Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Wissen Trotz allem glimpflich davongekommen

Trotz allem glimpflich davongekommen

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 17.12.2015 14:13

Nepal kämpft immer noch mit den Folgen des schweren Erdbebens vom 25. April 2015. Ein Dreiviertel Jahr nach der Katastrophe hat der Wiederaufbau in dem armen Himalajastaat immer noch nicht wirklich begonnen. Die vier Milliarden Dollar internationale Aufbauhilfe sind weiterhin unangetastet. Dabei ist das Land noch glimpflich davon gekommen. Auf der Herbsttagung der Amerikanischen Geophysikalischen Union (AGU) in San Francisco präsentieren Wissenschaftler eine Bestandsaufnahme der Erdrutsche, die sich nach dem Beben ereigneten, und sie zeigen an einem Beispiel, wie heftig diese hätten ausfallen können.

Eine Frau auf den Trümmern ihres Hauses in Singla (Himalaja). (Foto: Asian Development Bank/S. J. Thrapa)Rund 9000 Menschenleben kosteten das schwere Gorkha-Erdbeben vom 25. April 2015 und seine Nachbeben in Nepal. Auf einer internationalen Geberkonferenz am 25. Juni bezifferte die nepalesische Regierung die materiellen Schäden mit rund sieben Milliarden Dollar, was über einem Drittel des Bruttosozialprodukts entspricht. Die Katastrophe hätte für das bitterarme Himalajaland allerdings auch noch bedeutend größer ausfallen können. "Auch wenn es viele Tote und Sachschäden gegeben hat", so Jeff Kargel von der Universität von Arizona in Tucson auf einer Pressekonferenz der AGU in San Francisco, "die Situation hätte viel, viel schlimmer werden können."

Langtangtal: 2012 vor dem Gorkha-Beben und 2015 nach einem Erdrutsch. (Bild: Science/D. Breashears, GlacierWorks)Kargel und ein internationales Team aus neun Nationen legten in San Francisco und zeitgleich im Wissenschaftsmagazin "Science" eine gründliche Bestandsaufnahme der Erdrutsche vor, die sich während und unmittelbar nach der drei Wochen langen Bebensequenz in Nepal ereignet hatten. Im hochgebirgigen Teil des Landes sind Erdrutsche ohnehin an der Tagesordnung, denn die Täler sind tiefeingeschnitten und eng, die Bergschultern sehr steil. Gerade während und nach der Monsunsaison, in der Regenmassen von bis zu 4000 Liter pro Quadratmeter vom Himmel rauschen, werden vielerorts die Hänge in Bewegung gesetzt.

Weniger Erdrutsche als erwartet

Das Gorkha-Beben und seine Nachbeben endeten glücklicherweise vier Wochen vor Einsetzen des Monsuns und verursachten nur eine verhältnismäßig geringe Zahl von Erdrutschen. Die Wissenschaftler um Kargel werteten alle verfügbaren Satellitenaufnahmen aus der Periode unmittelbar vor dem Hauptbeben, während der Bebenserie, die bis Mitte Mai andauerte, und in der Zeit unmittelbar danach aus. Sie zählten 4312 Erdrutsche, die als Folge der Beben auf den Satellitenbildern erkennbar waren. Verglichen mit anderen Beben ist das eine geringe Zahl. Das kalifornische Northridge-Beben von 1994 etwa verursachte 11.000 Erdrutsche, obwohl es mit einer Magnitude von 6Gletschersee: nach dem Beben leichte Schäden am künstl. Abfluss. (Bild: Science/B. Collins, USGS),7 nur 2,2 Prozent der Energie des Gorkha-Bebens freisetzte. Allerdings betrug in Kalifornien die Bodenbeschleunigung bis zum 1,8-Fachen der Erdbeschleunigung. In Nepal wurden Maximalwerte von 0,6 g beobachtet. Auch die zahlreichen Gletscherseen in Nepal wurden offenbar gar nicht oder nur so leicht beschädigt, dass sie nicht ausliefen und Fluten von Schlamm und Wasser ins Tal entliessen.

Einen Monat nach dem letzten schweren Nachbeben traf der erste Monsunsturm Nepal, "und wir hatten wirklich große Sorge, dass die Beben zu zusätzlichen Erdrutschen führten", so Dalia Kirschbaum von der US-Raumfahrtagentur NASA, "weil sie den Untergrund destabilisierten". Tatsächlich haben die US-Forscher und ihre nepalesischen Kollegen auch die Erdrutsche aufgenommen, die während der inzwischen beendeten Monsunsaison abgingen. "Wir müssen jetzt allerdings noch detaillierte geologische und statistische Analysen durchführen", so Jeff Kargel, "um zu sehen, ob es einen Zusammenhang mit den Beben gibt."

Katastrophale Schlammfluten im Mittelalter

Blick auf die Sedimentschichten, auf denen Pokhara erbaut wurde. (Bild: Science/Amelie Stolle)Dass Erdrutsche in den nepalesischen Tälern katastrophale Ausmaße annehmen können, zeigen die Ergebnisse eines Teams aus deutschen, französischen und nepalesischen Geowissenschaftlern unter Leitung des Instituts für Erd- und Umweltwissenschaften der Universität Potsdam, die ebenfalls auf der AGU-Konferenz vorgestellt wurden. "Wir konnten zeigen, dass Nepals zweitgrößte Stadt Pokhara auf Ablagerungen gebaut wurde, die durch drei mittelalterliche Erdbeben mit den Magnituden von größer 8 verursacht wurden", erklärt Wolfgang Schwanghart, Hauptautor der Studie, die ebenfalls in "Science" erschien. Die Wissenschaftler hatten zwischen 2012 und 2014 ausgiebig den Sedimentfächer, auf dem die 255.000-Einwohner-Stadt steht, und auch die Ausläufer in den Nebentälern beprobt.

Blick über das Pokhara-Tal von Sarangkot aus. (Bild: Science/Amelie Stolle)Bis zu 100 Meter dicke Schichten aus Sanden, Tonen, Kieseln und Geröll haben sich über das Pokhara-Tal und seine Nebentäler ergossen, und das in einem Zeitraum von rund 250 Jahren. "Das sind extrem ausgedehnte Ablagerungen, die kaum strukturiert sind und sich über hunderte von Metern mit konstant gleicher Höhe hinziehen", so Schwanghart, "das zeigt, dass es sich um massive Fluten gehandelt hat." Ihren Ursprung haben diese Schlamm- und Gerölllawinen im Quellgebiet des Seti Khola, eines Flusses, der aus dem Annapurnamassiv in Richtung Gangesebene fließt. Im Tal von Pokhara bedecken diese Ablagerungen 148 Quadratkilometer mit bis zu 100 Meter dicken Schichten, in die Seitentäler schwappte die Flutwelle bis zu sieben Kilometer weit.

Die Geowissenschaftler haben vor allem in diesen Seitentälern nach biologischem Material gesucht, Blättern, Zweigen oder Stämmen, das sich mit der Radiokarbonmethode datieren lässt. Herausgekommen ist, dass es drei Sedimentpulse gab: um das Jahr 1100 herum, im Jahr 1255 und im Jahr 1344. "Das erste Beben ist weniger gut bekannt, aber die beiden anderen sind bis auf den Tag genau datiert, weil bei beiden Erdbeben die jeweiligen Könige Nepals gestorben sind", so Schwanghart. Das damalige Pokhara dürfte jedes Mal völlig vernichtet worden sein. Heutzutage wäre es eine ungeheure Katastrophe, denn die Stadt ist innerhalb von gut 20 Jahren von 16.000 auf über 250.000 Einwohner angewachsen.

Erhöhte Wachsamkeit gefordert

Luftbild des nördlichen Pokhara-Tals in Nepal. (Bild: Science/Wolfgang Schwanghart)"Es wird überall gebaut, und das teilweise an nicht gerade den sichersten Bereichen", berichtet Schwanghart. Das führt schon im Alltag zu Problemen. So schneiden sich die Gebirgsflüsse, die das Pokharatal durchfließen, schnell und tief in das weiche Sediment ein, untergraben in rasender Eile Brückenfundamente oder rücken mit ihren Steilufern innerhalb weniger Jahre so dicht an ganze Häuserzeilen heran, dass diese aufgegeben werden müssen. "Außerdem bilden sich innerhalb der Formation Höhlen, weil das Material teilweise ausgewaschen wird", berichtet Schwanghart, "dadurch sind in letzter Zeit häufig Erdfälle oder Senklöcher aufgetreten."

Es sind vor allem diese Alltagsrisiken, die die nepalesischen Behörden interessieren. Das Risiko von extremen Schlammfluten, die durch ein Starkbeben in unmittelbarer Umgebung ausgelöst werden können, tritt demgegenüber in den Hintergrund. Möglicherweise zu Unrecht, denn Pokhara liegt am Rand einer rund 500 Kilometer langen sogenannten seismischen Lücke, die unmittelbar an die Zone anschließt, die im April 2015 das Gorkha-Beben entfesselte. In der seismischen Lücke ist es dagegen seit auffällig langer Zeit beunruhigend still geblieben. 1505 gab es hier das letzte Starkbeben, das auf eine Magnitude von 8,5 und mehr geschätzt wird und damals den zentralen Bereich des Himalaja und weite Teile Nordindiens erschütterte. Seither dürften sich hier gewaltige Energien aufgestaut haben.

Pokhara mit dem Machhapuchhre (6993 m) im Hintergrund. (Bild: Science/Wolfgang Schwanghart)"Das Erdbeben vom April hat keine völlige Entspannung an der Himalaja-Hauptstörung gebracht", erklärt Eric Fielding, Geophysiker am NASA-Jet Propulsion Laboratory, auf der AGU-Pressekonferenz in San Francisco, "die Gefahr von zukünftigen Erdbeben, die wesentlich stärkere Erdrutsche auslösen können, besteht auf jeden Fall." Noch haben die Geophysiker keinen Hinweis darauf, dass das Gorkha-Erdbeben das Bebenrisiko im westlich anschließenden Stück der Störung stark erhöht hat. "GPS-Daten zeigen, dass die Nachbeben im Rahmen des Erwarteten blieben, und wir haben keinen Hinweis, dass die Situation sich verschärft hat", betont Ken Hudnut vom Geologischen Dienst der USA (USGS), "dennoch ist es gut, die Zone mit erhöhter Aufmerksamkeit zu beobachten."