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Raute aus der Altsteinzeit

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 05.09.2014 12:45

Über die kognitiven Fähigkeiten des Neandertalers streiten sich Paläoanthropologen mit besonderer Intensität. Das mag daran liegen, dass man nur schwer anatomische Argumente für die mehr oder weniger große Gedankenkraft unserer archaischen Cousins finden kann und daher auf indirekte Zeichen angewiesen ist. Ein solches Zeichen, ein Graffiti als Indiz für abstrahierendes Denken, haben Archäologen jetzt in einer Höhle in Gibraltar entdeckt. Es sieht aus wie die berühmte Raute aus den Hashtags sozialer Netzwerke.

Eine Gravur in Gibraltar wird als Zeichen für abstrahierendes Denken beim Neandertaler gewertet. (Bild: PNAS)Drei waagerechte und drei senkrechte Linien, zum Teil tief in den Stein der Gorham-Höhle in Gibraltar geritzt, so sieht ein rund 39.000 Jahre alter Wandschmuck aus, der seine Entdecker zu weitreichenden Schlussfolgerungen verführt. "Es ist ein absichtlich gestaltetes Werk, das gesehen werden sollte und aus dem folgt, dass die Fähigkeit zu abstrahierendem Denken nicht auf die anatomisch modernen Menschen beschränkt ist", schreiben Clive Finlayson, Kurator am Gibraltar-Museum, und seine Kollegen in den Abhandlungen der US-amerikanischen Akademie der Wissenschaften. Das abstrahierende Denken ist eine der letzten Exklusivdomänen des modernen Menschen gegenüber dem Neandertaler, seinem archaischen Cousin.

Stück für Stück ist in den vergangenen Jahren das tradierte Bild des tumben Eiszeitmenschen mit viel Muskeln und wenig Verstand zertrümmert worden. "Wir wissen, dass sie sprechen konnten, in großen sozialen Gruppen lebten, sich um ihre Kranken und Verstorbenen kümmerten und in der harschen eiszeitlichen Umgebung sehr erfolgreich waren", sagt Clive Gamble, Archäologe an der Universität Southampton gegen über der "Mail". Hinzuzufügen wäre noch, dass Neandertaler offenbar Schmuck und Schminke zu schätzen wussten. Ganz so fernliegend ist da auch abstrahierendes Denken nicht. "Wenn die Gravuren tatsächlich von den Neandertalern stammen, trügen sie zum wachsenden Berg an Hinweisen darauf bei", meint etwa Tom Higham von der Universität Oxford.

Die Höhlen Vanguard und Gorham waren Zufluchtsorte der letzten Neandertaler. (Bild: Yolanda Fernandez-Jalvo)Die zweifelsfreie Zuordnung ist daher eine der Fragen, die Fachkollegen von Clive Finlayson noch eingehend prüfen wollen. Die Kerben wurden im Zuge der systematischen Ausgrabungen gemacht, die seit 1989 in den Höhlen des "Affenfelsens" durchgeführt werden. Finlayson und seine Kollegen fanden sie unter einer unberührten archäologischen Schicht, die sie aufgrund der Werkzeuge als Moustérien klassifizierten. Moustérien ist die altsteinzeitliche Kultur, die mit dem Neandertaler in Verbindung gebracht wird. Verschiedene Radiokarbon-Datierungen haben für diese Schicht ein Alter zwischen 38.500 und 30.500 Jahre ergeben. Da die Gravur unter der Schicht liegt, haben die Archäologen ihr Alter auf mindestens 39.000 Jahre festgelegt. Damit wären sie etwas jünger als die Farbpunkte und Linien aus der Höhle von El Castillo in Nordspanien, deren älteste auf rund 41.000 Jahre datiert wurden, aber immer noch zu alt für anatomisch moderne Menschen. Deren Ankunft an der Südspitze der iberischen Halbinsel wird erst Jahrtausende später angesetzt.

Die Kerben selbst können kein Zufallsprodukt sein, das haben Finlayson und seine Kollegen mit Experimenten überprüft. Zwischen 188 und 317 Ritzungen mit einem harten Instrument sind ihren Angaben zufolge nötig, um ein Bild wie das in der Gorham-Höhle zu erhalten. "Das war kein purer Zeitvertreib", erklärt Francesco d'Errico von der Universität Bordeaux, der das Experiment durchgeführt hat, "das setzte enorm viel Aufwand voraus." Bleibt noch die Frage nach dem abstrahierenden Denken, das den Urheber zu dem "Hashtag", wie die Chicago Tribune schrieb, veranlasste. "Es ist schwer eine Funktion für die Gravur zu erkennen", meint Matt Pope, Archäologe am University College in London, "also liegt es nahe, sie als Ausdruck von symbolischem und abstrahierendem Denken zu interpretieren."