Arche

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 26.08.2008 11:53

Der Mensch ist die erfolgreichste Spezies der Erde, und drauf und dran, an seinem Erfolg zugrundezugehen. In diesem Jahrhundert stehen wir vor einer Reihe von Herausforderungen, der Klimawandel ist da nur eine und vielleicht noch nicht einmal die größte. Eher unbemerkt, oft auch unerkannt schwindet die Artenvielfalt der Erde - und das könnte die Menschheit mindestens genauso unter Druck setzen, wie eine Klimaerwärmung.

Afrikanisches Paradies, großDie  Auseinandersetzungen um steigende Atmosphärentemperaturen und Meeresspiegel drängt einen Prozess aus dem Fokus, der sich zu einem der dramatischsten Ereignisse entwickeln könnte, seit es Leben auf diesem Planeten gibt. Jeden Tag verschwinden geschätzte 100 Arten von der Erde, viele von ihnen vermutlich, ohne dass wir Menschen sie auch nur kennengelernt haben. Wissenschaftler befürchten, dass sich das zu einem Massenaussterben auswachsen kann, wie es sich bislang erst fünf Mal in der Geschichte des Lebens ereignet hat.


Wenn aber rings um uns herum die Lebensformen verschwinden, gibt es keinen Grund zu glauben, wir blieben ungeschoren. Deshalb fordern Wissenschaftler seit längerem schon einen Weltexpertenrat für Biodiversität.  Deutsche Museumsleiter haben die Forderung jetzt im Zuge der Biodiversitäts-Konferenz in Bonn wieder aufgegriffen. „Wir sind inzwischeProf. Dr. Volker Mosbrugger vor den Zeugnissen eines vergangenen Ökosystemsn so viele geworden, dass wir den Planeten managen müssen“, warnt Professor Volker Mosbrugger, Chef des Forschungsinstituts und Naturkundemuseums Senckenberg in Frankfurt. Die Grundlagen für dieses Planetenmanagement sollen aber von einem vergleichbar angesehenen Wissenschaftlergremium erarbeitet werden, wie es mit dem Internationalen Expertenrat für  Klimawandel IPCC im Bereich der Klimaforschung schon existiert. „Wenn viele wichtige Wissenschaftler, die sich mit dem Thema befassen, sich zu einer gemeinsamen Meinung bekennen, dann hat das eben ein gewaltiges Gewicht“, wünscht sich Professor Reinhold Leinfelder, Leiter des Berliner Naturkundemuseums.


Artensterben an sich ist kein Grund zur Sorge, denn so treibt die LeinfelderEvolution die Entwicklung voran, aber „das Problem ist“, meint Leinfelder, „die Geschwindigkeit dieses Vorgehens. Die Umweltänderungen laufen derart schnell ab, dass die Natur nicht mehr reagieren kann“. Daher befürchten Experten wie Leinfelder, dass wir an der Schwelle des sechsten  Massenaussterbens in der Geschichte des Lebens stehen. Von den vorhergehenden fünf Massenaussterben weiß man, dass das Leben viele Hunderttausende von Jahren brauchte, um sich davon zu erholen.  „Wenn wir die Artenvielfalt anschauen“, so Mosbrugger, „dann dauert es vier bis fünf Millionen Jahre, bis sie sich wieder erholt hat.“ Die meisten Massenaussterben haben zudem die Ökosysteme radikal umgekrempelt - die Chance, dass die Menschheit das von ihr möglicherweise angestoßene Geschehen überlebt, stehen daher erfahrungsgemäß schlecht.


Das Vorbild IPCC reizt sehr, denn kein anderes Wissenschaftlergremium der Welt hat einen solchen Einfluss auf Öffentlichkeit und Politik gewonnen. Das Gremium legt einerseits dem wissenschaftlichen Selbstverständnis entsprechend die Datengrundlage so gut und objektiv es geht. Andererseits ist es aber auch Diskussionsforum für Wissenschaftler und Politiker, das schließlich auch Schlüsse aus den Daten zieht und Handlungsempfehlungen gibt. Doch ist den Experten bewusst, dass das Klima verglichen mit der Biodiversität ein ungleich besser handhabbares Thema ist. Mosbrugger: „ Auf der politischen und der wirtschaftlichen Ebene ist das Interesse noch nicht so groß, weil man natürlich auch sieht, dass ein solches Panel nochmals komplizierter als ein Atmosphären-Panel, oder ein Klima-Panel, einfach weil die Biosphäre noch komplexer ist.“


Belebtes RiffProblematisch ist auch, dass die Biosphäre im Gegensatz zur Atmosphäre kleinteilig und lokal strukturiert ist und die Zentren der Biodiversität vor allem in den Entwicklungsländern zu finden sind. Der jetzt schon erhobene Vorwurf aus Entwicklungs- und Schwellenländern, die Industrieländer würden sie durch Schutzmaßnahmen behindern, würde vermutlich häufiger und schärfer zu hören sein,  „Es muss zu einem Ausgleich kommen, der durchaus finanzieller Art ist, aber auch da gilt es darauf zu achten, dass nicht irgendetwas ausweist, was man nicht mehr schützen kann, nur um da vielleicht Geld zu bekommen“, so Leinfelder, „wer soll das unabhängig beurteilen können, wenn nicht die Wissenschaft.“
Über kurz oder lang, so die Erwartung der beiden Fachleute, werde ohnehin nichts an der Einrichtung eines solchen Expertengremiums vorbeiführen. „Die Probleme holen uns ein“, so Mosbrugger, „sie werden wachsen und deswegen wird man reagieren. Die Frage ist nur, wann. Und je früher ich reagiere, desto mehr Handlungsoptionen habe ich.“