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Schleichende Gefahr auf dem Acker

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 18.11.2015 15:52

Die Erosion gehört zu den größten Bedrohungen für die Bodenfruchtbarkeit weltweit. Fast 11 Millionen Quadratkilometer Landoberfläche sind durch Erosion geschädigt, das ist eine Fläche, die fast drei Mal so groß ist wie die Europäische Union. Die dramatischsten Beispiele dafür finden sich auf den Lössplateaus Chinas, wo die Niederschläge tiefe Schluchten in den fruchtbaren Boden reißen, oder im US-amerikanischen Mittleren Westen. Doch auch in Mitteleuropa stellt Erosion ein Problem dar, wenn auch ein weitgehend verborgenes.

Durch Winderosion ist in Deutschland ein Viertel der Ackerfläche bedroht. (Foto: Jim Bain)Gewaltige Staubfahnen trieben am Freitag, 8. April 2011, über die Autobahn A19 südlich von Rostock. Unerwartet heftige Winde hatten das Erdreich auf den Äckern beiderseits der vierspurigen Schnellverbindung nach aufgewirbelt, binnen kürzester Frist sank die Sicht auf Null, Dutzende Autos fuhren ineinander. Acht Tote, 27 Verletzte, 17 ausgebrannte PKW und drei ebenso zerstörte LKW, sowie insgesamt mehr als 80 beteiligte Fahrzeuge notierte der Polizeibericht schließlich. Der Sandsturm auf der A19 war einer der seltenen Fälle, bei denen sich Bodenerosion in Deutschland drastisch in Erinnerung bringt. "Es war eine Verkettung unglücklicher Umstände", erklärt Frank Glante vom Umweltbundesamt in Dessau. Der Boden war für die Jahreszeit ungewöhnlich trocken, trotzdem brachen die Bauern ihre Felder um, damit sie für dei Aussaat vorbereitet waren. Plötzlich einsetzende heftige Winde trugen die lockere Erde davon und verursachten so die Massenkarambolage.

Für Mecklenburg-Vorpommern war der Unfall vom April 2011 der Anlass, sämtliche Erosionsvorkommnisse in einem landesweiten Kataster aufzuzeichnen. In Deutschland verschafft sich kein anderes Bundesland derart umfassend eine Übersicht über die schleichende Verschlechterung der Bodenfruchtbarkeit. Dabei ist auch hierzulande der Bodenschwund kein geringes Problem."Ein Viertel aller landwirtschaftlichen Flächen ist stark durch Erosion gefährdet", warnt Frank Glante. Auf diesen Arealen gehen pro Jahr und Hektar im Durchschnitt fünf Tonnen Boden verloren. "Bei fünf Tonnen runzeln wir die Stirn und sagen: Leute, wir müssen etwas machen", sagt der UBA-Experte.

Allerdings ist das nur die Spitze des Eisbergs. "Bis zu 30 Prozent der Flächen sind zum Beispiel von Erosion durch Wasser bedroht, ein weiteres Viertel von Winderosion", erklärt Kirstin Marx vom Thünen-Institut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei, einem Forschungsinstitut des Bundeslandwirtschaftsministeriums. Der Haken an der Statistik: Sie gibt nur das so genannte naturräumliche Erosionspotenzial an, also wie erosionsanfällig der Boden ist. Für tatsächlichen Bodenabtrag muss noch ein weiterer Faktor hinzukommen. "In Deutschland und Europa ist im Prinzip der Ackerbau die Ursache für die Bodenerosion", verdeutlicht Klaus Kruse von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover, die das naturräumliche Risiko ermittelt hat, "ohne offene Böden gäbe es hierzulande weder Wasser- noch Winderosion." Diese Bodennutzung aber ist nur extrem aufwendig zu ermitteln - von der flächendeckenden Erfassung der durch sie ausgelösten Erosion ganz zu schweigen.

Ein Staubsturm tobt über Stratford, Texas, im Jahr 1935. (Foto: NOAA)Immerhin misst die Universität Hannover seit dem Jahr 2000 auf 86 repräsentativen Ackerflächen, wieviel Boden dort verschwindet. "Mindestens zweimal im Jahr fahren wir hinaus", erzählt Bastian Steinhoff-Knopp vom Institut für Geographie, "einmal immer nach dem Winterhalbjahr und jeweils nach den starken Niederschlägen im Sommer, und erfassen dann die Erosionsformen auf dem Ackerschlag." Insgesamt 86 Felder mit 466 Hektar in drei hügeligen Regionen des Landes, wo vor allem der Regen dem Boden zusetzt, haben er und seine Kollegen unter Beobachtung. Ihr Werkzeug: Maßband, Zollstock und moderne GPS-Geräte. Auf jedem Acker werden die vom Regen gerissenen Erosionsrinnen gezählt, die Menge der abgetragenen Erde berechnet, alles per GPS und in eine Datenbank eingetragen. Die liefert jetzt Daten aus den vergangenen 15 Jahren und zeigt, dass im Jahresdurchschnitt zwischen 1,4 und 3,2 Tonnen pro Hektar verloren gehen. "Mehr als eine Tonne pro Hektar und Jahr ist in einem Menschenleben nicht mehr auszugleichen, der Bodenschwund ist irreversibel", betont Rainer Duttmann, Professor für physische Geographie an der Universität Kiel. Der Schwund fällt nur niemandem auf, denn der Bauer fährt mit dem Pflug über den Acker und radiert alle Erosionsspuren aus.

Dennoch haben die Statistiken der BGR ihren Sinn, mit denen sie das naturräumliche Risiko erfasst. Demonstrieren sie doch, wo in Deutschland die Bauern besonders achtsam mit ihren Böden umgehen müssen. Die Karten, die die Forschungseinrichtung des Bundeswirtschaftsministeriums im vergangenen Jahr aufgelegt hat, zeigen deutlich, in welchen Regionen die Böden besonders empfindlich für die Angriffe von Wind oder Regen sind. "Gefährdet durch Winderosion sind hauptsächlich Gebiete im norddeutschen Bereich", erklärt Kruse, "die Wassererosion ist dagegen vor allem in den Mittelgebirgen ein Risiko." Die flache Landschaft und die starken Winde, die von Atlantik und Nordsee heranbrausen erklären das Windrisiko im Norden, in der Mitte und im Süden sind es die mehr oder weniger stark geneigten Hügelhänge und die ergiebigen Niederschläge.

Nötig sind aber noch spezielle Bodenbedingungen, die den Abtrag begünstigen. So sind wegen ihrer sandigen Böden große Teile der ostfriesischen Geest und des Emslands besonders gefährdet, ebenso wie der westliche Teil Brandenburgs. Besonders empfindlich für Erosion durch Wasser sind außerdem die Hügelländer Niedersachsens, Sachsens und Unterbayerns und die Gäuplatten von Neckar und Tauber in Baden-Württemberg. Hier kommt zur hügeligen Landschaft noch der staubfeine Löss, der die Böden zwar extrem fruchtbar aber auch ausgesprochen leicht angreifbar macht. Die möglichst erosionsfreie Nutzung dieses Bodens gehört zu einer nachhaltigen Landwirtschaft und ist Teil der sogenannten Guten Fachlichen Praxis, eines Anforderungskatalogs des Gesetzgebers an den Landwirt. Die Verhinderung der Winderosion durch kleinere Feldgrößen oder windbrechende Hecken an den Feldrändern, wird in einer zunehmend auf Hochleistung getrimmten Landwirtschaft schwer werden. Andere Vorschläge sind aufgrund der topographischen Gegebenheiten nicht überall geeignet. An steileren Hängen ist etwa das sogenannte Konturpflügen problematisch, bei dem die Furchen hangparallel gezogen werden, um der Wassererosion keine vorgefertigten Abflussrinnen zu bieten.

Dennoch sind Forscher, Aufsichtsbehörden und Landwirte in der Regel so etwas wie natürliche Verbündete. Aufmerksame Bauern, die ihren Grund und Boden auch den nächsten Generationen intakt übergeben wollen, setzen viele Empfehlungen ohnehin um. Zu diesen Maßnahmen gehört etwa das Anpflanzen von Untersaat zwischen die militärisch exakt ausgerichteten Reihen der Energiemais-Plantagen. Niedrige Pflanzen wie zum Beispiel Gras- oder Kleearten bedecken die klaffenden Lücken aus nackter Erde zwischen den Mais-Reihen und verhindern so, dass Regen den Boden wegschwemmen kann. So etwas gilt auch für sogenannte Zwischenfrüchte, die die Äcker bedecken, wenn die Ernte eingebracht wurde. "Wenn nach den Regeln der guten fachlichen Praxis in der Landwirtschaft gearbeitet wird", betont Rainer Duttmann, "ist Bodenerosion zumindest in Mitteleuropa beherrschbar."

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