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Schwächer als normal

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 28.08.2009 11:55

In der Karibik und an der US-Ostküste bis hinauf nach Kanada hat die Hurrikan-Saison begonnen. In diesem Jahr wird eine schwächere Sturmzeit erwartet als normal, wohl weil das Klimaphänomen El Niño sich ausbildet. Wie sich die Stürme in der Zukunft entwickeln, ist unter Klimaforschern heftig umstritten. Die Beobachtungen reichen nicht weit genug zurück, um eine belastbare Aussage zu machen. Daher haben US-Forscher in natürlichen Klimaarchiven nachgesehen und sind bis zurück in die Völkerwanderungszeit gelangt. Eine Prognose können sie dennoch nicht wagen, denn El Niño und seine kalte Schwester La Niña entziehen sich noch der Modellierung.

Hurrikan Bill auf dem Weg nach NordenBill, der erste Hurrikan der aktuellen Sturmsaison im Atlantik, hat sich glücklicherweise eher als ein Windbeutel herausgestellt. Der Tropensturm, der in der Karibik zeitweise noch als Hurrikan der zweithöchsten Kategorie 4 eingestuft worden war, verklang über dem Atlantik zu einer kräftigen Brise. Der Hurrikan-Alarm entlang der Atlantikküste wurde aufgehoben. Inzwischen sind die Reste von Bill als Regenfront über Europa hinweggezogen. Glaubt man den Prognosen des US-Wetterdienstes Noaa, so steht der Karibik und der nordamerikanischen Atlantikküste eine eher ruhige Saison bevor.

„Fast normal oder geringer als normal“ wird die Hurrikan-Saison nach den Noaa-Vorhersagen werden, und damit meinen die Wetterexperten, dass die gesamte Energie der Stürme unter dem Mittel der Jahre seit 1950 liegen wird. Sieben bis elf starke Stürme wird es wohl geben, darunter drei bis sechs Hurrikane, von denen ein oder zwei stärker sein dürften. Auch die private Konkurrenz WSI sagt eine Saison in dieser Bandbreite voraus. Gefährliche Stürme sind da ausdrücklich nicht ausgeschlossen. Nur zum Vergleich: Der verheerende Orkan Katrina 2005 war in die Kategorie 3 heruntergestuft worden, als er New Orleans traf.

2009 gehört zu den Ausnahmen der jüngeren Vergangenheit. Seit Mitte der 90er Jahre hat die Zahl und die Stärke der Stürme zugenommen, jedenfalls im Vergleich zu den vergangenen 100 Jahren. Länger reicht das Archiv brauchbarer Aufzeichnungen nicht zurück und wirklich gut sind die Daten erst seit Einführung der Satellitenüberwachung. Weil dieser Zeitraum für eine belastbare Aussage zu kurz ist, hat sich ein Streit unter Wissenschaftlern entwickelt, was die Entwicklung der vergangenen 20 Jahre zu bedeuten habe. Deshalb nahm sich eine Arbeitsgruppe um Michael Mann von der Pennsylvania State University die Vergangenheit vor und rekonstruierte die Sturmaktivität bis in die Zeit vor 1500 Jahren, also bis in die Völkerwanderungszeit hinein. Mann: „Wir konnten nachweisen, dass mit Blick auf das Mittelalter die Sturmaktivität der vergangenen 15 Jahren nicht ungewöhnlich ist.“

Monsun über BangladeshFür ihre Rekonstruktion untersuchten die Forscher unter anderem Bohrkerne aus Küstenbereichen, in denen sie nach Spuren schwerer tropischer Wirbelstürmen suchten, etwa an Land nach Lagen von Meeressedimenten, die so eine Art  „Unterschrift“ des Hurrikans sind. Andere Klimadaten verrieten die Wassertemperaturen in Atlantik und Pazifik. Außerdem wurden paläoklimatische Simulationen gerechnet. Das Ziel war, etwas über den Klimazustand zu erfahren. Denn die tropischen Orkane im Atlantik ebenso wie im Pazifik hängen von den beiden Klimaphänomenen El Niño und La Niña ab. „Sie beeinflussen unter anderem Häufigkeit und die Schwere der Stürme“, so Michael Mann.

Bei El Niño kehren sich die Wind- und Strömungsverhältnisse im Pazifik um. Die normalerweise herrschenden Passatwinde, die von Ost nach West wehen, schlafen fast ein. Daher drehen sich die Meeresströmungen und das warme Oberflächenwasser vor der Ostküste Südamerikas wird nicht mehr in den Westpazifik abgeleitet, sondern erhält von dort sogar noch Verstärkung durch ebenso warmes oder sogar noch wärmeres Wasser. In der Folge schwächt sich der Humboldtstrom drastisch ab, der kaltes und nährstoffreiches Tiefenwasser an die Oberfläche bringt. Das hat dramatische Konsequenzen für die dortigen reichen Fischgründe, gleichzeitig drohen heftige Regenfälle an der südamerikanischen Pazifikküste, während am anderen Ende des stillen Ozeans Trockenheit zu erwarten ist. Die Sturmintensität sowohl im Atlantik als auch im Pazifik sinkt allerdings während des El Niño stark.

La Niña ist das komplette Gegenteil von El Niño. Sie bringt außerordentlich kaltes Wasser in den Ostpazifik, sorgt dadurch für Trockenheit in Südamerika und Starkregen in Südostasien, und sie fördert die Tropenstürme, weil sie die Scherwinde über dem tropischen Atlantik schwächt. Ist in der Karibik dann auch noch das Oberflächenwasser warm, sind die Bedingungen für die Sturmentstehung ideal. Genau das scheint im Hochmittelalter der Fall gewesen zu sein. Michael Mann: „In unseren Rekonstruktionen sehen wir, dass es damals rund 15 Hurrikans pro Jahr gab. Dabei können wir durchaus schwere Tropenstürme übersehen haben, denn wenn sie nicht an Land ziehen, hinterlassen sie keine Spuren.“ In dieser Zeit hat es demnach mindestens ebenso viele schwere Tropenstürme gegeben wie in den vergangenen 15 Jahren, vielleicht sogar noch mehr.

El Niño Juli 2009Die Frage ist, wie sich die Systeme in der Zukunft verhalten werden. Heutzutage erwärmt sich das Oberflächenwasser im Atlantik stärker als im Mittelalter, eine der Ursachen für die tropischen Stürme ist also ausgeprägter. Aber der Wechsel von El Niño zu La Niña ist ebenfalls stärker und häufiger als damals, so dass die Unterschiede zwischen den Saisons markanter sind. Doch wie werden sich die beiden Phänomene in Zeiten des Klimawandels verhalten? Derzeitige Klimamodelle helfen da nicht weiter. „Sie sind sich in diesem Punkt nicht einig, selbst die jüngsten nicht, die vom IPCC verwendet werden“, so Mann. Der Wechsel zwischen warmem El Niño und kalter La Niña ist eine der Schwachstellen der derzeitigen Rechenprogramme. Wenn wir Glück haben, erklärt Michael Mann, wird uns auch künftig El Niño helfen, sprich die Zahl der tropischen Stürme im Atlantik reduzieren. Setzt sich dagegen La Niña stärker durch, wird es heftig an der Atlantikküste.

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