Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Wissen Turbulenzen auf dem Weg

Turbulenzen auf dem Weg

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 10.04.2013 18:44

Eine der unangenehmsten Erscheinungen des Luftverkehrs sind Turbulenzen in der oberen Troposphäre, die die Piloten häufig nicht erkennen können. Wenn es dann nur "Bitte anschnallen" heißt, können Passagiere zufrieden sein. Oft aber werden Menschen verletzt, wenn ein Flugzeug unvermittelt in ein Luftloch fällt. Auf jährlich rund 150 Millionen Dollar werden die Kosten für ihre Behandlung und für Schäden an den Flugzeugen geschätzt. Die Situation könnte sich in Zukunft verschärfen, zumindest im am stärksten beflogenen Korridor der Welt, der Nordatlantikroute. Auf der Jahrestagung der Europäischen Geowissenschaftlichen Union in Wien stellte ein britischer Wissenschaftler Simulationsergebnisse des dortigen Jetstreams für die nächsten 50 Jahre vor. Die Studie ist in "Nature Climate Change" erschienen.

"Die durchschnittliche Stärke einer Turbulenz im Jetstream wird bis zur Mitte des Jahrhunderts um zehn bis 40 Prozent steigen", erklärt Paul Williams von der Universität Reading auf der EGU-Tagung in Wien, "und sie wird sich in der Ausdehnung verdoppeln." Der Jetstream ist eine schnelle Atmosphärenströmung im Grenzbereich der Troposphäre zur Stratosphäre, die in sieben bis zwölf Kilometern Höhe in West-Ost-Richtung fließt. Dadurch fliegen Jets, die in Nordamerika starten, wesentlich leichter als solche, die in Gegenrichtung unterwegs sind.

Simulation des Jetstreams im Jahr 2050. (Bild: Nature Climate Change/Paul Williams, University of Reading, UK)"Die Wahrscheinlichkeit", so Williams, "dass ein solcher Flug auf ein schweres Luftloch trifft, wird sich nahezu verdoppeln." Derzeit trifft das einen von 100 Flügen, in 40 Jahren werden es zwei sein. Rund 600 Flüge gibt es jeden Tag zwischen Europa und Nordamerika, je 300 in jeder Richtung. Dabei haben die Flugzeuge, die von Europa aus starten, eine höhere Chance, auf ein Luftloch zu treffen als die in Gegenrichtung. Grund ist der Klimawandel, der sich auch an der Grenze zur Stratosphäre bemerkbar macht. "Der Jetstream neigt zu Turbulenzen, wenn er beschleunigt, und das geschieht in den kommenden Jahrzehnten", erklärt Williams. Er und sein Kollege Manoj Loshi von der Universität von East Anglia haben die prognostizierten Klimaveränderungen in Computersimulationen des Jetstreams durchgespielt. Danach schwächt sich die Temperaturdifferenz zwischen dem Äquator und den nördlichen Breiten ab, was die  Fließgeschwindigkeit des Luftstroms verstärkt - mit direkten Auswirkungen auf die Turbulenzen. 

Derzeit versuchen Piloten, Turbulenzen nach Möglichkeit zu umfliegen, die Flugzeuge fallen nur in die Luftlöcher, die ohne jegliche Anzeichen entstehen. Instrumente, mit denen die Wirbel erkannt werden können, gibt es keine, im Cockpit muss man sich auf Berichte von Kollegen stützen, die die Strecke zuvor durchflogen haben. In Zukunft dürften Passagiere Umwege und rumpelnde Begegnungen mit einem Luftloch vermehrt erleben. Die Ausweichrouten könnten die Flugzeiten verlängern, werden auf jeden Fall aber die Preise erhöhen. Sie kosten schließlich zusätzlichen Treibstoff, und der ist einer der größten Posten auf der Flugrechnung.