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Überraschender Fund im Abraum

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 11.09.2007 19:12

Manchmal verstecken sich im Abraum wahre Schätze. Einen solchen Schatz präsentierten jetzt Tübinger Archäologen stolz der Öffentlichkeit: eine 3,7 Zentimeter lange Figur aus rötlich-schwarz geflecktem Elfenbein, die offensichtlich einen Elefanten - richtiger ein Mammut - darstellt. Was die wie ein viel be- und damit auch abgenutztes Spielzeug aussehende Figur so bedeutend macht, ist ihr Alter. Auf ein Alter zwischen 30.000 und 36.000 Jahren datieren die Tübinger Forscher das Mammut, verlegen es also in die Zeit, als der moderne Mensch sich im eiszeitlichen Europa ausbreitete und den Neandertaler verdrängte.

Die Figuren - neben dem Mammut wurden Elfenbeinfragmente eines Löwen und eines weiteren Mammuts sowie zwei noch unidentifizierte Stücke gefunden - sind nicht die ersten Eiszeit-Kunstwerke, die auf der Schwäbischen Alb gefunden wurden. Seit der Urgeschichtler Gustav Riek in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts die Höhlen im Lonetal entdeckte und die ersten Kunstwerke ausgrub, wurde eine große Zahl von Skulpturen und sogar das vermutlich älteste Instrument der Welt, eine Flöte aus Bein, gefunden. Die Namen Vogelherd, Geißenklösterle, Hohlefels und Hohlenstein-Stadel stehen seitdem für Kunstwerke aus der Morgendämmerung der Menschheit.

Das jüngst gefundene Mammut ist eine der frühesten vollständig erhaltenen Skulpturen der Menschheit. Foto: Uni Tübingen/Jensen, Lingnau

Das jetzt vorgestellte Mammut ist das erste nahezu unversehrte Stück der Kollektion. Rüssel, Beine, selbst der Stummelschwanz sind unbeschädigt erhalten geblieben. Entdeckt wurde es im vergangenen Jahr buchstäblich im Abfall. Studenten des Tübinger Instituts für Ur- und Frühgeschichte durchsuchten nämlich den Abraum, den Gustav Riek 1931 bei seinen Ausgrabungen in der Vogelherdhöhle hatte beiseite schaffen lassen. Dieses Erdreich wurde seit mehr als 75 Jahren gelagert und wird seit 2005 systematisch durchsucht. Bislang ist erst ein Fünftel gesichtet worden, doch die Ausbeute kann sich sehen lassen. Direkt datiert sind die Figuren freilich nicht und auch die stratigraphische Einordnung, die Zuordnung zu konkreten, datierbaren Bodenschichten fällt schwer, da die Funde schließlich im Abraum gemacht wurden. Doch gibt es Radiokohlenstoff-Daten für die Vogelherd-Höhle an sich, die alle auf die Zeit des Aurignacien hinweisen. Das ist die älteste Periode der jüngeren Steinzeit, sie begann vor 35.000 Jahren und wird von den meisten Wissenschaftlern dem modernen Menschen zugeordnet wird.

Die Schnitzereien von der Schwäbischen Alb sind die ältesten figürlichen Darstellungen der Menschheitsgeschichte. Die berühmten Felszeichnungen von Tieren und jagenden Menschen aus den Höhlen im französischen Lascaux sind dagegen erst 25.000 Jahre alt. Mit den jüngsten Funden sind es jetzt mehr als 20 Figürchen, die die Forscher an vier nahe beieinander liegenden Fundorten des schwäbischen Donautales gefunden haben. Welchem Zweck die Elfenbeinfiguren dienten, können die Forscher auch nach jahrzehntelanger Diskussion nicht genau sagen. Gerade die größeren Fundstücke, wie etwa den berühmten Löwenmenschen von Hohle Fels, hält der Chef der Tübinger Archäologengruppe, Professor Nicholas Conard, für Bestandteile eines schamanischen Kultes. Welchen Zweck die kleineren Skulpturen, wie das jüngst gefundene Mammut, hatten, muss offen bleiben. An drei Fundorten weisen viele Elfenbeinsplitter und Bearbeitungsreste darauf hin, dass dies Stellen waren, an denen sich die Altsteinzeitmenschen in größerer Zahl und zumindest zeitweise niederließen. Nur der Löwenmensch in Hohlenstein-Stadel wurde ohne begleitenden Bearbeitungsabfall gefunden.

Wer die Menschen waren, die die Elfenbeinfiguren schnitzten, wissen die Urgeschichtler nicht. Die Tübinger glauben allerdings, dass es sich um moderne Menschen, unsere unmittelbaren Vorfahren also, handelte. Erstaunlich ist das plötzliche Auftauchen von Kulturzeichen in Schwaben. Dazu gehören neben den Elfenbeinfiguren auch Ornamente oder Musikinstrumente. Die Tübinger Forscher um Nicholas Conard nehmen an, dass das Donautal vor 30.000 Jahren einen Wanderungskorridor ins Innere Europas darstellte. Dieser Annahmen zufolge war der Kontinent nach einer Eiszeit nahezu entvölkert, so dass sich die modernen Menschen rasant entlang der Donau ausbreiten konnten.