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Überraschung aus dem All

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 11.09.2007 19:30

Das Ende kam vor 12.900 Jahren überraschend - und es kam von oben. Den Menschen der Clovis-Kultur im heutigen Nordamerika fiel buchstäblich der Himmel auf den Kopf, als ein gewaltiger Komet über der heutigen Hudson-Bay zerplatzte und seine Trümmer auf den heutigen Mittleren Westen der USA herabhagelten. Die Einschläge verwüsteten weite Teile des Landes, das erst einige Jahrhunderte zuvor von den Gletschern geräumt worden war. Flammen züngelten auf und setzten die Tundra in Brand. Der Komet soll, so sagt es eine großes US-Forscherteam auf der Frühjahrstagung der Amerikanischen Geophysikalischen Union in Acapulco, gleich drei einschneidende Ereignisse ausgelöst haben, deren gleichzeitiges Auftreten bislang für Rätselraten gesorgt hatte. Die dramatische Erklärung wird allerdings von vielen Fachleuten mit Skepsis gesehen.

Vor 12.900 Jahren verschwand die Clovis-Kultur - die lange als erste menschliche Kultur in Amerika gegolten hatte - von der Bildfläche. Zur selben Zeit verschwanden jenseits des Großen Teichs die großen eiszeitlichen Tiere wie Mammuts, Mastodons, Kamele und Pferde. Gleichzeitig markiert dieser Zeitabschnitt den Beginn der Jüngeren Dryas. Diese rund 1000 Jahre lange Kaltzeit unterbrach die Erwärmung, die nach dem Ende der bislang jüngsten Kälteperiode vor rund 18.000 Jahren bereits begonnen hatte. "Wir glauben, dass vor 12.900 Jahren ein Komet über dem Gebiet der Großen Seen explodiert ist und diese drei Ereignisse verursacht hat", erklärt Richard Firestone vom Lawrence Berkeley National Laboratory in Kalifornien. Damals hatten sich die Gletscher gerade bis in Höhe der Großen Seen zurückgezogen und südlich davon eine weite und recht fruchtbare Steppe freigegeben. Viele eiszeitliche Tiere, neben Mammut und Mastodon auch die riesigen amerikanischen Löwen und gewaltige Bären bevölkerten diesen jungen Lebensraum - und eben auch die Menschen, die kurz zuvor aus Asien kommend über die trocken gefallene Beringstraße nach Nordamerika eingewandert waren. All das soll im Blitz der Kometenexplosion vernichtet worden sein, die nächsten Spuren menschlicher Besiedlung in der Gegend sind 500 Jahre jünger.

So wie man es sich vor 65 Millionen Jahren über Yucatan vorzustellen hat, so war es möglicherweise auch vor 12.900 Jahren über den Großen Seen. Foto: Nasa

Der Anlass für diese Hypothese ist eine hauchfeine schwarze Lage. In ihr ist Iridium in höheren Dosen als normal zu finden, metallische Mikrokugeln und mit Nanodiamanten gefüllte Fullerene, Hohlkugeln, die aus 60 Kohlenstoffatomen bestehen. Solche Indizien werden zur Identifizierung anderer Einschläge herangezogen, etwa des berühmten Asteroiden, der vor 65 Millionen Jahren den Chicxulub-Krater vor der Halbinsel Yucatan riss und das Ende der Dinosaurier herbeigeführt haben soll. "Wir haben sie bislang über ganz Nordamerika verteilt gefunden und auch in Belgien", so Firestone, "unserer Ansicht nach ist vor 12.900 Jahren etwas Ähnliches passiert wie 1908 in Tunguska: eben dass ein Komet in der Atmosphäre explodiert ist. "Jedes Indiz für sich genommen kann man anders erklären", so Firestone, "aber zusammengenommen zeigen sie ziemlich deutlich, dass es einen Einschlag gegeben hat.

Und dieser Einschlag muss gewaltig gewesen sein. Luann Becker von der University of California in Santa Barbara, die stets vehement dafür eintritt, dass Einschläge in der Erdgeschichte und der Evolution eine große Rolle gespielt haben: "Das Objekt hatte einen Durchmesser von mindestens vier, fünf Kilometern, und es wurde bei der Explosion wohl ihn in mehrere große Bruchstücke zerlegt. Vielleicht konnte das eine oder andere den Eisschild durchschlagen." Obwohl sich das Eis auf dem Rückzug befand, hätte dieser Eisschild auf dem nordamerikanischen Kontinent noch genügend Masse gehabt, um eine wahre Apokalypse auszulösen. Im Umkreis von 100 Kilometern vom Explosionsort wäre alles verdampft. Wer sich 1000 Kilometer entfernt befunden hätte, wäre noch gekocht worden und noch weiter fort, an der Küste Floridas, hätten ihn die Druckwellen ins Meer hinaus gepustet.

Von wirklich globaler Bedeutung waren aber die indirekten Folgen dieses Einschlags. Die Welt befand sich zu seinem Zeitpunkt bereits seit rund 6000 Jahren auf dem Weg aus der jüngsten Kaltzeit in die derzeit noch andauernde Warmperiode. Überall zogen sich die Gletscher zurück und ließen dem Leben wieder mehr Raum. Dieser Prozess wurde durch die Kometenexplosion für rund 1000 Jahre angehalten und sogar in sein Gegenteil verkehrt. "Der Einschlag traf die Erde wie ein großer Hammer und wirbelte reichlich Staub und Wasserdampf bis in die hohen Atmosphäreschichten hinauf. Glühende Trümmerstücke, die auf die Erde fielen, setzten Nordamerika und wohl auch Teile Europas in Brand. Das behinderte die Sonneneinstrahlung, und es wurde kühl", erklärt Jim Kennett von der University of California in Santa Barbara. Und das weltweit und für rund 1000 Jahre.

Katastrophentheorie stößt auf Skepsis

In Grönland stürzte innerhalb weniger Jahre die Temperatur um acht bis zehn Grad ab und die Gletscher stießen wieder weit vor. Dieser Kälteeinbruch ist seit langem bekannt und heißt Jüngere Dryas. Er ist ein Rätsel, denn es dürfte ihn eigentlich gar nicht gegeben haben, betont Jim Kennett. Doch der Komet, so die Forschergruppe, habe den nordamerikanischen Eisschild destabilisiert und große Schmelzwassermassen, die sonst in Richtung Golf von Mexiko geflossen waren, in den Nordatlantik umgelenkt. Dort unterbrachen sie die gerade wieder in Gang gekommenen Meeresströmungen, die heutzutage für eine gleichmäßige Energieverteilung zwischen den Weltgegenden sorgen. Sie brachen nach der Riesenzufuhr Süßwasser wieder zusammen und es wurde erneut kalt auf der Erde.

Explosion, Flächenbrand, Kälte - das war zuviel für die Eiszeittiere und auch für die Clovis in Nordamerika. In Europa und Asien kam es auch zu tiefgreifenden Veränderungen bei Tieren und Menschen - und all' - nach Ansicht der Forschergruppe - nur, weil ein riesiger kosmischer Schneeball über der Erdoberfläche zerplatzte. Als 1908 vermutlich ein Komet in Tunguska explodierte, wurden reihenweise die Wälder in Kamtschatka flach gelegt, doch eine globale Katastrophe erwuchs aus diesem Ereignis nicht. Warum also vor 12.900 Jahren? "Manche der Schlussfolgerungen scheinen mir ein bisschen stark", meint etwa Gerta Keller, Geologie-Professorin an der Princeton-Universität, gegenüber dem "New Scientist". Keller hat sich einen Namen gemacht als unnachgiebige Kritikerin des "Asteroid rottete Saurier aus"-Szenarios. "Die Theorie sollte untersucht werden", meint Jeff Sieveringhaus, Paläoklimatologe am Scripps Forschungsinstitut für Ozeanographie im kalifornischen La Jolla, "aber es ist doch sehr, sehr unwahrscheinlich, dass ein solches Ereignis einen Klimawandel herbeiführen konnte." Nach der großen Kontroverse um den Asteroideneinschlag an der Grenze von Kreidezeit und Tertiär, deutet sich möglicherweise eine weitere Auseinandersetzung um die Rolle von kosmischen Katastrophen in der Entwicklung des Lebens an.