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Stausee als Erdbebenauslöser?

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 19.06.2009 10:13

Am 12. Mai 2008 traf völlig überraschend ein starkes Erdbeben die innerchinesische Provinz Sichuan. 70.000 Menschen starben, weitere 18.000 gelten auch heute noch als vermisst, die materiellen Schäden sollen 20 Milliarden US-Dollar übersteigen. Die Erschütterung hatte eine Magnitude von 7,9 auf der Magnitudenskala. Schon unmittelbar nach dem Beben wurden Stimmen laut, bei dem Ereignis könnte auch der Zipingpu-Stausee eine Rolle spielen. Sein Damm befindet sich nur 5,5 Kilometer vom Epizentrum entfernt. Die Diskussion dauert an, ist allerdings weitgehend auf Vermutungen angewiesen. Die ausschlaggebenden seismischen Daten, die die Zusammenhänge klären könnten, sind nämlich unter Verschluss.

Zipingpu-Damm, SichuanChina versucht, seinen stark wachsenden Energiebedarf unter anderem mit Wasserkraft zu decken. Zahlreiche Talsperren sind in den vergangenen Jahrzehnten errichtet worden, der Drei-Schluchten-Stausee am Jangtse ist da nur der größte. Im Zusammenhang mit dem starken Erdbeben in Sichuan ist ein anderes Bauwerk ins Gerede gekommen, der Zipingpu-See am Min-Fluss, einem Nebenfluss des Jangtse. Ihm schrieben Geologen vor Ort bereits kurz nach dem 12. Mai 2008 eine Rolle bei dem Beben zu. Ihre Vorstellungen wurden auf der Herbsttagung der Amerikanischen Geologischen Union im vergangenen Dezember wiederholt und auch vom führenden Wissenschaftsjournal „Science“ aufgegriffen. Zurzeit sieht es so aus, als ob es innerhalb Chinas eine Diskussion um die Rolle des Sachverhalts gibt.

Stauseen als Auslöser von Erdbeben sind keineswegs eine abstruse Idee. Zahlreiche Beispiele aus aller Welt sind bekannt. Das schwerste bekannte dieser „Reservoir-induzierten Beben“ ereignete sich 1967 an der Koyna-Talsperre im indischen Bundesstaat Maharashtra, 200 Kilometer südlich von Bombay. Damals kam es zu einem Beben der Stärke 6,3, das 200 Menschenleben forderte. Stauseen können - so die Vorstellung der Geophysiker - auf zwei Arten Beben auslösen. Der Wasserkörper der Talsperre kann durch sein schieres Gewicht die Erdkruste zusammendrücken und dadurch bereits bestehende Spannungen zur Entladung bringen. Das Wasser selbst kann aber auch in die Störungen unterhalb des Sees eindringen und dort bei zwei miteinander verhakten Erdkrustenblöcken als Schmiermittel wirken. Bei der Plattentektonik, die die Krustenplatten über die Erdoberfläche schiebt, spielt Wasser genau diese Rolle. Daher ist so etwas grundsätzlich auch bei künstlichen Seen denkbar. „Allerdings können sie immer nur Erdbeben auslösen, deren Spannung sich bereits im Untergrund aufgebaut hat“, so Professor Rainer Kind, Seismologe am Geo-Forschungszentrum in Potsdam. Um die gewaltsamen tektonischen Entladungen aber tatsächlich auch zu verursachen, sind Stauseen bei aller Größe doch zu klein und punktuell.

Ausbreitung Sichuan-Beben 12.05.08Was die Experten beim Sichuan-Beben wundert, ist seine Stärke. Der Zipingpu-See hätte ein unvergleichlich größeres Beben ausgelöst als alle bisher bekannten Fälle. Im Vergleich mit dem 6,3-Beben in Koyna setzte das Beben in Sichuan 177-mal mehr Energie frei. „Das macht die Sache so problematisch“, erklärt Rainer Kind. Der Zipingpu-Stausee hat eine Länge von rund 21 Kilometern und ein Volumen von rund 315 Millionen Kubikmetern. Bei dem Beben riss jedoch die Erdkruste über eine Länge von 300 Kilometern - und wie es aussieht, riss sie durch die gesamte Dicke der Kontinentalplatte, also rund 30 oder 40 Kilometer tief.

Als Auslöser, der eine sich im Untergrund aufbauende Spannung nur löste, ist der Stausee dagegen durchaus denkbar. Denn das gewaltige Reservoir wurde von 2006 an innerhalb von nur zwei Jahren gefüllt - in den Monaten vor dem Beben wurden zum ersten Mal die Schleusen des Dammes geöffnet, um den Spiegel des Stausees genau auszupegeln. Schon kurz nach dem Beben hatte daher ein Mitarbeiter des örtlichen Geologischen Dienstes die Vermutung geäußert, diese Laständerungen hätten ein Beben auslösen und sogar verstärken können.

Sichuan-Beben, 12.05.08, BebenkarteBeben sind nämlich am Ostrand des Hochlandes von Tibet nicht ungewöhnlich. Man befindet sich dort am östlichen Rand der größten Knautschzone, die die Erde kennt. Von Süden bohrt sich der indische Subkontinent in die eurasische Platte und faltet dabei den Himalaya und das tibetische Hochland auf. Sichuan liegt am Rand dieser Zone und bekommt die seit 50 Millionen Jahren andauernde Kollision durch immer wiederkehrende Erdbeben zu spüren. Der Zipingpu-Staudamm liegt genau über einer der Störungszonen, in denen sich die Spannungen zu entladen pflegen.

Ob der Damm tatsächlich eine Rolle gespielt hat, ist allerdings nur zu entscheiden, wenn die Messwerte des seismischen Überwachungsnetzes in der Region ausgewertet werden können. „Man muss die ganz detaillierten Daten vor und nach dem Beben ansehen“, so Rainer Kind, „um eine Änderung in der Seismizität erkennen zu können.“ Das aber ist momentan nicht möglich, denn die Daten werden unter Verschluss gehalten. Dass es in der Staudamm-Region ein Messnetz gibt, hält Seismologie-Experte Kind für sicher, „aber“, so sagt er auch, „wir wissen noch nicht einmal, wie es aufgebaut ist“. Ob das Ausland in Zukunft mehr erfahren wird, bleibt abzuwarten. Für Rainer Kind, dessen Institut seit langem enge Kontakte ins Reich der Mitte hat, ist es aber ein ermutigendes Zeichen, dass Diskussionen überhaupt öffentlich geführt werden. Schlüsse auf andere Dämme können ohnehin nicht gezogen werden, denn für jede Talsperre gilt, dass die geologischen Gegebenheiten vor Ort das Geschehen diktieren und damit auch die Einflussmöglichkeiten eines Stausees.

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