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Schleichende Wüstenbildung

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 22.06.2009 10:23

Die Wüste kam in Ounianga Kebir ganz langsam, so langsam wie der Monsunregen ging. Über viele Jahrhunderte hinweg wichen zunächst die Bäume und Büsche der tropischen Baumsavanne einer Grassteppe, dann war es auch den Gräsern zu trocken und die Wüste begann an der schütteren Vegetationsdecke zu nagen. Schließlich war im nördlichen Tschad nach mehr als 3000 Jahren des Übergangs das Werk vollbracht und die lebensfeindliche Sandwüste entstanden, die es bis heute gibt. Ein internationales Forscherteam unter Leitung von Kölner Geowissenschaftlern hat jetzt aus den Sedimenten eines der letzten Seen der Sahara abgelesen, wie sich ein afrikanisches Paradies in das heutige lebensfeindliche Sandmeer verwandelte, und seine Ergebnisse in der aktuellen „Science“ veröffentlicht.

Ounianga„Ounianga Kebir liegt in dem wahrscheinlich am schwersten zugänglichen Gebiet in der gesamte Sahara, weil sich in diesem extrem entlegenen Gebiet bis heute Banditen und Rebellen tummeln,“, berichtet der Kölner Afrikaexperte Dr. Stefan Kröpelin, der trotz aller Schwierigkeiten schon seit langem regelmäßig in die nordtschadische Oase fährt. Denn die Seen dort bergen einen in der Sahara extrem seltenen Schatz – und der besteht nicht aus ihrem extrem versalzten Wasser. In den Seesedimenten sind Informationen über die Vergangenheit gespeichert, wie sie sonst nirgends in der größten Wüste der Erde existieren. Bisher sind Daten über die Klimaentwicklung der Sahara ausgesprochene Mangelware. Insbesondere der größte und tiefste der drei Seen, der Yoa-See, verspricht ein Archiv der Extraklasse, denn an seinem Boden sind unter rund 25 Metern Wasser Sedimente abgelagert, die mindestens 12.000 Jahre zurückreichen. „Vielleicht haben wir sogar Glück, auch ältere Ablagerungen der vorhergehenden eemzeitlichen Feuchtezeit zu finden, die etwa von 130.000 bis vor 90.000 Jahren in der Sahara existiert hat“, sagt der Forscher.

Rund drei Quadratkilometer groß ist der Yoa-See und fast ebenso lebensfeindlich wie die umgebende Wüste, denn das Seewasser ist ausgesprochen salzig. Der See ist einer von gerade einmal einem Dutzend Seen, die im nördlichen Tschad vergangenen Jahrtausende Wüstenklima überstanden haben. Er und die anderen Seen von Ounianga Kebir verdanken ihre Existenz dem gewaltigen nubischen Grundwasservorkommen. „Das ist das letzte Mal während der Feuchtezeit vor 12.000 bis 5000 Jahren aufgefrischt worden“, erzählt Kröpelin, der das Bohrprojekt am Yoa-See leitet. Jedes Jahr verdunstet an diesem See so viel Wasser wie die Großstadt Köln verbraucht. Um rund sechs Meter fällt der Wasserspiegel, wird aber durch das Grundwasser wieder aufgefüllt. Die Mineralien und Salze, die das Süßwasser in Spuren enthält, verdunsten allerdings nicht mit, sondern bleiben im See. Daher hat es wohl nur wenige Jahrhunderte gedauert, um aus einem biologisch fruchtbaren Süßwassergewässer einen beinahe unbelebten Salzwassersee zu machen.

Bohrplattform im Yoa-SeeBisher haben Kröpelin und seine Kollegen mit einer improvisierten Bohrplattform aus Schlauchbooten und leichtem Gerät Sedimente aus den jüngsten 6000 Jahren geborgen, die so gleichmäßig und fein geschichtet sind, dass sie für jedes Jahr zwei Schichten zeigen. Damit lässt sich zum ersten Mal für einen Punkt in der Sahara eine jahresgenaue Klimachronik erstellen, die von heute bis in die Zeit zurückreicht, als die Sahara noch eine waldreiche Savanne war, in der sich Elefanten, Flusspferde, Krokodile und andere Großtiere tummelten. Mit ihnen wanderte wohl auch der prähistorische Mensch durch die „grüne“ Sahara. „Heute gibt es so eine Tierwelt nur noch 800 Kilometer weiter südlich“, berichtet der Afrikaexperte.

Die bisherigen Informationen über das Klimageschehen in Nordafrika basierten auf einem Bohrkern, der aus dem Ozeanboden vor der Küste Westafrikas geborgen wurde, vielfältigen Modellrechnungen und Sedimenten von Seen, die aber bereits seit Jahrtausenden ausgetrocknet sind. „Die“, so Kröpelin, „liefern nur Informationen bis zirka vor 3500 Jahren.“ Aus diesen spärlichen Informationen hatte man sich bis dato das Bild eines katastrophalen Klimaumschwungs vor rund 5500 Jahren zusammengebaut. Aufgrund von komplexen Wechselwirkungen zwischen Atmosphäre, Oberfläche und Vegetation soll es, so die vorherrschende Meinung bislang, damals zu einem abrupten Wechsel von der „grünen“ Sahara zur heute allgegenwärtigen Sandwüste gekommen sein.

Yoa-SeeDoch die von Kröpelin und seinen Kollegen geborgenen Sedimente erzählen eine ganz andere Geschichte: Vor mehr als 6000 Jahren begann der Regen zu schwächeln, der bis dahin die blühende Waldsavanne erhalten hatte. Die Tiere zogen sich nach Süden zurück, die Bäume starben aus. Dieser Prozess beschleunigte sich vor 4800 Jahren und zunehmend hielt Buschwerk Einzug. 500 Jahre später war es auch dafür zu trocken geworden, und Gräser traten an die Stelle der Büsche. Vor 2700 Jahren schließlich kapitulierten auch sie endgültig vor der Sandwüste. „Ich denke, dass mit den früheren Ergebnissen, die wir vor zwei Jahren in 'Science' vorgestellt haben, dieser Mythos von einem schlagartigen Austrocknen der Sahara nun endgültig abgelegt wird“, sagt Kröpelin.

Der Bohrkern aus dem Yoa-See gibt selbstverständlich nur die Zustände wieder, wie sie im Einzugsgebiet des Sees im nördlichen Tschad herrschten. Dennoch glauben die Forscher um Stefan Kröpelin, dass die Aussagen zumindest für einen großen Teil der Sahara Gültigkeit haben. „Es ist ganz klar, dass man nicht allzu sehr verallgemeinern darf“, räumt Kröpelin ein, „auf der anderen Seite kann man eben sagen, wenn es einen homogenen Raum gibt, dann ist es sicherlich die Sahara.“ Entsprechende Proben aus anderen Regionen der gewaltigen Wüste zu finden, dürfte kaum möglich sein. „Es hilft nur wenig, so etwas zu fordern“, betont auch Jonathan Holmes vom britischen Environmental Change Research Center am University College in London in seinem Kommentar in „Science“. Stattdessen sollten die vorhandenen Klimaarchive besser erforscht und mit ihren Informationen die Klimamodelle gefüttert werden.

Kröpelin und seine Kollegen setzen zu einer solchen besseren Erforschung des Yoa-Sees an, schließlich warten noch Sedimente aus mindestens 6000 früheren Jahren auf ihre Bergung. „Wenn wir Glück haben und uns von der Deutschen Forschungsgemeinschaft ein neuer Sonderforschungsbereich bewilligt wird“, plant der Wissenschaftler für die Zukunft, „werde ich eben nächstes Jahr versuchen nach Ounianga zurückzukehren, dann aber mit einer schweren Plattform.“ Mit der könnten dann zumindest die noch fehlenden 6000 Jahre des frühen, feuchten Holozäns erkundet werden, vielleicht sogar auch die davor liegenden Perioden.

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