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Trügerische Ruhe am Hellenischen Bogen

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 07.12.2015 16:23

Das östliche Mittelmeer gehört zu den seismisch aktivsten Regionen Europas. Im Zentrum steht der sogenannte Hellenische Bogen südlich von Kreta, wo die Afrikanische und die Ägäis-Platte aufeinandertreffen. In historischer Zeit sind dort bereits einige schwere Beben mit Magnitude 8 und mehr auf der Richter-Skala entstanden. Ein Bericht in den "Geophysical Research Letters" zeigt jetzt, dass der Blick auf rund 5000 Jahre Menschheitsgeschichte in Ägäis und Levante zu kurz ist, um das Risiko angemessen zu erfassen.

Paläo-Küstenlinien in Kreta der letzten 2000 Jahre (Pfeile). (Foto: GFZ/V. Mouslopoulou)Das Risiko für schwere Erdbeben und starke Tsunamis im östlichen Mittelmeer scheint höher zu sein als bisher gedacht. Eine Forschergruppe unter Leitung von Geologen des Deutschen Geoforschungszentrums in Potsdam hat sich den Hellenischen Bogen näher angesehen. So heißt die Zone südlich von Kreta, in der die Afrikanische Krustenplatte unter der Ägäis-Platte, einer kleineren Verwandten, in die Erde sinkt und die etwa in Höhe der Insel Gavdos in einen westlichen und einen östlichen Teil zerfällt. In historischer Zeit, also ungefähr in den vergangenen 5000 Jahren war der westliche Zweig aktiv und hat einige schwere Beben ausgelöst. Eines davon war verheerend: 365 nach Christus entfesselte es einen Tsunami, der die ägyptische Hafenstadt Alexandria zerstörte. "Der östliche Teil wurde dagegen immer als aseismisch angesehen, aber tatsächlich hat er in der Vergangenheit ähnlich viele schwere Beben hervorgebracht wie der westliche Teil", berichtet Vasiliki Mouslopoulou vom GFZ, die die Arbeitsgruppe leitet.

Der Grund für die Fehleinschätzung: Man hat mit 5000 Jahren nicht weit genug in die Vergangenheit geblickt. "Wir leben einfach zufälligerweise in einer Phase, in der der östliche Teil ruhig ist", so Mouslopoulou, die zusammen mit ihren Kollegen die Südküste Kretas nach Spuren starker Beben abgesucht hat. Die Geologen kontrollierten die bis zu 23 Meter hohen Steilküsten auf Horizonte, die frühere Strände anzeigen. "Wir fanden mehr als zehn diese Paläoküstenlinien und haben sie anhand von Muschelschalen, die wir aus jeder einzelnen herauslösten, datiert." Die Forscher um Mouslopoulou konnten so den Beobachtungszeitraum um das Zehnfache auf die vergangenen 50.000 Jahre ausdehnen.

Typische Meeresfauna (Dendropoma), die zur Altersbestimmung der Paläo-Küstenlinien verwendet wurden. (Foto: GFZ/V. Mouslopoulou)Dabei sahen sie, dass die schweren Beben im Hellenische Bogen in Clustern auftreten. Diese Cluster traten in der Zeit von vor 20.000 bis vor 5000 Jahren auf beiden Segmenten des Bogen gleichermaßen auf, davor und in den 3000 Jahren danach bis zur Zeitenwende blieb es dagegen ruhig. Seit 2000 Jahren haben sich beide Segmente unterschiedlich entwickelt. Im Westen herrscht Unruhe, die zu starken Erdbeben führt, im Osten blieb es dagegen ruhig. Doch diese Ruhe ist trügerisch. "Auf lange Sicht können beide gleichermaßen eine große Zahl starker Erdbeben auslösen", sagt Vasiliki Mouslopoulou.

Gesamte Anhebung in West- und Ost-Kreta während der letzten 50.000 Jahre. (Foto: GFZ/Vasiliki Mouslopoulou)Diese Beben entstehen offenbar gar nicht an der Kontaktfläche der beiden Krustenplatten selbst, sondern an sekundären Störungen auf der Ägäis-Platte, die einige Kilometer von deren eigentlichem Rand entfernt liegen. Die Energie, die beide Platten durch die Subduktion aufbauen, wird dagegen zum größten Teil aseismisch, also ohne ruckartige Bewegungen abgebaut. Dennoch reicht die Aktivität aus, um das Erdbeben- und Tsunamirisiko im östlichen Mittelmeer drastisch zu erhöhen.

"Wenn man mich fragt, wo das nächste große Erdbeben in der Region höchstwahrscheinlich stattfinden wird", so Mouslopoulou, "würde ich sagen: Eher im Osten als im Westen des Hellenischen Bogens." Das aber bleibt in den Risikoabschätzungen bisher völlig unberücksichtigt, weil man das östliche Bogensegment nicht als erdbebenträchtig ansah. "Die Behörden in Nordafrika, in der Türkei, Griechenland, Italien und Malta sollten das bei ihren Planungen berücksichtigen", fordert die griechische Geologin, "und sie sollten die Bevölkerung über das Risiko informieren."