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Überraschendes Mosaik

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 23.06.2009 10:46

Die ersten Europäer konnten bereits aufrecht gehen. Das klingt erst einmal nicht besonders sensationell, kann doch jeder Mensch aufrecht gehen. Doch diese Europäer aus dem georgischen Dmanisi sind fast 1,8 Millionen Jahre alt und gehören zu den frühesten Vertretern unserer Gattung Homo. Vom aufrechten Gang abgesehen tragen sie erstaunlich primitive Züge, ein Zeichen dafür, dass der Übergang vom Vor- zum Frühmenschen gleitend war und offenbar nicht nur in Afrika vor sich ging. In der Wissenschaftszeitschrift „Nature“ berichtet ein internationales Paläontologenteam über den seltenen Fund

Dmanisi ist eine mittelalterliche Ruinenstadt tief im georgischen Teil des Kaukasus. Sie ist strategisch günstig am Zusammenfluss zweier Flüsse gelegen und wurde vermutlich im 5. Jahrhundert nach Christus angelegt. Ihre Blüte erlebte die Stadt unter den georgischen christlichen Königen im 12. Jahrhundert, doch in den nachfolgenden Kriegen mit den Türken und Mongolen wurde sie mehrfach zerstört und schließlich nicht mehr aufgebaut. Seit den 30er Jahren bemühen sich Archäologen um die Erforschung der mittelalterlichen Stadt. Nachdem 1991 ein Team der georgischen Akademie der Wissenschaften und des deutschen Römisch-Germanischen Zentralmuseums in den Kellern der Ruinenstadt den Schädel des ältesten außerafrikanischen Menschen entdeckte, ist die Stadt auch ein Mekka für Paläoanthropologen. Der damalige Ausgrabungsleiter David Lordkipanidze leitete auch die jüngsten Ausgrabungen.

 Femur, klein







Der Oberschenkelknochen eines fast 1,8 Millionen Jahre alten Frühmenschen aus Dmanisi. Foto: Nature/Georgisches Nationalmuseum

Die jetzt entdeckten Knochen stammen von drei Erwachsenen und einem Jugendlichen und bestehen aus Arm- und Beinknochen, Bestandteilen der Schulter, der Wirbelsäule, der Hände und Füße. Mangels besserer Alternativen werden diese Fossilien zurzeit dem Homo erectus zugeordnet, dem ersten halbwegs greifbaren Vertreter der Gattung Homo. Von seinen Vorläufern Homo rudolfensis und Homo habilis gibt es zu wenige Fossilien, als dass man sie in Betracht ziehen könnte. Lordkipanidzes Versuche, die Dmanisi-Funde als Fossilien einer neuen Menschenart, dem Homo georgicus, zuzuweisen, sind bislang ebenfalls erfolglos geblieben.

Homo erectus lebte nach den bisherigen Fossilienfunden zu urteilen im Zeitraum von 1,8 bis einer Million Jahre vor heute und besiedelte ein weites Gebiet von Afrika über Georgien bis Java und China. Mit den jetzt entdeckten Fossilien zeigt sich die Art allerdings von einer gewaltigen Variationsvielfalt, die wesentlich größer ist als die der modernen Menschen. Sie stellt selbst die der Gorillas in den Schatten, die wegen der Unterschiede zwischen den Geschlechtern von allen heutigen Vertretern der Primaten die größte Varianz aufweisen.

Homo erectus als variantenreiche Menschenart

Falls sich die Einordnung der Fossilien halten lässt, sind die georgischen Funde die bisher primitivsten Homo-erectus-Vertreter. Aus ihren Knochen lässt sich ein „überraschendes Mosaik aus primitiven und weiter entwickelten Merkmalen“, ableiten, wie die Autoren in „Nature“ schreiben. Weiter entwickelt ist auf jeden Fall der aufrechte Gang. Das schließen die Wissenschaftler aus der Länge der Beine, einer S-förmigen Wirbelsäule und einem gut ausgebildeten Fußgewölbe. Alle drei Merkmale haben die Dmanisi-Fossilien mit uns heutigen Menschen gemeinsam, was sie von den Vormenschen der Gattung Australopithecus unterscheidet. „Sie sind ein untrügliches Zeichen für den federnden zweibeinigen Gang, der es erlaubt, weite Strecken gehend, laufend oder rennend zurückzulegen“, erklärt Team-Mitglied Christoph Zollikofer, Anthropologieprofessor an der Universität Zürich.

Nicht besonders weit her ist es dagegen mit der Gehirnmasse der georgischen Homines erecti: Sie glich viel stärker den Australopithecinen als den späteren Homo-erectus-Fossilien. Und auch Körpergröße und geschätztes Gewicht rücken die Dmanisi-Fossilien eher in Richtung der Vormenschen als in Richtung des Homo erectus. Kein Wunder, dass die Debatte um die georgischen Fossilien heftig wogt. „Es sind wirkliche Übergangsformen, die weder als archaische Hominiden wie die Vormenschen eingeordnet werden können, noch eindeutig urtümliche Angehörige unserer Gattung Homo sind“, erklärt der Paläoanthropologe Bernard Wood von der George-Washington-Universität in Washington D.C. in der Wissenschaftszeitschrift „Science“. Eins zeigen die neuen Funde aus dem georgischen Kaukasus jedoch in jedem Fall: Der Stammbaum des Menschen ist nicht nur an der Wurzel wesentlich verworrener als bisher gedacht, sondern auch in seinen höheren Partien. Die bisher so klare und eindeutige Linie von den frühesten Vormenschen bis zum heutigen Homo sapiens sapiens ist vor allem eine Folge der geringen Fossilienzahl, die wir aus unserer eigenen Entstehungsgeschichte kennen.

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