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Sonnenstrom für Europa

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 18.06.2009 10:44

Rund 400 Milliarden Euro veranschlagt der Club of Rome für das Projekt Desertec mit dem bis zu 15 Prozent des deutschen Strombedarfs mit Solarstrom aus der Sahara gedeckt werden soll. Das Vorhaben ist schon einige Jahre alt, neu ist, dass sich Industrie- und Versicherungsunternehmen jetzt dafür interessieren. Dabei ist dieser Plan nur einer von einer ganzen Reihe, mit denen die Sonnenstrom-Partnerschaft zwischen Nordafrika und Europa angestoßen werden soll.

Solarthermisches ModulEine sichere Energieversorgung mit möglichst geringen Nebenwirkungen für das System Erde ist eines der Schlüsselprobleme, die die Menschheit in diesem Jahrhundert wird lösen müssen. Die Bevölkerung wird bis 2050 noch einmal um die Hälfte auf dann neun Milliarden zunehmen, doch der Strombedarf dieser neun Milliarden wird um ein Mehrfaches ansteigen. Die Szenarien gehen von einer Verdoppelung bis zu einer Verfünffachung aus. So werden nach Prognosen der Internationalen Energieagentur IEA Nordafrika und der Nahe Osten in vier Jahrzehnten etwa genauso viel Strom verbrauchen wie Europa. Diese Menge an Energie aus den Quellen zu erzielen, aus denen sich der industrialisierte Westen in den vergangenen Jahrzehnten so komfortabel versorgte, würde aber die Ressourcen der Erde komplett überfordern - ganz zu schweigen davon, dass das Klima vollends aus dem Ruder liefe.

Europa soll daher bis 2050 rund 70 Prozent seines Stroms aus erneuerbaren Quellen beziehen. Der größte Teil soll Solarstrom sein, produziert in der Sahara und mit Höchstspannungsleitungen in die Verbraucherzentren in Europa, Nordafrika und im Nahen Osten transportiert. „Solarthermie ist eine der wenigen erneuerbaren Energien, die das Potential haben, fossile Energieträger zu ersetzen“, erklärt Tony Patt, Forscher am Internationalen Institut für angewandte Systemanalyse IIASA im österreichischen Laxenburg. Solarthermische Kraftwerke konzentrieren die Energie des Sonnenlichts und erhitzen damit ein Gas oder eine Flüssigkeit. Damit wird dann eine ganz normale Turbine angetrieben. Inzwischen gibt es auch Speicher, die die Sonnenenergie aufnehmen und nach Bedarf wieder abgeben können. Schon die heute in Andalusien laufenden Solarthermiekraftwerke können damit nahezu rund um die Uhr Energie liefern, für die Großkraftwerke in der Wüste sollte so etwas auch möglich sein. In den Sonnengürteln der Erde, wo die Sonne fast nie durch Wolken verdeckt wird, haben solarthermische Kraftwerke ideale Betriebsbedingungen. Und genau so ein idealer Standort befindet sich mit der Sahara direkt vor der europäischen Haustür. Mit Gleichstrom-Höchstspannungsleitungen ließe sich die produzierte Energie mit wesentlich geringeren Verlusten als bei der herkömmlichen Wechselstrom-Technik über große Distanzen transportieren.

Plataforma Solar 2Der Plan Saharastrom nach Europa zu leiten ist unter dem Namen Desertec bekannt, schon etwas älter und geht auf den Club of Rome zurück. Seine Komponenten - solarthermische Kraftwerke und Gleichstrom-Höchstspannungsleitungen - gelten als technisch machbar, für beide gibt es großtechnische Anlagen, die zum Teil schon seit vielen Jahren zuverlässig arbeiten. Der Plan, damit jedoch Europas Energienöte in der Sahara zu beheben, galt bislang als finanziell unrealistisch. Wenn sich aber 20 Großunternehmen unter Führung der Münchner Rück mit dem Club of Rome zusammentun, um das auf rund 400 Milliarden Euro geschätzte Investitionsprogramm näher zu betrachten, scheint sich in der Beurteilung der finanziellen Machbarkeit etwas geändert zu haben.

Allerdings, so betont man beim Münchner Rückversicherer, steht das Projekt noch ganz am Anfang, im Juli soll eine erste Sitzung der Partner stattfinden. „Der wirklich schwierige Teil des ganzen liegt darin, Nordafrika mit Europa zu verbinden“, erklärt Patt, „denn dann gerät man in ein ganzes Nest von Problemen aus inkompatiblen Stromnetzen, Regulations- und Aufsichtskompetenzen und nicht zuletzt der Frage, wie ein solcher Handel abgerechnet werden soll.“ Strom ist in Europa weiterhin vornehmlich eine nationale Sache, jedes Land regelt die Versorgung eigenverantwortlich, grenzüberschreitender Austausch ist die Ausnahme. Zwar haben sich die europäischen Netzbetreiber zum UCTE-Netz zusammengeschlossen, über das Strom von Gibraltar bis zum Nordkap fließen kann. Aber dieses UCTE-Netz besteht aus den nationalen Netzen, die mit ihren Nachbarn an einigen, oft zu wenigen Stellen verbunden sind. So wurden 2007 im Bereich der UCTE 2600 Terawattstunden Strom produziert, der grenzüberschreitende Austausch betrug aber nur 300 Terawattstunden.

Diese Verhältnis würde komplett auf den Kopf gestellt, wenn jetzt der Großteil des europäischen Stroms in Nordafrika produziert würde und an wenigen Stellen in Südeuropa gewaltige Strommengen einliefen. Denn von dort müssten sie über den ganzen Kontinent bis hinauf zum Nordkap verteilt werden. „Das ist aber vor allen Dingen eine regulatorische Herausforderung“, so IIASA-Forscher Patt, „viel mehr als eine technische.“ Neue Überlandleitungen treffen in allen europäischen Staaten auf großen Widerstand der Bevölkerung. Das geplante Übertragungsnetz würde eine Vielzahl nationaler Grenzen überschreiten, „und darauf“, so Tony Patt, „sind die Behörden in Europa zurzeit überhaupt nicht vorbereitet“.

Plataforma Solar 1Bevor man also die Stromversorgung eines ganzen Kontinents umkrempelt, will man die Haken und Ösen des schönen Plans „Saharastrom für Europa“ an einem Pilotprojekt ausprobieren. Bis zum Jahr 2020 sollen daher im Rahmen des „Mittelmeer-Solarplans“ erst einmal Solarkraftwerke mit insgesamt 20 Gigawatt installiert werden. Zum Vergleich: 20 Gigawatt entsprechen etwa einem Siebtel der in Deutschland installierten Kraftwerksleistung. Das Pilotprojekt wird von einem Konsortium internationaler Forschungsinstitute begleitet, zu denen IIASA ebenso gehört wie etwa das Potsdam Institut für Klimafolgenforschung.

Das Projekt stellt jedoch nicht nur das europäische Stromnetz auf den Prüfstand. „Ist es einerseits überhaupt eine gute Idee für Europa, sich von nordafrikanischen Ländern abhängig zu machen, und ist es andererseits für die Nordafrikaner gut, große Mengen Elektrizität nach Europa zu exportieren“, skizziert Tony Patt das wohl größte und komplett politische Problem. Beide Kontinente begäben sich in große Abhängigkeit voneinander, und es keineswegs sicher ist, wer in der schwächeren Position wäre. Für Europa spielt die Versorgungssicherheit die größte Rolle: Wie zuverlässig, wie stabil sind die nordafrikanischen Staaten, lautet hier die Hauptsorge. In Nordafrika hingegen fürchtet man eine an koloniale Zeiten erinnernde Abhängigkeit vom Stromkunden in der Alten Welt. Andererseits könnten die nordafrikanischen Staaten mit solaren Großkraftwerken ihren eigenen drastisch wachsenden Strombedarf problemlos decken.

Andasol-1Klar ist jetzt schon, dass die „Solarwende“ selbst mit Saharastrom nicht umsonst zu haben ist. Die 400 Milliarden Euro, mit denen der Club of Rome rechnet, sind schließlich nur die Investitionssumme, um maximal 15 Prozent des deutschen Strombedarfs zu decken. Um solarthermischen Strom in Europa zu etablieren, wird man ihn subventionieren müssen - zumindest am Anfang. Die IIASA-Forscher um Tony Patt haben den Zuschussbedarf für ganz Europa kalkuliert: „Es hängt sehr stark von den Annahmen ab, aber wir haben Subventionen zwischen 50 und 200 Milliarden Euro für die kommenden 50 Jahre ermittelt.“ Das ist, wie er selbst zugibt, eine Menge Geld, „aber es ist wesentlich weniger als für die Behebung der Klimawandel-Folgen angesetzt wird und ebenfalls weniger als wir beispielsweise für die Finanzkrise aufwenden“. Bezahlt würden sie entweder direkt aus dem Staatssäckel oder als Zuschlag zum Strompreis. So werden derzeit schon erneuerbare Energien subventioniert. Zurzeit wird gerechnet, dass eine Kilowattstunde aus der Sahara rund zwölf bis 15 Cent kostet, eine konventionell erzeugte in Deutschland dagegen schlägt mit fünf bis sechs Cent zu Buche. Je mehr Solarkraftwerke aber gebaut werden, desto stärker - so die Rechnung - sinken die Produktionskosten. Außerdem dürften die Produktionskosten für konventionellen Strom eher steigen als sinken. Patt und seine Kollegen rechnen daher damit, dass die Subventionierung des Saharastroms nach rund zehn bis 15 Jahren enden wird.

Die Pläne einer Strompartnerschaft über das Mittelmeer scheinen jedenfalls konkreter zu werden. Ein britischer Konzern soll bereits mit nordafrikanischen Staaten über Solarstrom verhandeln und auch der von Frankreich angestoßene Mittelmeer-Solarplan nimmt Gestalt an. Am 3. Juli stellt eine von der Europäischen Klimastiftung geförderte Arbeitsgruppe, an der auch mehrere namhafte Netzbetreiber beteiligt sind, ihr Konzept für ein Übertragungsnetz vor, mit dem Solarstrom nach Europa geleitet werden kann. Und am 13. Juli treffen sich die 20 Großunternehmen unter Leitung der Münchener Rück, um das deutsche 400-Milliarden-Projekt aus der Taufe zu heben. „Es ist wichtig diese Verhandlungen und Diskussionen jetzt zu beginnen“, fordert auch IIASA-Forscher Tony Patt. Denn Europas Ziel, bis 2050 70 oder gar 80 Prozent seines Stroms aus erneuerbaren Quellen zu schöpfen, wird sich ohne Solarthermie nicht erreichen lassen.


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