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Schlammige Aussichten

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 07.09.2010 11:54

Seit Ende Mai 2006 spuckt der Schlammvulkan Lusi im Landkreis Sidoarjo im Nordosten Javas ungeheure Mengen übelriechenden, heißen und mit Methan versetzen Schlamm; und das mitten in einem dicht besiedelten Reisanbau- und Industriegebiet. Etliche Ortschaften mit vielen tausend Gebäuden - Wohn- und Geschäftshäuser, Moscheen, Fabriken und Scheunen - sind seitdem in den Fluten des "Lusi" genannten Schlammvulkans versunken. Über 13.000 Familien, circa 40.000 Menschen, haben ihre Heimat und all ihren Besitz verloren. Lusis Aktivität hat inzwischen zwar nachgelassen und die Schlammfluten breiten sich nicht mehr so rasant aus wie zu Anfang, aber die Menschen in Sidoarjo werden noch Jahrzehnte mit dem Schlammmonster in ihrer Mitte leben müssen.

Lusi, 28.08.10Am 28. Mai 2006 stieg in einem Feld zwischen den Dörfern Siring Barat, Renokenongo und Jatirejo eine Fontäne aus Wasser, Gas und Schlamm empor. 200 Meter entfernt hatte die Öl- und Gasfirma Lapindo Brantas eine Erkundungsbohrung niedergebracht, denn der Nordosten Javas bis hin zur gegenüberliegenden Insel Madura gilt als ausgesprochen erdöl- und erdgashaltig. Die kleine Fontäne war der Anfang eines schier unglaublichen Desasters. Immer mehr Schlamm, Wasser und Gas sprudelten und quollen aus dem Untergrund, in der Spitze förderte der Lusi getaufte Schlammvulkan 150.000 Kubikmeter des übelriechenden Breis pro Tag an die Oberfläche. Sehr schnell war die Flut nicht mehr beherrschbar und den Menschen blieb nichts anderes übrig als immer mehr Land aufzugeben und Damm um Damm zu errichten. Inzwischen sind sieben Quadratkilometer schlammbedeckt, die Ortschaft Jatirejo komplett überflutet, Hauptstraße und Hauptbahnlinie ins nahe Surabaya sind permanent bedroht. Die Dämme, auf denen die Verkehrsadern verlaufen, müssen ständig erhöht werden.

Die Aktivität des Vulkans hat zwar spürbar nachgelassen, nur noch 25.000 Kubikmeter pro Tag quellen aus der Erde, aber "er ist immer noch sehr aktiv", betont Richard Davies, Direktor des Instituts für Energiefragen an der nordostenglischen Universität von Durham. Das Beunruhigende an Lusi ist, dass er inzwischen nicht nur eine Austrittsstelle hat, insgesamt 180 haben Davies und sein Team, die die Situation in Sidoarjo seit Anbeginn an verfolgen, inzwischen gezählt. "Sie öffnen sich irgendwo, in Restaurants, in Fabriken, mitten auf der Straße", berichtet der Geowissenschaftler. Dort steigen dann die sattsam bekannten Fontänen auf, die sich auch gern entzünden, denn sie enthalten neben dem stinkenden Schwefelwasserstoff auch große Mengen Methan. Nach einigen Tagen beruhigen sich diese Nebenöffnungen wieder, dafür beginnt an einer anderen Stelle das Spiel von neuem. Der gewaltige See, der sich um den Hauptkrater gebildet hat, wächst dafür nicht mehr so rasant wie anfangs. Das liegt weniger daran, dass Lusi nicht genug Schlamm fördert, sondern, dass das Zentrum des Vulkans einsinkt, und zwar ziemlich schnell. "Wir haben berechnet, dass es mindestens 13 bis 15 Meter im Jahr sind, denn ein etwa zehn Meter hoher Damm rings um den Hauptkrater verschwand innerhalb weniger Monate", so Richard Davies. Die entstehende Caldera ist allerdings randvoll mit Schlamm gefüllt, von dem der Vulkan weiterhin genug fördert.

Sidoarjo, 28.08.04Die große Frage ist jetzt, wie ausgedehnt dieser Krater sein wird. "Das Land um das Hauptförderloch herum wird auch absinken, wir wissen aber nicht wie viel und wie tief", erklärt Richard Davies. Möglicherweise werden auch die Gemeinden ringsum aufgegeben werden müssen, weil der Grund, auf dem sie stehen, unsicher wird. "Der schlimmste Fall wäre", so Davies, "wenn die Flüsse der Umgebung in Richtung Caldera umgeleitet würden." Der Porong, einer der beiden großen Flüsse des Reisanbaugebiets südlich von Surabaya, führt in weniger als 500 Meter Entfernung am südlichen Damm des Schlammsees vorbei. Schon jetzt ist der Fluss unterhalb dieser Stelle nicht viel mehr als eine stinkende Schlammkloake, weil große Mengen von Lusis Auswurf einfach in den Fluss und von ihm ins Meer geleitet werden. Was mit den Reisfeldern in Küstennähe wird, wenn der Porong und die anderen Flüsse der Gegend sich in Lusis Krater ergießen, ist offen. "Bislang haben wir glücklicherweise noch keine Anzeichen dafür entdeckt", erklärt Davies.

Lusi, 20.10.09Wie weitreichend die Auswirkungen der Schlammkatastrophe noch werden, hängt damit zusammen, wie lange Lusi wohl noch aktiv sein wird. Schon jetzt erstaunt seine Ausdauer die Forscher. "Das ist absolut einzigartig auf der Erde", meint Richard Davies. Doch die Prognose hängt eng mit der Frage nach der Ursache des Ausbruchs zusammen, und da stehen sich weiterhin zwei Lager unversöhnlich gegenüber. Auf der einen Seite Richard Davies und seine Kollegen, denen eine wachsende Zahl Wissenschaftler zustimmt. Für sie erklärt der Brite: "Wir sind zu 99 Prozent sicher, dass der Ausbruch durch die Erkundungsbohrung ausgelöst wurde." Dagegen hält eine kleine Gruppe dem Alternativszenario weiterhin die Stange. "Selbst wenn die Bohrung eine Rolle gespielt hat, war die eher marginal, die Eruption hätte ohnehin stattgefunden", betont Adriano Mazzini von der Universität Oslo für diese Fraktion.

Lusi vom Boden ausMazzini und seine Mitstreiter glauben, Lusi sei Produkt einer empfindlichen tektonischen Situation im Nordosten Javas, die durch ein Erdbeben aktiviert worden sei. Dort verläuft die Watukosek-Störung vom Arjuno-Vulkanfeld im Südwesten in Richtung der nordöstlich gelegenen Madurastraße. Die Watukosek-Störung ist eine alte Bruchzone, von der man dachte, sie sei inaktiv. Nach Mazzinis Ansicht ist sie durch ein Erdbeben der Magnitude 6,3 aktiviert worden, das am 26. Mai 2006 den Süden Javas rings um die Millionenstadt Jogjakarta traf. Dessen Epizentrum wäre allerdings 250 Kilometer von Lusi entfernt, weshalb Kritiker einen Zusammenhang ablehnen.

Doch Mazzini ist von seiner These überzeugt: "Die Verbindung zwischen Erdbeben und Lusi ist von Anfang an beobachtet worden. In der Regel ist der Schlammvulkan besonders aktiv gewesen, wenn gleichzeitig oder kurz zuvor ein Erdbeben stattgefunden hatte. Das war nicht nur bei Erdbeben in der Nähe sondern auch bei weiter entfernten Erdbeben der Fall." Mit dicken Dokumentationen, die eine Fülle von Erscheinungen in zeitlicher Nähe zu Erdbeben und Lusis Ausbruch protokollieren, versucht der in Norwegen forschende Italiener seine These zu erhärten. So hätte das Beben auch die Vulkane der Umgebung zu stärkerer Aktivität angeregt, nordöstlich von Lusi hätten bereits bestehende Schlammvulkane stärker gespuckt, und sie lägen auf derselben Störung wie Lusi selbst. "Und diese gleichzeitigen Ereignisse sollen alle durch eine Bohrung ausgelöst worden sein", fragt er, und die Frage ist rein rhetorisch gemeint.

Lusi am 3. Oktober 2007Mazzinis Position leidet nicht zuletzt darunter, dass seine Hypothese von Anfang an von dem betroffenen Öl-Unternehmen Lapindo Brantas aufgegriffen wurde. Die Firma gehört zum Einflussbereich einer der mächtigen Familien Indonesiens. Bei einer tektonischen Ursache der Schlammflut ist der indonesische Staat Ansprechpartner für Entschädigungs- und Schadenersatzansprüche, bei einem Bohrunfall sähe sich die Firma gewaltigen Ansprüchen gegenüber. Ein Gericht hat das Unternehmen bereits von möglichen Schadenersatzansprüchen freigestellt, doch der politische Druck nicht zuletzt durch den Präsidenten hat bislang nicht nachgelassen.

Denn auch unter Wissenschaftlern neigt sich die Waage zugunsten der Bohrloch-Theorie. Richard Davies untermauert seine Sicht mit Informationen über den Ablauf der Explorationsbohrumg vom Mai 2006: "Beim Bohrloch gab es am 27./28. Mai 2006 einen Zwischenfall, so etwas wie jetzt im Golf von Mexiko. Das waren vergleichbare Dinge, Flüssigkeiten stiegen unkontrollierbar das Bohrloch empor." Anders als BP im Golf von Mexiko, konnte das indonesische Unternehmen das havarierte Bohrloch im Mai 2006 aber nicht stopfen, obwohl damals der sogenannte Blow-out Preventer funktionierte. Das ist ein gigantisches Ventilsystem, das Bohrlöcher im Fall eines unkontrollierten Gas- oder Flüssigkeitsaustritts abdichtet. Das Problem der Indonesier war jedoch, dass sich neben dem Bohrloch, das mit knapper Not abgedichtet worden war, Öffnungen bildeten, durch die der Schlamm aus dem Untergrund sich seinen Weg bahnte. Der wirklich größte anzunehmende Unfall, der den Einsatzkräften im Golf von Mexiko erspart blieb, in Indonesien trat er ein.

Deshalb wird man Lusi auch nicht mehr einfangen können, davon ist auch Richard Davies überzeugt: "Jetzt, wo sich 180 weitere Öffnungen gebildet haben, gibt es keinen Weg. Man kann ihn nur gewähren lassen, bis der Druck langsam nachlässt. Aber das kann Jahrzehnte dauern." Eine Ansicht, die er ausnahmsweise mit Adriano Mazzini teilt. Denn auch der geht davon aus, dass Lusi noch viele, viele Jahre spucken wird. "Wenn Lusi und die Störung zusammenhängen", meint der Geologe, "dann kann der Schlammvulkan für sehr lange Zeit aktiv sein."

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