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Überraschendes Wachstum

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 07.12.2007 11:48

Wenn man den Klimawandel sucht, richten sich die Blicke zuallererst auf die Pole. Das Verschwinden des Meereises, das Abbrechen von Schelfeisblöcken oder das Beschleunigen der Eisströme gelten als erste Anzeichen des Klimawandels, und die beiden Polregionen als die anfälligsten Gebiete auf unserem Planeten. Doch die Veränderungen laufen auch in anderen Zonen der Erde und stellen dort alles, was die Modelle vorhersagen, in den Schatten. In der ersten Ausgabe der neuen „Nature Geoscience“ fassen Forscher der US-Wetter- und Ozeanographiebehörde NOAA die jüngsten Erkenntnisse über den breiten Tropengürtel zusammen, der am irdischen Äquator entlangläuft.


Dieser Gürtel hat sich in den vergangenen 25 Jahren in Richtung der beiden Pole geschoben. „Es gibt eine ganze Anzahl von Maßstäben, mit denen wir die Breite des Tropengürtels messen“, erklärt NOAA-Forscherin Dian Seidel, „aber alle deuten gleichermaßen darauf hin, dass sich die Tropen in den vergangenen 25 Jahren um einige Breitengrade ausgedehnt haben.“ Um durchschnittlich 2,5 Grad rückte die warme, feuchte und daher üppig begrünte Klimazone polwärts, das sind immerhin 280 Kilometer auf jeder Seite.


Im Vergleich zu 1980 seien die Tropen heute um mehr als 20 Millionen Quadratkilometer größer, so Seidel. Der Nachteil: die warmen und trockenen Subtropen, die unmittelbar anschließen, wandern ebenfalls polwärts. „Am Äquator steigen feuchte Luftmassen auf, die den feuchten Tropen den Regen bringen. Aber an den Rändern dieser Konvektionszelle sinkt die nun sehr viel trockenere Luft wieder ab, und dort schließen sich die subtropischen Wüstenzonen an“, erklärt Seidel. Das bedeutet wachsende Trockenheit und Hitze für dicht bevölkerte und hoch entwickelte Regionen wie etwa den Mittelmeerraum, Südafrika oder Südaustralien, den Süden der USA und Mexiko.

Was die Forscher besonders überraschte: Das Ausmaß dieser Verlagerung übertrifft alle Voraussagen der gängigen Klimamodelle für unser 21. Jahrhundert. „Obwohl es ziemliche Unterschiede zwischen den Prognosen der jeweiligen Modelle gibt”, so Seidel, “zeigen die meisten doch nur eine Ausdehnung von zwei Breitengraden für das gesamte Jahrhundert an.” Woran diese Diskrepanz liegt, kann Seidel noch nicht sagen. Ihr Team hat schon einmal einen genauen Blick in die Simulationsdaten geworfen, ob sich darin vielleicht ein Vierteljahrhundert findet, in dem sich der Tropengürtel so stark ausdehnt, um sich danach wieder zurückzuziehen, doch Fehlanzeige. Seidel: „Wir haben keinen 25-Jahres-Zeitraum gefunden, der einen so starken Trend aufweist, wie wir ihn beobachtet haben. Wir scheinen wirklich einen Unterschied zwischen unseren Modellerwartungen und den tatsächlichen Beobachtungen gefunden zu haben.“ Als nächstes wollen die Forscher in den Datenmengen, die die Modelle ausgespuckt haben, nachsehen, ob die Simulationen die Entwicklung in den Tropengürteln während des vergangenen Vierteljahrhunderts auch nachvollziehen können. „Das hat man noch nicht genau überprüft“, meint Seidel, „wir wollen eine solche Untersuchung mit unserem Artikel anstoßen.“

Noch lässt sich nicht sagen, ob das Phänomen von vorübergehender Natur ist. Nur so viel ist klar: Derzeit verändern sich die Windmuster der Erde. Wie weit sich die Tropenzone ausdehnen kann, ist wiederum offen. Auf jeden Fall hat ein wachsender Tropengürtel für viele Millionen Menschen gravierende Folgen. Dehnen sich die Tropengürtel dauerhaft aus, rechnen die Forscher mit Kaskadeneffekten – bis hin zur Verlagerung von Meeresströmungen. Das alles muss aber noch näher untersucht werden. „Die gemäßigten Zonen werden von der Verlagerung der großen Sturmbahnen betroffen sein, die ihnen starke Winde und heftige Regenfälle samt Überflutungen bescheren werden“, meint Dian Seidel. Auch dieser Trend zeichnet sich heute schon ab.

Auch der Mechanismus hinter dem derzeit rasanten Wachstumstrend ist noch nicht klar. Der Hauptverdächtige ist der Klimawandel selbst, so Dian Seidel, aber auch Veränderungen in der Ozonschicht oder bei dem Phänomen El Nino könnten eine Rolle spielen. Auch auf die Verteilung von Treibhaus- und Spurengasen kann sich die Ausdehnung der Tropen auswirken. Seidel: „Wasserdampf sowie Fluor- oder Chlorverbindungen wechseln zum Großteil in Tropen an der sogenannten tropischen Tropopause vom unteren Atmosphärenstockwerk ins obere, also in die Stratosphäre. Wächst der Tropengürtel, wächst auch die Fläche dieses ‚Lifts’, und es gelangen mehr Spurengase hinauf.“