Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Wissen Schminke in der Eiszeit

Schminke in der Eiszeit

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 12.01.2010 16:42

Der Neandertaler gilt in der allgemeinen Öffentlichkeit als tumber Tor, der seinen anatomisch moderneren Vettern nicht viel mehr als Körperkraft entgegensetzte. Auch Wissenschaftler begegnen der vor spätestens 28.000 Jahren ausgestorbenen Eiszeitmenschenrasse oft noch mit Vorbehalten. Doch unsere engsten Verwandten waren offenbar doch intelligenter als gedacht. In den Abhandlungen der US-Akademie der Wissenschaften berichten Forscher von Schminke und Schmuck, die die Neandertaler vor der Ankunft der modernen Menschen verwendet haben müssen.

NeandertalschmuckSchmuck und Schminke waren offenbar schon vor 50.000 Jahren in Europa modern. Archäologen haben in der südspanischen Provinz Murcia Muschelschalen gefunden, die den damaligen Menschen offenbar als Schminkkoffer dienten - und möglicherweise auch als Schmuck. Das Besondere an dem Fund ist jedoch: Zu dieser Zeit gab es in Europa nur eine Art Mensch, den Neandertaler. "Die Ankunft der anatomisch modernen Menschen war erst 10.000 Jahre danach", betont Joao Zilhao, Professor für die Archäologie der Altsteinzeit an der britischen Universität von Bristol.

Diese Tatsache dürfte den Neandertaler endgültig vor dem Ruf retten, zu eigenen kulturellen Leistungen nicht fähig zu sein und sie von seinem aus Afrika kommenden Cousin einfach nur abgekupfert zu haben. "Für mich ist mit unserem Fund  dieses Bild endgültig überholt", erklärt der Archäologe. "Ich denke auch, dass diese Funde helfen, das Bild vom geistig minderbemittelten Neandertaler zu widerlegen", stimmt ihm sein Kollege Chris Stringer vom Londoner Museum für Naturgeschichte zu, schränkt aber ein, dass die Rehabilitierung des Neandertalers ohnehin schon seit geraumer Zeit laufe.

Ein paar unscheinbare Schalen von der Lazarusklapper und der großen Pilgermuschel stützen die Ehrenrettung für die Neandertaler: Die Forscher um Zilhao haben sie in zwei Höhlen nahe der südspanischen Stadt Cartagena gefunden. Der eine Fundort liegt heute am Meer, befand sich damals aber mindestens 1,5 Kilometer vom Wasser entfernt, weil der eiszeitliche Meeresspiegel tiefer als der heutige lag. Der zweite Fundort befindet sich sogar 60 Kilometer landeinwärts. Die Schalen enthalten Spuren von roten und gelben Pigmenten, die nicht zufällig hineingeraten sein können. Die entsprechenden Mineralvorkommen, die für die Pigmente nötig sind, liegen kilometerweit von den Fundorten der Muschelschalen entfernt. Einzige nach Ansicht der Forscher mögliche Erklärung: Jemand hat die Farbe in den Muscheln aufbewahrt, und zu dieser Zeit kam nur der Neandertaler in Frage. Der hat möglicherweise die Muscheln auch als Schmuck getragen, denn eine Schale hatte ein Loch, wie um sie an einer Schnur aufzuhängen. Farbe und Schmuck aber verwendet man nicht so ohne weiteres, Wissenschaftler stimmen darin überein, dass beide der persönlichen und sozialen Kennzeichnung dienten. Ein solcher Einsatz setzt daher Abstraktionsvermögen und symbolisches Denken voraus.

Neandertaler RekonstruktionDie südspanischen Muscheln legen jetzt nahe, dass auch die Neandertaler zu solchem Denken fähig waren, ohne dabei die anatomisch modernen Menschen zum Vorbild nehmen zu müssen. Wie genau die Körperfarbe eingesetzt wurde, ist weder für die Neandertaler noch für die jungsteinzeitlichen Menschen, die vor rund 40.000 Jahren einwanderten, geklärt. Rätselhaft sind auch weiterhin die Umstände, unter denen die Neandertaler von der Bildfläche verschwanden. Die früher viel verwendete Hypothese von der geistigen Unterlegenheit der Eiszeitmenschen wird durch die zunehmenden Anzeichen für Neandertaler-Kreativität kaum noch vorgebracht: Bleibt die Frage, was ihnen zum Verhängnis wurde. Möglicherweise eine zu geringe Geburtenrate, um Krankheiten, Hunger oder plötzliche Katastrophen überstehen zu können.

Verweise
Bild(er)