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Schon früh gesprächig

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 24.07.2013 16:59

Mindestens eine halbe Million Jahre zurückreichen soll der Ursprung von Sprechfähigkeit und Sprache bei der menschlichen Gattung, und damit in die Zeit, in der sich die Entwicklungslinien des modernen Menschen von denen des Neandertalers und der rätselhaften Denisova-Menschen trennten. Mit diesem Befund warten zwei Linguisten vom Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in Nimwegen in der Zeitschrift "Frontiers in Psychology" auf.

Rothaariger Neandertaler. (Bild: Science/Michael Hofreiter, Kurt Fiusterweier, MPG EVA)Stephen Levinson, Direktor der Abteilung Sprache und Kognition, und Dan Dediu, Forscher in der Abteilung Sprache und Genetik, haben für ihren Aufsatz die Befunde aus Linguistik, Genetik, Anthropologie und Archäologie zusammengeführt. "Unser Papier argumentiert gegen ein sprunghaftes Szenario für die Entwicklung der Sprache, stattdessen für eine graduelle Co-Evolution von kulturellen und genetischen Faktoren bis zum heutigen Tag", schreiben die beiden Wissenschaftler in ihrer Einleitung. Eine umfassende Berücksichtigung aller derzeitigen Erkenntnisse spricht nach Ansicht der beiden MPI-Forscher für einen sehr früh in der Menschheitsgeschichte liegenden Beginn der Sprach- und Sprechfähigkeit. Mit ihrer Epochensetzung verlängern die beiden Forscher den Zeitraum, über den sich die menschlichen Sprachen entwickelten, auf das Fünf- bis Zehnfache der 100.000 bis 50.000 Jahre, die viele ihrer Fachkollegen derzeit noch annehmen. "Wir wollten eine kohärente Geschichte präsentieren, die alle Belege verwendet, seien sie linguistisch, archäologisch, paläoanthropologisch oder genetisch", erklärt Dan Dediu, "wir wenden uns explizit gegen eine Ansicht unter Linguisten, das Sprache ein relativ junges Phänomen ist, das durch eine einzelne oder einige wenige größere (genetische) Mutationen erklärt werden kann."

"In Bezug auf die Sprechfähigkeiten der Neandertaler stellt dieser Artikel eine gute Zusammenfassung des aktuellen Forschungsstandes dar", kommentiert Professor Bernard Comrie, Direktor der Abteilung für Linguistik am Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, die Arbeit seiner Kollegen. "Ich sehe nichts Unangemessenes in der Art, wie dieser Artikel die offenen Fragen angeht", erklärt auch Tecumseh Fitch, Professor für kognitive Biologie an der Universität Wien. Beide Forscher haben mit der Arbeit der Wissenschaftler in Nimwegen nichts zu tun.

Der Neandertaler, wie man ihn sich heute vorstellt.Die "kohärente Geschichte" der menschlichen Sprechfähigkeiten von Levinson und Dediu beginnt schon weit unten am Stammbaum der menschlichen Gattung. "Sprache und Sprechfähigkeit sind alt", schreiben sie, "es gab sie bereits in einer ähnlichen Form wie die moderne Fähigkeit im gemeinsamen Vorfahren von Neandertaler und modernem Menschen und war das Ergebnis einer Evolution in der eine Million Jahre währenden Zeit, in der sich der Homo heidelbergensis aus dem Homo erectus herausentwickelte." Damit meinen die Forscher nach Dedius Angaben explizit, dass Homo heidelbergensis, den man als letzten gemeinsamen Vorfahren der beiden jüngsten Menschenarten ansieht, ein Kommunikationssystem hatte, "das Linguisten als menschliche Sprache erkennen würden: mit Phonologie, Morpho-Synthax, Semantik und einer reichen Pragmatik". Dass schon diese Menschenart vor rund einer halben Million Jahren so etwas besessen haben soll, ruft allerdings auch Widerspruch hervor. "Ich glaube, es ist etwas voreilig, irgendwelche globalen Annahmen über deren Sprache zu machen", sagt etwa Tecumseh Fitch. "Eine Interpretation, die über die derzeitigen Belege hinausgeht", nennt es Bernard Comrie. Denn weitgehend unumstritten ist bislang nur, dass man keine Einschränkungen kennt, die die Neandertaler am Sprechen hätten hindern können. "Es gibt keinen Hinweis, dass sie unfähig zur menschlichen Sprache gewesen wären", so Comrie, "etwa in Sachen struktureller Eigenschaften oder artikulierender oder auditiver Fähigkeiten." Sein Kollege Fitch aus Wien bringt die Einwände auf den Punkt: "Was hatten Neandertaler und Denisova-Menschen mit den modernen Menschen gemeinsam? Das Sprechgen FOXP2 zum einen. Aber das sagt nur etwas über die Sprechfähigkeit, nicht über Sprache." Das Vorhandensein einer Anlage bedeutet noch nicht, dass sie auch umfassend genutzt wird. Überdies sind, wie Bernard Comrie anmerkt, nicht alle anatomischen Befunde beim Neandertaler unumstritten.

Nach Ansicht von Dediu und Levinson haben sich Sprache und Sprechfähigkeit jedoch über diese insgesamt 1,5 Millionen Jahre hinweg in Form einer Co-Evolution entwickelt. "Kultur wie Sprache und Sprechfähigkeit spielen eine wichtige aktive Rolle bei der biologischen Entwicklung, weil sie in Feedback-Prozessen auf die Genselektion einwirkten", sagt Dediu. Bessere Sprachfähigkeiten haben so die biologische Evolution hin zu besseren neurologischen und anatomischen Voraussetzungen für das Sprechen immer weiter vorangetrieben. "Ein Beispiel für so eine Co-Evolution ist die gemeinsame Entwicklung von Laktose-Toleranz in menschlichen Populationen mit der kulturellen Errungenschaft der Milchwirtschaft", so Dediu. Wie diese Co-Evolution beim Sprechen im Einzelnen ablief, können die Wissenschaftler allerdings noch nicht sagen. "Es gab vermutlich eine Spirale von kulturellen Innovationen, die ihrerseits eine schrittweise Veränderung des Genoms auslösten", meint der aus Rumänien stammende Linguist.

Recht vertraut sieht der Neandertaler uns entgegen. Eine derart verlängerte Entwicklungszeit der menschlichen Sprache wäre jedenfalls eine plausible Erklärung für die ungeheure Vielfalt an Idiomen, mit denen sich die Sprachforscher auseinandersetzen müssen: Rund 7000 verschiedene Sprachen kennt man als heutzutage noch aktiv gesprochen, hinzu kommt noch eine vermutlich sehr große Zahl ausgestorbener Sprachen. Sie alle hätten sich zusätzlich zu allen genetischen und anatomischen Voraussetzungen innerhalb der selbst für menschliche Begriffe kurzen Zeit von nur 50.000 bis 100.000 Jahre entwickeln müssen. "Wenn allerdings der moderne Mensch auf seinem Weg aus Afrika mit Neandertalern und Denisova-Menschen zusammengetroffen und sich auch mit ihnen vermischt hat", schreiben Dediu und Levinson in ihrem Artikel, "dann hätte deren Beitrag die Vielfalt der modernen Sprachen beeinflusst." Spuren von Neandertaleridiomen könnte man in den heutigen außerafrikanischen Sprachen suchen, diejenigen der Denisova-Menschen sollten sich möglicherweise in papuanischen und australischen Sprachen finden lassen. "Wenn wir auf strukturelle Unterschiede dieser Sprachen im Vergleich zu den afrikanischen beziehungsweise im Vergleich zu allen nicht-papuanischen oder -australischen schauen, hoffen wir die Beiträge der ausgestorbenen Menschengruppen zu finden", beschreibt Dan Dediu die künftigen Forschungsfragen.