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Schwimmer mit Rückensegel

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 12.09.2014 13:54

Zu den Rätseln der kreidezeitlichen Dinosaurierwelt gehört Spinosaurus, ein riesiger Raubsaurier, von dem bislang nicht viel mehr als ein paar verstreute Knochen bekannt waren, darunter ein gewaltiger Schädel mit einer mehr als einen Meter langen Schnauze. Für die Filmemacher von "Jurassic Park" war das ein Segen, konnten sie doch dadurch Spinosaurus zu einem eindrucksvollen Auftritt als Jäger von Tyrannosaurus rex verhelfen. Neue Funde und ein Computermodell, die in "Science" vorgestellt werden, zeigen jetzt aber, dass dieses Bild grundfalsch war. Spinosaurus war ein Fischliebhaber mit für Dinosaurier bislang unbekannten Anpassungen an die Lebensweise im Fluss.

Paläontologen bei der Ausgrabung. Im Vordergrund: Teile des Rückgrats von Spinosaurus. (Bild: Science)"Man muss sich das Tier halb als Ente und halb als Krokodil vorstellen, heutzutage gibt es so etwas nicht mehr", meinte Paul Sereno von der Universität Chicago bei der Vorstellung von Spinosaurus aegyptiacus. Die Kombination war nur auf die Prinzipien des Körperbaus gemünzt, denn von der Größe her spielt der nordafrikanische Raubsaurier aus der oberen Kreidezeit in einer ganz anderen Liga als Enten und deklassiert sogar heutige Krokodile. Das Tier maß 15 Meter von Schnauzen- zu Schwanzspitze und war damit das größte Landraubtier, das je auf der Erde gelebt hat, denn es übertrifft sogar den Tyrannosaurus rex. 

Ein Rückgrat-Fragment von Spinosaurus, das in der Kem-Kem-Region, Südost-Marokko, gefunden wurde. (Bild: Science)In der aktuellen "Science" präsentiert ein amerikanisch-italienisch-marokkanisches Paläontologenteam unter Leitung von Serenos Post-Doc Nizar Ibrahim die Rekonstruktion dieses wahrhaft bizarren Ungeheuers, "des ersten", so Sereno, "schwimmtüchtigen Dinosauriers, den wir kennen". Abgesehen von seiner Länge ist es diese Eigenschaft, die Spinosaurus so bemerkenswert macht. "Er ist der rätselhafteste Dinosaurier aus der Gegend", sagte Nizar Ibrahim, denn Spinosaurus war so gut an das Leben im Fluss angepasst, dass er an Land nur schwer mit den anderen Raubsauriern mithalten konnte. "Er war ein gefährliches Tier, keine Frage", meinte Paul Sereno, "aber an Land wesentlich weniger agil als die zweibeinigen Raubsaurier."

Rekonstruktion des Schädels von Spinosaurus, die blauen Knochen waren bereits bekannt. (Bild: Science/Davide Bonadonna)Spinosaurus hatte nämlich nicht deren starke Hinterbeine und kurzen Arme, vielmehr waren seine Extremitäten nahezu gleich lang. Zusammen mit seinem vergleichsweise langen Hals und Rumpf machte ihn das verglichen mit den zweibeinigen Raubsauriern an Land ziemlich unbeholfen. Im Wasser änderte sich das dramatisch: Mit den Beinen konnte der Riese hervorragend schwimmen, zumal wenn die Zehen ähnlich verdickt und mit Schwimmhäuten versehen waren wie die heutiger Wasservögel. "Das ist möglich, hat sich aber nicht erhalten", betonte Nizar Ibrahim. Hinzu kam noch der extrem bewegliche Schwanz, den er genau wie heutige Krokodile als Antrieb einsetzen konnte.

Sein langer Hals und die ungeheure Schnauze mit einem riesigen Maul voller gewaltiger Zähne waren wie geschaffen zum Fischefangen, seine Knochen wesentlich schwerer als bei anderen Dinosauriern, so dass er weniger Auftrieb entwickelte. Spinosaurus scheint sogar ein Sinnesorgan besessen zu haben, mit dem er die Beute unter Wasser aufspüren konnte. "Wir fanden zahlreiche Vertiefungen an der Schnauzenspitze, von denen wir glauben, dass sich in ihnen Drucksensoren befanden, wie sie auch moderne Krokodile besitzen", erklärte Cristiano del Sasso auf der Vorstellungsveranstaltung. Del Sasso ist Wirbeltierkurator am Naturkundemuseum in Mailand, in dessen Sammlung es einen Spinosaurus-Schädel gibt.

Rekonstruktion des Spinosaurus-Skeletts. (Bild: Science/Tyler Keillor, Lauren Conroy, Erin Fitgerald)

Rekonstruktion des Spinosaurus-Skeletts. Rot: Neu in Marokko entdeckte Knochen; Orange: Von Stromer von Reichenbach entdeckte und gezeichnete Knochen; Gelb: Knochen, die von der Bevölkerung der Kem-Kem-Region gesammelt wurden; Grün: Knochen, die analog zu anderen Spinosauriden rekonstruiert wurden; Blau: Im Computer ergänzte Knochen. (Bild: Science/Tyler Keillor, Lauren Conroy, Erin Fitgerald)

So war der Riese hervorragend ausgestattet, um in den weitläufigen Flusssystemen des kreidezeitlichen Nordafrikas auf Beutefang zu gehen. Sie ähnelten möglicherweise den heutigen Flüssen der Region, auch wenn sie im damaligen wesentlich feuchteren Klima stets Wasser führten: Große, ungebändigte Mäander, die mal gewaltige Binnendeltas, wie der Niger in Mali ausbildeten, mal sich zu riesigen Seen ausbildeten, wie sie noch vor wenigen Jahrtausenden im Maghreb existierten. "Dort lebten gigantische sieben und mehr Meter lange Süßwasserhaie, Sägefische, Quastenflosser und Lungenfische", erläuterte Ibrahim. Genug Beute also, um auch 15 Meter lange und vielleicht 20 Tonnen schwere Fleischfresser zu ernähren.

Die Kem-Kem-Region in Südost-Marokko. (Bild: Science/Robert Loveridge)Welchen Zweck genau das riesige Rückensegel hatte, das Spinosaurus zur Schau stellte, ist nicht klar. Da die Knochen nicht durchblutet waren, kann es nicht zur Regulierung der Körpertemperatur gedient haben. Derzeitige Arbeitshypothese ist, dass es eine Art Signal darstellte, das sogar zu sehen war, wenn das Tier im Wasser war. Auch sonst hat Spinosaurus der Forschung lange Rätsel aufgegeben. Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts entdeckte der deutsche Paläontologe Ernst Stromer von Reichenbach die ersten Überreste des kreidezeitlichen Räubers in Ägypten. Die Fossilien lagerten in der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie, wo sie 1944 bei einem Bombenangriff zerstört wurden. Nizar Ibrahim fand schließlich die Notizen und Zeichnungen des Wissenschaftlers und suchte in anderen Museen wie dem von Mailand nach weiteren Spinosaurier-Fossilien. Schon da war klar, dass die Reptilien vor allem Fisch fraßen, denn in erhaltenem Mageninhalt fanden sich Fischschuppen.

Blick über die Kem-Kem-Region in Südost-Marokko. (Bild: Science/Nizar Ibrahim)Den Durchbruch brachten dann neue Funde in der südostmarrokanischen Kem-Kem-Region an der Grenze zu Algerien. Nizar Ibrahim und der marokkanische Paläontologe Samir Zouhri von der Universität Casablanca organisierten mehrere Expeditionen, bei denen sie selbst Fossilien ausgruben, vor allem aber von den Menschen vor Ort wichtiges Material erhielten. Aus allen verfügbaren Fossilien rekonstruierten die Forscher im Paläontologie-Labor von Paul Sereno an der Universität Chicago ein dreidimensionales Computermodell des Skeletts. Es ist wohl die einzige Möglichkeit, die in alle Welt verstreuten Fossilien zu einem Skelett zusammenzusetzen. Die neuen Funde gehen nach Marokko, allerdings wird im National Geographic Museum in Washington eine Skelettreplik ausgestellt.