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Schwäbische Venus

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 18.06.2009 14:14

Über einen aufsehenerregenden Fund berichten Tübinger Forscher in der aktuellen „Nature“: In einer der Höhlen auf der Schwäbischen Alb fanden sie die kleine Elfenbeinstatuette einer Frau mit stark überzeichneten Geschlechtsmerkmalen. Dieses Figürchen ist rund 6000 Jahre älter als die berühmten Venusstatuetten aus der europäischen Eiszeit und gleichzeitig die älteste Elfenbeinskulptur, die bislang in den Seitentälern der Oberen Donau gefunden wurde.

Venus von Hohle FelsEine Frau steht am Anfang der Bildenden Kunst. Auf Schloss Hohentübingen stellten die Eiszeitarchäologen um Nicholas Conard jetzt die Elfenbeinfigur einer Frau mit extrem betonten Geschlechtsmerkmalen aus der Hohle-Fels-Höhle vor. Sie ist Radiokarbondatierungen zufolge rund 35.000 Jahre alt und damit die älteste Figur, die Tübinger Archäologen in den vergangenen 70 Jahren aus verschiedenen Höhlen der Schwäbischen Alb geborgen haben. Die Zahl der Exponate in der Tübinger „Galerie der Eiszeitkunst“ steigt mit der „Venus vom Hohle Fels“ auf 25. Wie die anderen Stücke, Tiere oder Tiermenschen, auch ist die Frauenfigur nur wenige Zentimeter groß und mit viel Mühe aus dem Bein geschnitzt worden.

LöwenfragmentDie Skulptur aus einem Stück Mammutstoßzahn wurde im vergangenen Jahr im Zuge der weiteren Erschließung des Hohle Fels in rund vier Metern Tiefe gefunden. Zuerst stießen die Ausgräber auf sechs kleinere Bruchstücke, dann auf das Hauptstück, das große Teile des Torsos umfasste. „Die Venus ist nach der Ablage nur noch wenig bewegt worden“, berichtet Conard in seinem „Nature“-Aufsatz. Sie befand sich zusammen mit Holzkohle sowie Stein-, Knochen- und Elfenbeinwerkzeugen in einer Schicht, die die Forscher dem frühesten Aurignacien zuordnen. Diese Zeit zwischen 40.000 und 28.000 Jahren vor heute markiert die Einwanderung anatomisch moderner Menschen nach Europa. Einer ihrer Hauptwanderwege war das Donautal - alle Höhlen, in denen Skulpturen gefunden wurden, liegen in Seitentälern der Oberen Donau. Conard nimmt an, dass moderne Menschen die Figürchen herstellten, nicht die gleichzeitig hier siedelnden Neandertaler, „obwohl “, schreibt der Forscher, „ diese Annahme auf Basis der verfügbaren Informationen weder bestätigt noch bestritten werden kann“.

Die „Venus von Hohle Fels“ hat verblüffende Ähnlichkeit mit den bereits seit langem bekannten Frauenfiguren aus der späteren Gravettien-Zeit. Die wohl bekannteste dieser Figürchen ist die „Venus von Willendorf“, die vor 100 Jahren in Österreich gefunden wurde. Diese ebenfalls sehr weiblichen Figuren sind allerdings mindestens 6000 Jahre jünger. „Mit unserem Fund kann die weitverbreitete Ansicht widerlegt werden, weibliche Skulpturen seien erst im Gravettien aufgekommen“, betont Nicholas Conard. Wissenschaftler, die einen Gegensatz zwischen der Kunst des Aurignacien und der des Gravettien sahen, weil vom ersteren vor allem starke, wilde Tiere und Männer und vom letzteren vor allem die betont weiblichen Venus-Figuren bekannt sind, geraten so in Argumentationsnöte. „Trotzdem ist die Kontinuität nicht wirklich eine Überraschung“, betont der britische Paläoanthropologe Paul Mellars von der Universität Cambridge, „denn wir kennen aus Westfrankreich Symbolzeichnungen weiblicher Geschlechtsorgane, die aus derselben frühen Zeit stammen.“ Die frühesten Zeugnisse menschlicher darstellender Kunst neben den Skulpturen von der Schwäbischen Alb sind die berühmten Höhlenbilder der Grotte Chauvet in der südfranzösischen Ardèche, die auf ein Alter von 37.000 oder 36.000 Jahren datiert werden, und einige Malereien in der norditalienischen Fumane-Höhle. Vorher und außerhalb Europas finden sich nur ein paar, mit 75.000 und 95.000 Jahren allerdings sehr alte Spuren von geometrischen Verzierungen auf roten Eisenoxidbrocken.

Welchen Zwecken die, so Mellars, „nach den Maßstäben des 21. Jahrhunderts hart am Rand zur Pornographie stehende“ Venus von der Schwäbischen Alb diente, bleibt unklar. Dass sie einen Ring anstelle eines Kopfes hatte und dass dieser Ring auch nach 35.000 Jahren im Ton der Hohle-Fels-Höhle noch poliert wirkt, deutet darauf hin, dass die Venus als Anhänger einer Kette diente. Doch welche Vorstellungen mit ihr verbunden wurden, bleibt ein Rätsel. Aufgrund der geradezu grotesken Überzeichnung der weiblichen Geschlechtsmerkmale gehen die meisten Forscher weiterhin davon aus, dass die Venusfigürchen Fruchtbarkeitssymbole waren.

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