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Stets am Rand der Auslöschung

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 30.06.2014 10:27

Als sich vor rund 50.000 Jahren moderne Menschen und Neandertaler in Europa begegneten, lag eine lange Entwicklung hinter den beiden eng verwandten Menschenarten. Das meiste davon verlief im Dunkel der Vorgeschichte, denn die fossile Überlieferung ist äußerst lückenhaft. Doch ein Zufall hat in der spanischen Sierra de Atapuerca einen detaillierten Einblick in die Entwicklung des Neandertalers ermöglicht. In "Science" stellen spanische Archäologen 17 Individuen aus der Frühzeit dieses Zweigs der Menschen vor.

Juan Luis Arsuaga mit einem Fundstück in der Sima de los huesos. (Bild: Science/Javier Trueba, Madrid Scientific Films)Kaum Erkenntnisse gibt es über die frühe Entwicklung der Neandertaler, genauso wie über die Veränderungen, die unser Zweig der Menschheit durchmachte. Ihr letzter gemeinsamer Vorfahr stammt aus der Linie des Homo erectus und dürfte vor mindestens 500.000 Jahren gelebt haben. Seither lebten beide Zweige auf unterschiedlichen Kontinenten und durchliefen unterschiedliche Entwicklungslinien. Wie unterschiedlich diese waren, zeigte sich, als Homo sapiens aus Afrika auswanderte und in Palästina und Europa wieder auf den Neandertaler traf. Grazil und leicht gebaut trat der moderne Mensch dem größeren, stärkeren und massigeren Eiszeitvetter entgegen. Wie sich die beiden Cousins aus dem gemeinsamen Vorfahren entwickelten und dabei voneinander entfernten, bleibt dagegen ziemlich unklar, weil nur ganz vereinzelt Funde ein Schlaglicht auf die Vorgänge werfen. In der Sierra de Atapuerca im spanischen Norden bietet sich allerdings durch einen Zufall ein Blick in die Entwicklungsgeschichte des Neandertalers, und der zeigt, wie schnell dessen Entwicklung verlaufen sein muss. In der Sima de los huesos, einer treffend Knochengrube genannten Fundstelle, graben spanische Wissenschaftler schon seit Jahren und haben inzwischen zahlreiche Fossilien einer frühen Spielart vom Zweig der Neandertaler gefunden - aufwendige Untersuchungen haben die Knochen von insgesamt 17 Individuen jetzt auf ein Alter von etwa 430.000 Jahren datiert. Sie sind aufgrund ihrer anatomischen Ähnlichkeit offenkundig eng miteinander verwandt und stammen grob aus derselben Zeit. Doch da der Datierungsrahmen mindestens 30.000 Jahre umfasst, waren sie sicherlich keine Zeitgenossen. Warum ihre Überreste zusammen gefunden wurden, wissen die Forscher um Juan Luis Arsuaga von der Universidad Complutense in Madrid nicht, dass es Zufall war, schließen sie allerdings aus.

Schädel 9 aus der Sima de los huesos. Alter: ca. 430.000 Jahre. (Science/Javier Trueba, Madrid Scientific Films)Die 17 Individuen, von denen sieben erst jüngst entdeckt wurden, zeigen einen Schritt auf dem Weg zum hoch entwickelten Neandertaler, wie er bis vor etwa 30.000 Jahren in Europa lebte. "Sie gehörten keinesfalls zur selben Art, wohl aber zu der Gruppe innerhalb der menschlichen Arten, in der sich der Neandertaler entwickelte", betont Juan Luis Arsuaga in einer Telefonkonferenz. Die Fossilien haben zwar schon dessen stark entwickeltes Gesicht mit seinen breiten Kieferknochen und den auffallenden Oberaugenwülsten. Ihnen fehlt allerdings noch das große Gehirn des späteren Neandertalers, dessen Volumen sogar das des modernen Menschen übertraf. "Damit ist ganz klar", so Arsuaga, "dass sich das gesamte Merkmalsspektrum des Neandertalers nicht auf einmal entwickelte." Stattdessen glauben seine Kollegen und er, dass sich das Neandertaler-Erscheinungsbild schubweise entwickelte und damit die prekäre Situation dieser Menschen im Gletschervorfeld des eiszeitlichen Europas widerspiegelte. Die Fossilien aus der Sima de los huesos fallen in den Übergangszeitraum von der Mindel-Eiszeit in eine rund 50.000 Jahre währende Warmzeit. Selbst in dieser Zeit waren die Menschen in Europa stets von den unberechenbaren Gletschern bedroht. Im Norden des Kontinents lag weiterhin eine gewaltige Eiskappe und auch von den Gebirgen stießen immer wieder Gletscherzungen vor. Die frühen Neandertaler konnten wegen des kargen Nahrungsangebots nur in kleinen Gruppen überleben und oft genug wurden diese Gruppen ausgelöscht. "Im heutigen Deutschland und auf den Britischen Inseln blieb die menschliche Besiedlung sporadisch mit wiederkehrenden Zusammenbrüchen aufgrund des wechselhaften Klimas", schreibt der Direktor des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie Jean-Jacques Hublin in einem Kommentar für "Science". Wenn eine ganze Gruppe den harschen Bedingungen zum Opfer fiel, gingen auch ihre gesamten Erbanlagen verloren. Bei einer schon grundsätzlich kleinen Bevölkerung erhielt das Zufallselement der Gendrift durch die häufige Auslöschung lokaler Populationen eine entscheidende Rolle. Das mag die schnelle und auffällige Entwicklung des Neandertalerzweiges erklären.

Blick in die Sima de los huesos, Sierra de Atapuerca, Spanien. (Bild: Science/Javier Trueba, Madrid Scientific Films)Irgendwann entwickelte sich im Neandertalerzweig der Menschenfamilie auch das große Gehirn. Das geschah wohl ähnlich wie bei den anatomisch modernen Menschen, aber eben nicht genauso. "Die Gehirne der beiden Arten sind anatomisch unterschiedlich", schreibt Hublin. Das Kleinhirn und bestimmte Areale des Großhirns waren beim Neandertaler weniger entwickelt als bei den modernen Menschen, obwohl das schiere Gehirnvolumen größer war. Auch unter den 87 Genen, die bei den Neandertalern anders sind als bei den modernen Menschen, sind etliche, die die Gehirnfunktionen und vor allem die Verschaltung zwischen Gehirnarealen und Nervenzellen betreffen. Im Endeffekt unterschieden sich die Cousins möglicherweise doch stärker voneinander als die Anatomie nahelegt. Jüngste Untersuchungen legen nahe, dass die Kluft zwischen beiden Arten bereits so breit war, dass Paarungen zwischen ihnen vermutlich oft Nachkommen mit geringerer Fruchtbarkeit hervorbrachten. Unklar bleibt jedoch weiterhin, warum sich die kleineren und schwächeren modernen Menschen sogar in einer Umgebung durchsetzten, an die sich die Neandertaler über Jahrhunderttausende perfekt angepasst hatten. "Die archäologische Überlieferung hält Unmengen an Informationen über Werkzeugtechnologien und Nahrungsbeschaffung bereit", schreibt Hublin, "aber über so zentrale menschliche Aspekte wie Paarungsstrategien, Kooperation oder Aggression gegen Konkurrenten schweigt sie sich aus." Genau darin aber, so vermutet der bekannte Anthropologe, dürften die Schlüsselfähigkeiten gelegen haben, die der moderne Mensch exklusiv entwickelte und die ihm dann den Vorteil gegenüber dem Neandertaler verschafften. Es bleibt abzuwarten, ob es den Forschern jemals gelingen wird, in diesen Bereich vorzustoßen.

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